Grünstadt
Grünstadt: Erwin Lehn – Der Gentleman des Swing
„In dem pfälzischen Kaff Grünstadt“, so formulierte unlängst die „Stuttgarter Zeitung“, wurde vor 100 Jahren der Kapellmeister und Arrangeur Erwin Lehn geboren. Die Titulierung mag Pfälzern nicht gefallen, aber zumindest war der Musiker und Jazz-Pionier dem Schwabenblatt einen Gedenkartikel wert.
Grünstadt erinnert mit Straßennamen an Beethoven und Mozart, an Persönlichkeiten wie Opel, Schweitzer, Planck, Ludwig Maier, Lise Meitner sowie Johann Conrad Seekatz und Johann Adam Schlesinger. Außerdem hat die Stadt ihre Schulen nach Hans Zulliger, Käthe Kollwitz, Jakob Ernst und den Leininger Fürsten benannt. Der 8. Juni 2019 fand hierorts und offiziell im Zusammenhang mit Erwin Lehn keine Beachtung. Immerhin erinnerte das Festival „Palatina Jazz“, das zeitgleich in Speyer stattfand, an den Musiker aus der Pfalz. Der Südwestrundfunk (SWR) widmete dem „Gentleman des Swing“ eine Radiosendung – und das aus gutem Grund, denn der Grünstadter leitete über vier Jahrzehnte das Südfunk-Tanzorchester, aus dem später die SWR-Big-Band hervorging.
Diese Tätigkeit machte ihn in den 1950er und 1960er Jahren zur Institution sowohl im Hörfunk als auch im jungen Medium Fernsehen. „Erwin Lehn und das Südfunk-Tanzorchester“ wurden zur eigenen Marke, zum Aushängeschild des Stuttgarter Senders, zur festen Größe in Sachen Unterhaltungsmusik. Da Jazz und Swing in der Zeit vor und während des Kriegs offiziell verpönt, wenn auch nicht grundsätzlich verboten waren, gilt Erwin Lehn bis heute als Wegbereiter dieses Musikstils.
Große Shows mit eingängigen Melodien sind typisch für die ersten Jahrzehnte des deutschen Fernsehens. Ballettmädchen in glitzernden Kostümen turnten lange Treppen hinauf und hinunter, umringten Stars wie Caterina Valente und Vico Torriani, Marika Rökk und Johannes Heesters, während im Hintergrund Kapellmeister wie Max Greger, Hugo Strasser, Hazy Osterwald, Paul Kuhn oder Franz Grothe schwungvoll ihre mitgliederstark besetzten Orchester dirigierten. Einer der populärsten Big-Band-Chefs war Erwin Lehn.
In Grünstadt geboren und aufgewachsen
Schon seine Eltern Georg Lehn und Helene, geborene Walther, verdienten ihren Lebensunterhalt als Musiker. Unter anderem sorgten sie für die klangliche Untermalung von Stummfilmen, berichtete Erwin Lehn später. Er wurde in Grünstadt geboren und verlebte hier die ersten 14 Jahre seines Lebens. „Ich habe“, so sagte er 2006 im RHEINPFALZ-Gespräch, „noch eine ganze Reihe Verwandtschaft dort“. Auch seine erste Frau – nach Worten Lehns eine „Kriegsehe“, aus der eine Tochter hervorging – kam von der Weinstraße.
Nachdem er von Kindesbeinen an Klavier, Violine und Klarinette gespielt hatte, ging er 1934 nach Peine bei Hannover, wo er die Musikschule der Stadtkapelle besuchte. Seine Soldatenzeit verbrachte er überwiegend im Musikkorps. Noch während des Kriegs lernte er den späteren Schlagerstar Bully Buhlan kennen, der ihn im August 1945 als Pianist und Arrangeur zum Tanzorchester von Radio Berlin vermittelte.
Nach dem Fortgang Michael Jarys übernahm er – zunächst gemeinsam mit Horst Kuditzki – dessen Leitung. Als Lehn sich weigerte, am Maifeiertag 1950 bei einer Parteiveranstaltung der ostzonalen SED zu spielen, lösten die Sowjets das Orchester kurzerhand auf.
