Grünstadt Falscher Alarm um drei Uhr nachts
Muss der Ebertsheimer, der das Flackern einer Leuchtreklame für einen Hausbrand hielt und der Polizei meldete, den falschen Alarm bezahlen?
Hätte ein Otto Normal-Ebertsheimer ein rotes Flackern über den Dächern der Königswiese der Polizei gemeldet – die Geschichte wäre wohl schon längst kein Thema mehr im Dorf. So aber hat ein ortsbekannter Kommunalpolitiker den Fehlalarm ausgelöst, der am 9. August um 3 Uhr nachts fast alle 1250 Ebertsheim-Rodenbacher aus den Federn geholt hatte: Und das ist dann der Stoff, aus dem die Kerwe- und Büttenreden sind. Der Stoff, der sich für Hohn und Spott eignet und für Gerüchte sorgt.
Zwölf Fahrzeuge, 36 Mann
Ein Versuch der Aufklärung. „Hosche schun geheert, der soll e paar tausend Euro fer de falsche Alarm bezahle?!“ Sätze wie diese waren in den vergangenen Wochen häufiger im Dorf zu hören. Doch es wäre in der Tat ein Wunder, wenn die für den Brandschutz zuständige Verbandsgemeinde Leiningerland dem Alarmierer tatsächlich eine Rechnung schicken würde. Auch wenn für den nächtlichen Einsatz zwölf Fahrzeuge mit 36 Feuerwehrleuten ausgerückt waren. Würde man bei einem Fehlalarm so einfach zur Kasse gebeten, müsste man es sich ja künftig zwei Mal überlegen, ob man bei einem Feuerverdacht sofort die Rettungskräfte informiert. Oder ob man zur Sicherheit erst mal selbst nachschaut. Wertvolle Zeit ginge verloren.
Latte sehr hoch gelegt
Dass aber jede Minute zählt, macht schon eine gesetzliche Vorgabe deutlich. So sollen die Rettungskräfte spätestens acht Minuten nach der Alarmierung die ersten Sofortmaßnahmen am Einsatzort einleiten. Das schnelle Eingreifen bei einem Brand setzt aber eben eine schnelle Alarmierung voraus. Wer da wegen finanzieller Befürchtungen zu lange zögert und die Lage erstmal selbst überprüft, würde dabei eventuell sogar Leben gefährden. „Deswegen hat der Gesetzgeber die Latte für das Einfordern eines Kostenersatzes bei einem Alarmierenden zurecht sehr hoch gelegt. Da muss schon grobe Fahrlässigkeit vorliegen“, so der zuständige VG-Fachbereichsleiter Karl-Peter Grimm.
Feuermeldungen von der Autobahn
Im konkreten Ebertsheimer Fall sei eine Kostenforderung für den Fehlalarm auch nie ein Thema gewesen. Schließlich hatten die ersten Einsatzkräfte vor Ort ja auch dieses rote Flackern gesehen, das auf einen Dachstuhl- oder Hausbrand hindeutete. Aber selbst wenn die Wahrnehmungen des nächtlichen Brandmelders nicht bestätigt worden wären – die VG hätte keine Rechnung gestellt, versichert Grimm. Er verweist auf ähnliche Fälle: „Entlang der Autobahn melden uns immer mal wieder – meist ortsunkundige – Autofahrer Brände, weil sie aufsteigenden Qualm gesehen haben. Manchmal wird dort aber nur Grünschnitt verbrannt oder es handelt sich um Staub, der von landwirtschaftlichen Geräten aufgewirbelt wurde. Auch da haben wir noch nie Kostenersatzansprüche geltend gemacht.“
75 Euro pro Stunde und Feuerwehrmann
Wie bei vielen Gerüchten ist hier grundsätzlich nichts dran: Der Ebertsheimer Lokalpolitiker muss für den Fehlalarm völlig zurecht keinen Cent zahlen. Ein kleines Körnchen Wahrheit ist aber in all den Gerüchten doch zu finden. Denn die „e paar tausend Euro“ für einen Einsatz dieser Art sind durchaus realistisch. „Hätten wir eine Rechnung aufgestellt, wäre sicherlich ein vierstelliger Betrag zusammengekommen“, sagt Tobias Spangenmacher, Feuerwehrexperte der VG Leiningerland. So würden pro Feuerwehrmann zirka 37 Euro pro 30 Minuten echter Einsatzzeit veranschlagt, pro Fahrzeug, je nach Art und Ausstattung 70 bis 250 Euro, so Spangenmacher.
