Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Grünstadt: Bahnanlieger leiden unter schrillem Zugkreischen [mit Video]

Täglich fahren 76 Züge über die Gleisbögen in den Grünstadter Bahnhof ein und aus, mal mit mehr, mal mit weniger lautem Gequiets
Täglich fahren 76 Züge über die Gleisbögen in den Grünstadter Bahnhof ein und aus, mal mit mehr, mal mit weniger lautem Gequietsche, wenn das Metall der Lintzüge auf Metall reibt – trotz Schmieranlage.

Auch acht Monate nach dem Einbau einer Gleis-Schmieranlage klagen Bahnanlieger über das schrille Zugkreischen. Für Dieter Berzel und Otwin Schneider ist schon jetzt klar: „Dieses Verfahren ist für Grünstadt untauglich.“ Die Bahn wertet derzeit Messungen aus – und hält an der Testphase bis Ende 2020 fest.

„Eigentlich hat sich das Quietschen der Züge sogar verschlechtert – denn nun kreischen sie sogar auch, wenn’s geregnet hat. Wenigstens bei nassen Gleisen hatten wir ja damals unsere Ruh’.“ Mit damals meint Dieter Berzel die Zeit vor dem Einbau der Gleis-Schmieranlage am Grünstadter Bahnhof im Oktober vorigen Jahres. Was hatte da die neuartige Lärmschutztechnik für Hoffnungen bei den Bahnhofsanliegern in Grünstadt geweckt?! Acht Monate nach dem Einbau ist davon gar nichts mehr übrig. Berzels Gattin Veronika geht nach wie vor nur mit Ohrstöpseln zum Kaffeetrinken und Lesen auf den Balkon im Bitzenstraßen-Hochhaus.

Mischungsverhältnis der Schmierung verändern

„Es quietschen nach wie vor sowohl die ein- als auch die ausfahrenden Züge. Der Lärm beginnt, sobald sie aus dem Bahnhof ausfahren und endet kurz bevor die Züge am Bahnsteig halten: von morgens 4.30 Uhr bis abends 23.30 Uhr“, sieht auch Bahnanlieger Otwin Schneider keinerlei Verbesserung durch die Schienen-Schmieranlage. Nach acht Monaten Betrieb kommt Schneider zu dem Ergebnis: „Das Verfahren, das zur Lärmminderung in Grünstadt installiert wurde, ist untauglich. Und wenn ich mir vorstelle, dass der, laut DB, zweijährige Probebetrieb auch noch 200.000 Euro kostet (für Freinsheim gilt das gleiche), dann wirft die DB 400.000 Euro zum Fenster raus.“ Ein Sprecher der Deutschen Bahn teilte auf Anfrage mit, dass momentan die Messungen ausgewertet würden, die bislang im Bereich der Schmierungen an den Gleisbögen gemacht worden sind. Konkrete objektive Ergebnisse lägen noch nicht vor. Es könne durchaus sein, dass das „subjektive Empfinden der Anlieger“ bestätigt werde, so der Bahnsprecher. Der Wirkungsgrad der neuartigen Schienenschmierung solle mit dem Projekt am Grünstadter Bahnhof ja ermittelt werden: also, ob das Quietschen leiser oder weniger wird oder sich nichts ändert. Für diese Ermittlungen sei man nun mitten in der Testphase. Diese sei für das Projekt bis Ende des Jahres 2020 angelegt.