So ging Erwin Lehn nach Stuttgart, wo der Süddeutsche Rundfunk (SDR) gerade ein eigenes Tanzorchester aufbaute. 1951 wurde er dessen Leiter – und blieb 40 Jahre lang sowohl künstlerischer als auch unternehmerischer Chef der swingenden Big Band. „Wenn man gute Tanzmusik machen will“, sagte er, „muss man Jazz-Musiker in der Band haben. Denn die bringen das notwendige Swing-Gefühl mit.“
Erwin Lehn und das Südfunk-Tanzorchester standen für gepflegte Rhythmen, für lockeren Swing und nonchalant-tanzbaren Jazz, dessen Interpretation sich durch die Präzision und stilistische Sorgfalt des Dirigenten auszeichnete. Lehn indes zog sich nicht allein aufs Arrangieren zurück, sondern betätigte sich zudem als Schlagerkomponist und Texter. Für Bully Buhlan schrieb er den Ohrwurm „Gib mir einen Kuss durchs Telefon“, für Rita Paul die gefühlige „Donne Juanita“.
„Habe geschrieben, was gebraucht wurde“
„Ich hab’ halt geschrieben, was gerade so gebraucht wurde“, merkte er im RHEINPFALZ-Interview an. Dabei begleitete er internationale Show-Größen wie Josephine Baker und Angelina Monti, spielte in seiner Hörfunkreihe „Treffpunkt Jazz“ mit Giganten wie Miles Davis, Chick Corea, Chat Baker und Benny Goodman.
Im Fernsehen versorgte er diverse Sendungen mit Peter Frankenfeld, Hans Rosenthal und Michael Pfleghar mit musikalischem Schmiss, außerdem führte er den Taktstock bei fast allen Caterina-Valente-Shows. Zudem dirigierte er die Musikuntermalung von rund 50 Kinofilmen, deren Bandbreite von Musikkomödien („Liebe, Jazz und Übermut“, „La Paloma“, „Der lachende Vagabund“) über Gruselreißer („Die Nackte und der Satan“) und Literaturadaptionen („Schachnovelle“) bis zu Landser-Abenteuern („08/15“, „Nacht fiel über Gotenhafen“) reicht.
Die „Stuttgarter Nachrichten“ bezeichneten den Pfälzer einmal als „Grandseigneur der gehobenen Unterhaltungsmusik“, der sich ferner der Ausbildung des Nachwuchses widmete: Nachdem er jahrelang die Big Band der Stuttgarter Musikhochschule geleitet hatte, wurde er 1985 ordentlicher Professor.
„Kein Star, sondern ein normaler Mensch“
„Ich fühle mich nicht als Star, sondern als ganz normaler Mensch“, sagte er. „Aber es ist ein großes Glück, wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann und obendrein auch noch dafür bezahlt wird.“ Seine engagierte Nachwuchsarbeit trug ihm neben der „German Jazz Trophy“ das Bundesverdienstkreuz ein.
Den Großteil seines Lebens verbrachte Erwin Lehn zusammen mit seiner zweiten Frau Lydia in Stuttgart-Schönberg. Das seit 1951 verheiratete Paar hatte zwei Kinder. Sein letztes Konzert gab er im Sommer 1997 mit der Hochschul-Big-Band im Wilhelma-Theater.
2010 starb er 90-jährig nach schwerer Krankheit in seiner schwäbischen Wahlheimat. Der SWR, in dem der SDR inzwischen aufgegangen ist, würdigte ihn in einem Nachruf als „Musiker von Weltruhm“. Er sei „einer der ganz großen Big-Band-Leader Deutschlands“ gewesen, sagte der damalige Intendant Peter Boudgoust. „Als ,The German Jazz Hurricane„ entwickelte er (…) den ureigenen Sound seines Südfunk-Tanzorchesters und machte die Band zu einem der führenden Swing-Orchester Europas. Dank Erwin Lehn gehört Stuttgart seither zu den besten Adressen des Big-Band-Jazz.“