Grünstadt Gegen den Ärztemangel auf dem Land
Immer mehr niedergelassene Ärzte auf dem Land, vor allem im Bereich Allgemeinmedizin, haben Probleme, Kollegen für ihre Praxen zu bekommen. Angesichts der Altersstruktur der Hausärzte wird so auch die Nachfolgeregelung zunehmend schwieriger. Ein Beitrag zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung in der Fläche soll ein Weiterbildungsverbund leisten, der am Donnerstag zwischen dem Kreiskrankenhaus Grünstadt und acht Allgemeinmedizinern geschlossen wurde. „Junge Ärzte scheuen oft die Selbstständigkeit mit 80-Stunden-Wochen und ziehen eher in die Stadt“, erläuterte Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU). Ältere Menschen hätten aber bessere Chancen auf Heilung, wenn sie in ihrer gewohnter Umgebung bleiben können. Die qualitativ gute und räumlich nahe hausärztliche Versorgung der Bevölkerung müsse erhalten bleiben. „Dem Kreiskrankenhaus, das ja als eines von landesweit sieben Kliniken für das Modellprojekt ,Sektorenübergreifendes Gesundheitszentrum` ausgewählt wurde, ist es nun mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung gelungen, acht Hausarztpraxen aus der Stadt und dem Umland für den Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin Grünstadt-Leiningerland zu gewinnen“, berichtete Ihlenfeld. „Mit dem landesweit inzwischen neunten Verbund wird die Ausbildung einfacher und attraktiver“, sagte Sandra Goldzinski, Leiterin der 2016 gebildeten Koordinierungsstelle Weiterbildung Allgemeinmedizin bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Bislang müssten junge Ärzte – aktuell seien dies 300 in Rheinland-Pfalz – die erforderlichen Abschnitte ihrer Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin selber organisieren, die sie sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich absolvieren müssen. Jetzt könne eine lückenlose Komplettlösung ohne wiederkehrende Bewerbungen angeboten werden, die Planungssicherheit nicht nur für die Lernenden, sondern ebenso für die Praxen bedeute. Die könnten damit potenzielle Nachfolger finden. Die Praxen erhalten für die Aufnahme eines Arztes in Weiterbildung eine monatliche Förderung von bis zu 4800 Euro, das Krankenhaus maximal 1360 Euro pro Monat. Nadja Moreno, Leiterin der Abteilung A Sicherstellung bei der KV, sprach von einem „Nachbesetzungsbedarf von 58 Prozent“ in den nächsten drei bis fünf Jahren. Dabei müssten für zwei ausscheidende Ärzte drei neue gefunden werden, da der Trend zur Teilzeitarbeit gehe. Nur noch 49 Prozent aller Praxen in Rheinland-Pfalz würden von einem einzelnen Arzt geführt, „und inzwischen sind 22 Prozent nicht mehr selbstständige, sondern angestellte Mediziner“, berichtete sie. Dr. Alexander Reidick (Grünstadt) sagte: „Wir alten Hausärzte sind noch Idealisten.“ Wie den Ausführungen der bei der Unterzeichnung des Verbundes anwesenden Ärzte zu entnehmen war, müssten aber noch manche Stolpersteine weggeräumt werden. Dr. Sonja Lehnert erzählte: „Wir hatten eine Weiterbildungsassistentin nach ihrer Prüfung einige Wochen weiterbeschäftigt, bis sie sich in Bad Dürkheim niederlassen konnte. Das war alles telefonisch mit der KV abgeklärt. Jetzt, zwei Jahre später, hieß es, wir hätten das nicht ordnungsgemäß angemeldet und unberechtigterweise Gewinne erzielt. Wir sollen 1200 Euro Strafe zahlen.“ Sie habe Widerspruch eingelegt. Dr. Gabriele Behr berichtete: „Meine Weiterbildung in der Praxis endete am 31. März. Doch obwohl dieses Datum feststand, wurde meine Prüfung erst dann terminiert, als ich die am letzten Tag auszufüllende Bescheinigung über das Ableisten der erforderlichen zwei Jahre eingereicht hatte.“ Sie habe massiv interveniert und konnte etwa zweieinhalb Wochen später zur Prüfung antreten. Auf die Approbation habe sie dann noch zwei weitere Monate warten müssen. VERBUND Kreiskrankenhaus Grünstadt, Dr. Gabriele Behr, Dr. Karsten Bischoff, Dr. Jens Galan, Dr. Sonja Lehnert, Dr. Alexander Reidick (alle Grünstadt), Dr. Christine Blattner (Hettenleidelheim), Dr. Michael Gurr (Eisenberg), Volker Gaus (Freinsheim) und Dr. Ulrich Walter Geibel (Lambsheim).