Kulante Arbeitgeber
Geht man nun beim Ebertsheimer Fehlalarm von einer Stunde Einsatzzeit aus, wären das allein für die 36 alarmierten Feuerwehrleuten schon über 2500 Euro. Für die acht Fahrzeuge aus der VG Leiningerland und vier von der Stadt Grünstadt kann man einen Tausender ansetzen. Insgesamt wären das bereits 3500 Euro. Hinzu kommen möglicherweise von Arbeitgebern gestellte Lohn- und Verdienstersatzforderungen für Freistellungen der Wehrleute. „Glücklicherweise haben wir sehr kulante Arbeitgeber im Gebiet“, betont Spangenmacher. Verdienstersatzforderungen sind hier die Ausnahme. Die meisten Firmen regeln die Fehlzeiten über den kleinen Dienstweg, der Feuerwehrkamerad kann ohne große bürokratische Hürden ein paar Stunden später kommen oder in Sonderfällen einen Tag frei machen.
VG übernimmt Kosten
Zum Glück für die Verbandsgemeinde, die für den Brandschutz zuständig ist. Die Trägerschaft bedeutet nicht nur, dass die VG Feuerwehrhäuser bauen, Fahrzeuge und Gerätschaften anschaffen sowie Einsatzkräfte ausbilden lassen muss. Die VG übernimmt auch die Kosten für jeden normalen Brand. Damit sind Brände gemeint, bei denen es keinen vorsätzlichen oder grob fahrlässig handelnden Verursacher oder Alarmierer gibt.
Im Garten gezündelt
Eine dieser Ausnahmen spielte auch in Ebertsheim. Hier hatte vor einigen Jahren ein Grundstücksbesitzer in seinem am Rande des Ortsbereiches liegenden Garten gezündelt. Opfer der Flammen wurden Unkraut und störende Hecken, allerdings drohte das Feuer angrenzende Areale überzugreifen. Für den Feuerwehreinsatz hatte der Mann schließlich zu zahlen. So hatte das nach den Beschreiten des Klagewegs auch das Oberverwaltungsgericht in letzter Instanz gesehen.
10.000 Euro Lohnersatzleistungen pro Jahr
Die Regel im Leiningerland sind aber die Fälle, in denen die VG die Kosten übernimmt, ohne dass sie dafür eine Gesamtrechnung aufmacht. Die etwa 10.000 Euro an Lohnersatzleistungen, die die VG pro Jahr für Feuerwehr-Einsätze an Betriebe zahlt, sind angesichts der Einsatzzahlen aber nur „Peanuts“. Im Jahr 2018 werden vermutlich 300 Einsätze insgesamt von Wehren im Leiningerland gefahren. 100 davon werden wohl Brandeinsätze sein.
Funkgeräte haben nicht immer Empfang
Dass die Alarmierung der Rettungskräfte per Sirenengeheul erfolgt, ist in einigen Ortsgemeinden des Leiningerlandes „normal“ – obwohl jeder einzelne Feuerwehrmann ja mit einem Funkempfänger ausgestattet ist. „Wir gehen da auf Nummer sicher,“ hebt Spangenmacher hervor, „denn gerade im Eistal ist nicht gewährleistet, dass wirklich überall Funkempfang möglich ist“.
Doppelt hält besser
Auch die damals in Ebertsheim zweimalig erfolgte Sirenenalarmierung ist dem Sicherheitsmotto „Doppelt hält besser“ geschuldet. Seit einem halben Jahr ist nämlich im Kreis Bad Dürkheim nicht mehr die Leitstelle in Neustadt, sondern die neue integrierte Rettungsleitstelle in Ludwigshafen für die Alarmierungen zuständig. Das Zentrum in Mundenheim koordiniert rund um die Uhr die Feuerwehr-, Rettungs- und Katastrophenschutzeinsätze für die gesamte Region Vorderpfalz: neben den Städten Frankenthal, Neustadt und Speyer auch den Rhein-Pfalz-Kreis sowie den Landkreis Bad Dürkheim.
Nächtlicher Sirenenmarathon
Da es in der Anfangszeit aber immer mal wieder Probleme mit der Software gegeben habe, haben die Neustadter vorsichtshalber wohl noch einmal die Sirene ausgelöst. Beim nächtlichen Sirenenmarathon in Ebertsheim handelte sich also weder um zwei Hausbrände noch um den einmütigen Dauerheulton für den Luftschutzalarm im Verteidigungsfall.
Leuchtschrift ist aus
Am Ende hatte diese Alarmierungskette in Ebertsheim nicht einmal ein Hausbrand ausgelöst. Es war nur dieses ominöse rote Flackern. Verursacht wurde das durch die beiden Werbe-Laufbanner eines Autohändlers am Ebertsheimer Ortseingang. Übrigens: Seit ein paar Tagen ist die bis nach Eisenberg sichtbare Leuchtreklame des Geschäfts aus. Ob ihr von Amts wegen der Saft abgedreht worden ist? Der Polizei sowie den Verbandsgemeinde - und Ortsgemeindeverwaltungen ist nichts bekannt. Vielleicht sind die Laufbanner auch nur defekt. Schau’n wir mal und warten die Gerüchte ab. Und die Kerweredd am Sonntag ...