Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Freibad: Von Beckenpinklern, Meckerfritzen und Überraschungen unter der Dusche

Schwimmmeister Björn Weigel hat die Badegäste im Blick.
Schwimmmeister Björn Weigel hat die Badegäste im Blick.

Der Eisenberger Schwimmmeister Björn Weigel spricht mit Silke Bauer über dreiste Badegäste und verrät, warum er privat nicht mehr schwimmen geht.

Herr Weigel, was verbindet Sie mit dem Waldschwimmbad?
Hier bin ich groß geworden und habe das Schwimmen gelernt. Ich bin immer mit Oma, Opa und meinen Eltern hergekommen. Wir sind bei Wind und Wetter im Freibad gewesen. Auf der Liegewiese habe ich meine erste Freundin kennengelernt. Mein ältester Sohn hat hier schwimmen gelernt, und mein Vater zieht auch immer noch regelmäßig seine Bahnen. Mein Herz ist im Waldschwimmbad, und ich möchte hier alt werden.

Was sind Ihre Aufgaben?
Die klassische Beckenaufsicht, technische Wartungen, Reinigung, Bürokram, Gartenarbeiten ... Außerdem habe ich für die Badegäste immer ein offenes Ohr. Ich weiß alles über ihre Wehwehchen, Scheidungen, Streitereien mit den Schulfreunden. Es wird nie langweilig.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf am meisten?
Er ist unheimlich abwechslungsreich und niemals eintönig. Ich bin immer in Bewegung – 15 Kilometer am Tag sind gar nichts. Und ich bin den ganzen Tag an der frischen Luft.

Sie sind dadurch auch der UV-Strahlung ausgesetzt. Wie viele Tuben Sonnencreme verbrauchen Sie in der Saison?
Fünf bis acht. Ich nehme Sonnenschutz sehr ernst und gehe auch regelmäßig zum Hautkrebsscreening. Seit einigen Jahren ist weißer Hautkrebs in unserer Branche als Berufskrankheit anerkannt.

Womit kann man Sie ärgern?
Mit Sprüngen vom Beckenrand oder wenn jemand auf den Boden spuckt. Und Mobbing. Das ist etwas, was ich absolut nicht toleriere. Aber eigentlich ist hier noch heile Welt, wir können alle Probleme selbst lösen und brauchen auch keine Security im Bad.

Haben Sie ein Megafon?
(schnaubt) Das brauche ich nicht. Ich habe eine Pfeife und zwei gesunde Beine.

Welchen Stellenwert hat ein Schwimmbad in der Gesellschaft?
Im Schwimmbad kommen viele unterschiedliche Schichten und Altersgruppen zusammen. Sie haben Badesachen an und ein Handtuch dabei – mehr Statussymbole gibt es nicht. Die Kinder sind hier alle gleich, egal, wo sie herkommen. Das Bad ist ein wichtiger Ort für ihre Entwicklung. Und viele ältere Leute kommen, um Anschluss zu finden.

Haben Sie einen Trick, um Beckenpinkler zu überführen?
Das kann man leider nicht unterbinden. Wir finden bei Messungen regelmäßig Urin im Wasser. Die Beckenpinkler findet man übrigens in allen Altersklassen.

Woher wissen Sie das denn? Die pinkeln doch sicher nicht vom Beckenrand aus ins Wasser.
Ich sehe es an der Frequenz der Toilettengänge. Manche gehen einfach nie. Außerdem stehen die Leute nie Schlange an den Toiletten. Bei 2500 Badegästen an Spitzentagen müsste das doch der Fall sein. Das sind alles so Gradmesser. Aber beweisen kann ich das nicht. Viele sparen sich auch den Duschgang. Aber ab einer gewissen Gästeanzahl kann man das nicht mehr kontrollieren.

