Grünstadt Gesprengt und geteilt
Als weithin sichtbare Ruine ragt westlich von Wachenheim der Turm der Wachtenburg in die Höhe. Einst ein rundum wehrhafter Bergfried, ist er seit nunmehr über drei Jahrhunderten mitten entzwei gebrochen. Seine Plattform ist heute ein viel besuchter Aussichtspunkt.
Errichtet wurde der mittelalterliche Turm an der Hauptangriffsseite, was typisch für eine Spornburg ist. Umringt von Mauern und Wehrgängen, stand der Bergfried in enger Verbindung mit der Schildmauer. Sein massives Mauerwerk aus hellem Sandstein ist geprägt von Buckelquadern, die ihren Namen von der buckelartigen Wölbung auf der Sichtseite haben. Der Grundriss des Hauptturms war früher nahezu quadratisch, doch seit seiner Zerstörung hat sich seine Gestalt regelrecht halbiert. Wie einst liegt der Zugang in den Turm auch heute von der Bergseite abgekehrt. Zunächst kommt der Besucher durch Torbau und Torzwinger, dann führen ihn einige Treppenstufen zum vergitterten Eingang des Bergfrieds. Sein halboffenes Inneres füllt eine stählerne Treppe. Wie der Förderkreis zur Erhaltung der Ruine Wachtenburg in einem Aushang informiert, wurde dieser Aufstieg 2004 bis 2005 umfassend saniert. Dabei musste die Stahltreppe aus dem Jahr 1898 komplett ausgebaut, repariert und teilweise durch neue Stahlprofile ersetzt werden. Je weiter es über insgesamt 108 Stufen nach oben geht, umso beeindruckender wird der Ausblick. Wo einst die Verteidiger die Umgebung wachsam kontrollierten, schaut man heute auf Weinberge, Waldhänge, auf die Mauerzüge der Burgruine und auf Wachenheim hinunter. Seine Bewohner kamen 1341 durch einen Erlass von Kaiser Ludwig von Bayern in den Genuss freier Stadtluft. Doch trotz schützender Mauern füllte sich Wachenheims Historie mit Kriegen und Machtkämpfen, in denen auch die Burg- und Turmmauern mehrmals niedergerissen wurden. Die Geschichte der Wachtenburg reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, erstmals urkundlich bezeugt wurde sie 1257. Zunächst stand der Bergfried nur von Ringmauern umgeben – die Flankierungstürme rund um die Burg kamen später hinzu. Als wehrhaftester und sicherster Teil der Burg war der Hauptturm letzter Zufluchtsort der Insassen bei einer Belagerung. Dauerhaft bewohnt war er aber nicht. Das Jahr 1689 wurde auch für die Wachtenburg zum Schicksalsjahr. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wüteten die französischen Truppen unter General Melac gnadenlos. Auf der Wachtenburg versuchten sie den mächtigen Bergfried zu sprengen. Die gesamte Osthälfte des Turms stürzte dabei in sich zusammen. Die Westwand und jeweils etwa die halbe Nord- und Südwand aber hielten stand und blieben stehen. An den geborstenen Bruchrändern sieht man heute etliche überhängende Steine, die der Förderkreis mit speziellen Verfahren sichern musste. Die Turmsanierung, der eine intensive Untersuchung im Frühjahr 2003 vorausging, war für den regen Verein die bislang größte Herausforderung. Nach drei Jahren wurde sie erfolgreich abgeschlossen. Seitdem haben zahllose Besucher wieder die Treppe bestiegen, um vom „Balkon der Pfalz“ einen der schönsten Ausblicke über die Rheinebene im Osten und die Wälder im Westen zu genießen und zu erleben. Manchem mag dabei auch die wechselvolle Geschichte des halbierten Turms in den Sinn kommen, eine Geschichte zwischen machtvollem Aufstreben und ohnmächtigem Niedergang.