Lintzüge sind Schuld an der Problematik

Daran änderten auch mögliche negative Messergebnisse nichts, so der Sprecher, denn nur so erhalte man aussagekräftige Werte über den Wirkungsgrad. Sollten sich die subjektiven Wahrnehmungen der Gleisanlieger bestätigen, sei es eventuell auch denkbar, dass einzelne Parameter der Schmieranlage verändert würden, etwa beim Mischungsverhältnis des Schmierstoffes. Den Ergebnissen wolle er aber nicht vorgreifen, sagte der Sprecher. „Nachgebessert“ hatte die Bahn schon einmal, nachdem sechs Wochen nach Inbetriebnahme der Anlage ein „Nulleffekt“ festgestellt worden war. Mitte Oktober hatten Effektmessungen ergeben, dass die Anlage „nicht ordnungsgemäß arbeitet“. Daraufhin hatte die Herstellerfirma die Anlage „überarbeitet“. Das Grünstadter Kurvenkreischen resultiert aus der Unfähigkeit der seit fast vier Jahren bei uns eingesetzten Lintzüge, enge Gleisbögen so zu durchfahren, dass nicht Metall auf Metall reibt. Dadurch entsteht das hochfrequente Quietschen, über das sich Anlieger rund um den Grünstadter Bahnhof seit der Einführung der Lintzüge beschweren. Bei der vor acht Monaten installierten Anlage sprühen sechs Düsen Spezialöl auf ein Gleis vorm Bahnhof. Innerhalb von drei Wochen sollte sich schon ein erster Ölfilm auf 150 Metern Schiene ausgebreitet haben, der das Metall-auf-Metall-Reiben zumindest mindert, hieß es. Die sechs Düsen sollen ein Gleis von innen mit Spezialöl besprühen. Über einen Sensor wird der Sprühvorgang momentan so getaktet, dass sich die Düsen bei jeder fünften durchfahrenden Achse öffnen. Über die spezielle Dosierung sollte nach Herstellerangaben eine möglichst große Wirkung erreicht werden.

Test einer in Österreich erfolgreichen Anlage

Von dieser haben Schneider, Berzel und Co. bislang noch nichts feststellen können. Ganz im Gegenteil zu den Bahnanrainern im österreichischen Schruns, weisen die beiden erneut auf ein anderes, erfolgreiches Verfahren hin. Dort sei, so Schneider, „nach über 20 Jahren Bahnterror – teilweise über 100 dB – die Schienenschmieranlage der slowenischen Firma ELPA zirka sieben Meter neben Wohnprojekten im März 2016 montiert worden: mit geringsten Kosten, auf privaten Druck und enormen Einsatz einiger Bahnanrainer“. Diese Anlage funktioniere – auch aus Sicht der Bahnanrainer und Bewohner – einwandfrei. „Dort ist das ab 5 Uhr früh im Halb-Stundentakt nervtötende Schienengequietsche inzwischen Geschichte“, fordern Berzel und Schneider nicht zum ersten Mal, dass die Firma ELPA auch in Grünstadt tätig werden soll. Zumal die Slowenen der DB vor etwa zwei Jahren angeboten hätten, einen vierwöchigen kostenlosen Probebetrieb zu installieren, betonen sie. Über den damals von der DB genannten Grund für die Ablehnung des Angebots schütteln Berzel und Schneider den Kopf: „Zunächst hieß es, die Firma habe keine Zertifizierung, und als das widerlegt wurde, die Firma ELPA habe beim Eisenbahnbundesamt keine Zulassung.“ Noch haben sie die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass sich „Mitarbeiter und Entscheider der DB mal die Schienenschmieranlage in Schruns ansehen und dem Bundesamt Druck machen, damit zumindest der vierwöchige Probebetrieb durchgeführt wird“, so Schneider. Er prognostizierte, dass Veronika Berzel weiterhin mit Ohrstöpseln auf den Balkon muss, denn „das derzeitige System wird auch nach zwei Jahren keine Verbesserung erzielen“.

Eine Frage des Taktes? Momentan werden die Gleise bei jeder fünften durchfahrenden Achse mit einem speziellen Schmiermittel besp
Eine Frage des Taktes? Momentan werden die Gleise bei jeder fünften durchfahrenden Achse mit einem speziellen Schmiermittel besprüht.
Kaffee trinken auf dem Balkon? Für Veronika Berzel wegen „dieser ins Hirn gehenden Frequenzen“ nur mit Ohrstöpseln möglich.
Kaffee trinken auf dem Balkon? Für Veronika Berzel wegen »dieser ins Hirn gehenden Frequenzen« nur mit Ohrstöpseln möglich.
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