Grünstadt Erstes Inklusionsfest in der Fußgängerzone

Sorgten für Stimmung: die Tanzkinder der Kita mit Hort im Südring.
Sorgten für Stimmung: die Tanzkinder der Kita mit Hort im Südring.

„Ich bin gespannt, bis wann alle Busse barrierefrei sind, und ich nicht mehr gucken muss, in welchen ich einsteigen kann und in welchen nicht“, sagt Eric Grauert. Gerade ist der MS-Kranke aus Hettenleidelheim mit seinem Rollstuhl über eine Rampe in den neuen Bus hineingefahren, der am Samstag beim ersten Inklusionsfest in der Grünstadter Fußgängerzone steht. Derweil trommelt die Bum Tschaka Bum Gäng der Hans-Zulliger-Schule auf dem Schillerplatz.

Das Publikum fordert begeistert eine Zugabe. „Vielen Dank für diesen schönen und lauten, ja schön lauten, Beitrag zum Auftakt unserer Veranstaltung“, sagt Karin Heindl, die Geschäftsführerin der Lebenshilfe Grünstadt-Eisenberg, von der die Initiative zu diesem Aktionstag ausging. Bürgermeister Klaus Wagner (CDU) stellt erfreut fest, dass man sich für das gemeinsame Feiern von Behinderten und Nichtbehinderten die Innenstadt ausgesucht hat. „Dass jeder Mensch dazu gehört, ist eine Selbstverständlichkeit, aber noch längst ist nicht in allen Bereichen die Möglichkeit dafür geschaffen“, sagt Reinhold Niederhöfer (SPD), Chef der Verbandsgemeinde Grünstadt-Land. Er bittet die Zuhörer: „Tragen Sie die Idee der Inklusion weiter.“ Bis die beiden Politiker, Grauert und Heindl in einer Runde mit fünf weiteren Gesprächspartnern unter der Überschrift „Barrieren abbauen und die Interessen der Menschen mit Behinderungen stärken“ ihre Gedanken zur Inklusion austauschen, erfrischt sich der eine oder andere am Stand des Projektes Mobile 2.0 des Vereins zur Beratung, Förderung und Bildung arbeitsloser Jugendlicher und Erwachsener (BFB). Dort gibt es kostenlos verschiedene Milchshakes und Smoothies. „Wir sind 16 langzeitarbeitslose Teilnehmer“, erläutert Hans Bulach und reicht einer Besucherin eine Erfrischung. Gegenüber offeriert das Bistro Lebensreich Deftiges und die Multifamilientherapie-Gruppe, die sich in der Kita am Südring trifft, Waffeln. Drum herum wird ein buntes Rahmenprogramm mit Aufführungen und Mitmachaktionen angeboten. Dem 14-jährigen Mirko und Benedikt (zwölf) bereitet es beispielsweise Vergnügen, den Rolli-Parcours der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung des integrativen Sports aus Waldorf zu absolvieren. Dabei geraten sie auf schiefen Ebenen in manche äußerst ungewohnte Körperposition. „Die größten Barrieren bestehen in den Köpfen der Bevölkerung“, sagt Grauert zu Beginn der Podiumsdiskussion. Der Landesbehindertenbeauftragte Matthias Rösch erzählt, dass er nach seinem Verkehrsunfall als Jugendlicher, in dessen Folge er querschnittsgelähmt ist, erleben durfte, dass man an seiner Schule alles dafür tat, ihn weiterhin unterrichten zu können. Sogar ein Behinderten-WC wurde gebaut. Mitunter stoße der gute Wille aber an Grenzen, erinnert Wagner an die Modernisierung des Rathauses im Kreuzerweg: Es konnte kein Aufzug bis zum Sitzungssaal installiert werden – innen wegen der Statik und außen wegen des Denkmalschutzes. Niederhöfer schaut mehr als 20 Jahre zurück und erzählt, dass er sich geschämt hat, als ein Bewerber um eine Stelle in der Verwaltung nicht zum Vorstellungsgespräch kommen konnte, weil der Lift für seinen Rollstuhl zu schmal war. Ein Unding sei es, kritisiert Rösch, dass der Aufzug im Grünstadter Umweltbahnhof dauerhaft kaputt ist. „Es ist uns ein großes Anliegen, im ÖPNV Barrieren abzubauen“, beteuert der Direktor des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr (ZSPNV) Rheinland-Pfalz Süd Michael Heilmann. Bis 2022 würden nahezu alle Bahnhöfe umgestaltet sein, was natürlich nur etwas nütze, wenn die Züge auch behindertengerecht seien. „Den größten Handlungsbedarf gibt es bei den Bushaltestellen“, so Heilmann. Von den 240 Fahrzeugen der in St. Wendel ansässigen Behles Bus GmbH, die die Grünstadter Firma Zipper übernommen hat, seien inzwischen knapp 80 barrierefreie Varianten im Donnersbergkreis und im Landkreis Bad Dürkheim unterwegs. Darüber informieren die Behles-Mitarbeiter Gunter Spies und Gernot Koch an ihrem ausgestellten Linienbus. „Die beiden Notsitze in der Mitte lassen sich hochklappen, sodass ein Rollstuhl oder Rollator Platz hat“, sagt Koch und zeigt eine weitere Neuerung: Jeder Sitzplatz verfügt über einen Beckengurt. Für Grundschüler und Senioren bietet das Unternehmen Schulungen für die Nutzung der Busse an. Barrierefreiheit sei nicht nur mit Blick auf Ältere und Behinderte ein wichtiges Ziel, verweist der Vorsitzende des Seniorenbeirates der Verbandsgemeinde Grünstadt-Land, Reinhard Fischer, unter anderem auch auf Mütter mit Kinderwagen. Bereits 2010 habe der Beirat bei Begehungen aller Ortsgemeinden der VG auf Hindernisse aufmerksam gemacht, „aber wir brauchen einen langen Atem“. Matthias Wehling, Leiter des Mehrgenerationenhofes in Obersülzen, zeigt weitere Barrieren auf: „Menschen mit psychischen Behinderungen können beispielsweise ein Rathaus nicht betreten, weil sie sich nicht trauen.“ Selbstbestimmtes Leben ende für seine Klientel oft bei der Bewerbung um eine Wohnung. Markus Landua vom BFB weist auf die Problematik hin, Personen mit Handicap an den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Vielleicht hat sich ja das eine oder andere bis zum nächsten Inklusionsfest bereits verbessert.

Der MS-kranke Eric Gauert fährt in den neuen Bus.
Der MS-kranke Eric Gauert fährt in den neuen Bus.
Irina Stiefenhöfer vom Projekt Mobile 2.0 bereitet einen schmackhaften Smoothie zu.
Irina Stiefenhöfer vom Projekt Mobile 2.0 bereitet einen schmackhaften Smoothie zu.
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