Grünstadt / Leiningerland
Gender-Vorstoß des Landrats: Ein Weingraf fürs Leiningerland?
Das Leiningerland solle darüber nachdenken, das Amt seiner Weinhoheit auch für Männer öffnen und mithin auch Weingrafen zu küren: Bei welcher Gelegenheit hat der Bad Dürkheimer Landrat diesen Vorschlag gemacht?
Hans-Ulrich Ihlenfeld hat für diesen Vorstoß die Ernennungsfeier der künftigen Weingräfin Sarah I. Herkelrath genutzt. Dass die Winzertochter aus dem Obrigheimer Ortsteil Mülheim die nächste Weinhoheit des Leiningerlands wird, hat die Stadt Grünstadt bereits im Februar bekanntgegeben. Antreten wird sie ihr Amt, wenn sie am ersten Abend des Grünstadter Weinwettstreits Ende Juli auf der Bühne gekrönt wird. Dass schon ein paar Wochen zuvor im kleineren Kreis ein Festakt stattfindet, hat bereits lange Tradition. Dabei wird der künftigen Repräsentantin der Region eine Urkunde überreicht, zudem stehen Ansprachen auf dem Programm.
Was hat den Landrat zu seinem Vorstoß veranlasst?
Der Christdemokrat beruft sich auf eine „allgemein in der ganzen Pfalz sowie bundesweit in weiteren Weinanbaugebieten immer wieder geführten Diskussion“ um die Frage, ob auch männliche Bewerber für solche Aufgaben zugelassen werden. Ihlenfeld plädiert für eine „zeitgemäße, geschlechterneutrale Herangehensweise an das repräsentative Amt einer Weinhoheit“.
Gab oder gibt es anderswo schon männliche Weinhoheiten?
Sven Finke-Bieger verhinderte 2016, dass der Mosel-Ort Kesten mangels Bewerberin ohne lokale Hoheit auskommen musste: Der damalige Jura-Student sprang ein und gab zwei Jahre lang den Weingott Bacchus, wurde im „Spiegel“ daraufhin als „wohl erste männliche Weinkönigin der Republik“ bejubelt. Allerdings führt der Neustadter Stadtteil Geinsheim schon für 2002 seinen ersten Bacchus auf. Und in Haardt gibt es immer Wein-Herzöge, deren Tradition noch weiter zurückreicht. Landau gab 2022 bekannt, dass es das Amt seiner lokalen Weinprinzessin öffnen wird – für Männer und sonstige Personen, die sich nicht als Frauen verstehen.
Muss das Leiningerland schon allein deshalb über einen Weingrafen nachdenken, weil sich zu wenige junge Frauen für das Amt der Weingräfin interessieren?
Die erste Weingräfin des Leiningerlands wurde 1950 ernannt, das Amt seither ohne Unterbrechung alljährlich neu besetzt – außer während der Corona-Phase. Saskia I. – die ältere Schwester der künftigen Weingräfin Sarah I. – blieb dafür in der Seuchenzeit länger auf ihrem hoheitlichen Posten. Grünstadts Bürgermeister Wagner lässt erkennen: Es war nicht immer einfach, im Zwölf-Monats-Rhythmus eine neue Repräsentantin für die Region zu finden. Aber er beteuert: „Aktuell bereitet es uns keine Schwierigkeiten, neue Kandidatinnen für das Amt zu finden. Für das kommende Jahr gibt es bereits zwei Interessentinnen.“
Könnte ein Leiningerland-Weingraf auch Pfälzer Weinkönig werden?
Auch bei der Wahl der pfälzischen Weinkönigin wäre eine Teilnahme von Männern theoretisch möglich, sagte Pfalzwein-Geschäftsführer Joseph Greilinger bereits 2022: „Grundsätzlich darf sich jeder und jede bewerben. Es gibt kein Ausschlusskriterium.“ In der Ausschreibung 2024 wurden ausdrücklich „Bewerber:innen“ gesucht.
Welche Reaktionen gab’s, nachdem der Landrat seine Anregung platziert hatte?
Grünstadts Bürgermeister Klaus Wagner hatte seine Ansprache bereits vor dem Landrat gehalten, er konnte also nicht mehr direkt auf dessen Vorstoß antworten. Seine Reaktion als Zuhörer ließ allerdings erahnen, dass er die Idee seines Parteifreunds eher als Vorlage für Scherze betrachtet – während der Chef der Kreisverwaltung flugs bekräftigte, dass seine Anregung nicht als Witz gemeint war.
Unter den Folge-Rednern im Hof des Weinguts Herkelrath war dann niemand, der sich ausdrücklich für oder gegen die Weingrafen-Idee stellte. Allerdings wies die pfälzische Weinprinzessin Laura Götze aus Weyher darauf hin, dass Weinhoheiten längst nicht mehr nur gut aussehen müssten: Ihnen werde mittlerweile auch viel Fachwissen abverlangt. Und sie beendete ihren Auftritt dem Satz: „Eine junge Frau, die Ahnung von der Materie hat und auch noch gut aussieht – wem hört man lieber zu?“
Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Leiningerland Frank Rüttger (CDU) wiederum griff die historischen Hintergründe des Amts auf und sagte: „Ich betone dabei bewusst das Geschlecht: Gräfin.“
Was sind denn diese historischen Hintergründe des Weingräfin-Amts?
Das seit 1950 vergebene Amt spielt auf eine reale Person an: Gräfin Eva von Leiningen-Westerburg soll im Pfälzischen Bauernkrieg 1525 ihre Burg in Neuleiningen vor der Zerstörung bewahrt haben, indem sie Aufständische hereinließ und sogar selbst bewirtete. Gewürdigt wird also eine historische Figur, die sich in einer männerdominierten Zeit als Frau zu behaupten wusste.
Findet der Landrat, dass ein Weingraf das Andenken an Eva von Leiningen-Westerburg angemessen verkörpern würde?
Landrat Ihlenfeld versichert: Durch seine Anregung „sollen natürlich die historischen Gegebenheiten rund um Eva von Neuleiningen nicht infrage gestellt oder gar uminterpretiert werden“.
Nach ein paar Tagen Bedenkzeit und auf offizielle Anfrage hin: Wie stellen sich Grünstadts Bürgermeister und sein Verbandsgemeinde-Kollege nun zum Weingrafen-Vorstoß des Landrats?
Verbandsgemeinde-Bürgermeister Rüttger wiederholt auf RHEINPFALZ-Nachfrage hin seinen Hinweis auf die historischen Zusammenhänge. Auf eine weitergehende und klare Positionierung zur Weingrafen-Idee verzichtet er hingegen. Um so deutlicher wird sein Stadt-Kollege, er lässt ausrichten: „Bürgermeister Klaus Wagner hält nichts von der Empfehlung, künftig auch eine Ernennung eines Weingrafen in Erwägung zu ziehen.“