Können Sie Gästen, die offensichtlich an Fußpilz oder anderen Hautkrankheiten leiden, das Schwimmen verbieten?
Bei offenen Wunden verwehren wir den Zugang zum Wasser. Aber ich kann ja nicht zu jedem Badegast sagen: ,Zeig mir deine Füße.’ Man muss ein bisschen Vertrauen haben und an den gesunden Menschenverstand appellieren.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf am wenigsten?
Wenn es kalt ist und regnet, kann sich so eine Schicht schon mal lang anfühlen.

Was machen Sie eigentlich im Winter?
Von November bis Februar gehen wir in unseren wohlverdienten Winterschlaf, dann werden die Überstunden abgebaut. Ich habe aber noch einen Aushilfsjob im Hallenbad. Im Herbst und Frühjahr gibt es im Freibad einiges zu tun, dann fallen Wartungen an, Reparaturen, Streicharbeiten und die Pflege der Grünanlagen.

Was bedeutet Ihnen das Waldschwimmbad?
Ich stehe für das Schwimmbad. Ich möchte, dass das Bad noch lange offen ist und dass hier noch Generationen von Badegästen schwimmen können.

Was ist das Absurdeste, das Sie im Bad je erlebt haben?
Es gibt so vieles. Einer wollte das Bad nutzen, um seine Kleider zu waschen, ein anderer hat seinen Grill auf der Liegewiese aufgebaut. Oft färben sich die Leute unter der Dusche ihre Haare – Männer wie Frauen. Manche wollen ihre Kinder bei mir abgeben und wegfahren. Ich bin keine Tagesmutter. Auch einen Heiratsantrag gab es schon.

Gehen Sie in Ihrer Freizeit gerne schwimmen?
Nein. Wenn ich Feierabend habe, bin ich froh, wenn ich kein Schwimmbad sehen muss. Wenn ich privat im Schwimmbad bin, beobachte ich ständig die anderen Badegäste, ich hab das einfach intus. Es fällt mir dann schwer, abzuschalten. Ich bin eher der klassische Saunagänger.

Haben Sie schon mal jemandem das Leben gerettet?
In einem anderen Schwimmbad musste ich einmal einen 13-jährigen Jungen reanimieren. Er ist seinen Eltern entwischt und ins Wellenbecken rein. Er konnte nicht schwimmen. Es geht ihm inzwischen zum Glück wieder super, er war danach noch ein paarmal mit seinen Eltern im Bad. Aber das sind Erinnerungen, die bleiben.

Man hört immer wieder, dass viele Kinder und Jugendliche nicht mehr schwimmen können. Was beobachten Sie im Freibad?
Corona hat da viel kaputtgemacht, aber die Defizite sind zumindest in unserer Verbandsgemeinde schon wieder aufgeholt. Die Grundschulen haben seit einigen Jahren ein Projekt und bringen den Kindern das Schwimmen bei. Das merken wir im Bad. Trotzdem appellieren wir immer wieder an die Aufsichtspflicht der Eltern. Kinder ertrinken leider Gottes leise. Wenn die Eltern mit dem Smartphone am Beckenrand stehen, sind sie schnell abgelenkt. Sie treten die Verantwortung an uns ab.

Was wünschen Sie sich von den Badegästen?
Seit Corona wollen sich die Leute nichts mehr sagen lassen, es hat sich eine unheimliche Meckerkultur gebildet. Manche beschweren sich etwa, wenn jemand anderes auf der Bahn schwimmt, die sie sonst immer nutzen. Das Freibad ist doch ein positiver Ort, die Leute sollten ein bisschen lockerer werden.

Zur Person

Schon als Kind war er vom Wasser begeistert, nach der Schule ließ sich der Kerzenheimer Björn Weigel (35) im Waldschwimmbad in Eisenberg zum Fachangestellten für Bäderbetriebe ausbilden. 2018 absolvierte er die Prüfung zum Meister für Bäderbetriebe, sammelte danach Erfahrung in verschiedenen Pfälzer Schwimmbädern. Nun ist er zurück an seinem Herzensort. siba

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