Falscher Einwurf RHEINPFALZ Plus Artikel Erst die Coolness, dann die Moral

Christoph Rehm
Christoph Rehm

Wer Alkoholkonsum mit „gesundem Menschenverstand“ begründet, hat die Lacher auf seiner Seite. Mehr aber auch nicht.

Arbeit, so murmelte es irgendwann Gaspard Gustave de Coriolis einmal vor sich hin, ist „Kraft mal Weg“. Allerdings ist Arbeit um ihrer selbst willen auch „gegen die menschliche Natur“ (John Locke). Und da Fußball wiederum „Arbeit ist, wo man leistet“ (Lothar Matthäus), sollte dem Fußball vor allem eines folgen: Entspannung.

Wie die Work-Life-Balance ins rechte Lot zurückgeschubst wird, ist selbstredend jedem selbst überlassen. Lange Waldspaziergänge, Modelleisenbahnen oder auf leblose Gegenstände einschlagen: Erlaubt ist, was Seelenheil bringt.

Was wiederum nicht erlaubt ist: Anderen sein persönliches Verständnis von Entspannung aufzunötigen. Oder dieses gar zur Normalität auszurufen. Insbesondere dann nicht, wenn es dabei schlichtweg darum geht, sich so lange die Rüstung zu römern, bis der Schinken pökelt – und einem dabei schlimmstenfalls auch noch Minderjährige an den Lippen kleben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einer halbwegs funktionierenden Gesellschaft. Die Zahl der Klassenlehrer, die sich zu Wochenbeginn vor ihren Schülern mit ihren sonntäglichen Saufgelagen brüsten, dürfte sich jedenfalls im niedrigen zweistelligen Bereich bewegen.

Im Fußball ist dies anders. Mal wieder. Weil hier echte Kerle zumeist noch „Manni“, „Stone“ oder „Jan-Ingwer“ heißen, gehört die Glorifizierung eines bedenklichen Alkoholkonsums zum guten Ton einer jeden Amateurmannschaft. Was grundsätzlich okay ist, solange diese in der Kabine stattfindet. Erwachsene Menschen machen erwachsene Dinge. Diese sind nicht immer besonders klug, aber Ausdruck persönlicher Freiheit.

Problematisch wird es hingegen, wenn sich der Mannschaftskapitän irgendwann auf die Brust trommelt, die Hose auszieht und anschließend vor der F-Jugend ein Referat über die Vorzüge eines frühen Alkoholkonsums hält. Egal, wie man es auch dreht und wendet: Diese Vorstellung kommt einem irgendwie falsch vor.

St.-Pauli-Trainer Timo Schultz trommelt sich weder auf die Brust, noch zieht er vor der F-Jugend seine Hose aus. Und dennoch kommt es einem irgendwie falsch vor, wenn ein gestandener Bundesligatrainer einen regelmäßigen Alkoholkonsum zur fußballerischen Normalität ausruft. Es gebe, so Schultz jüngst gegenüber dem Boulevard, bei ihm vor jedem Spiel eine Bierrunde. Nach gewonnenen Spielen natürlich ebenso. Und falls jemandem dieser Zaunpfahl noch nicht auf den Kopf gefallen war, fügte Schultz noch verschmitzt hinzu: „Da kann jeder mit gesundem Menschenverstand auch was trinken.“

Gesunder Menschenverstand. So, so. Eine rhetorische Volte, bei der sich Uli Borowka, Paul Gascoigne oder der Brasilianer Adriano bestimmt auf die Schuhe kotzen vor Lachen. In eine ähnliche Kerbe schlug sogleich auch Mario Gomez, der sich darüber echauffierte, dass sich beim VfB Stuttgart keiner seiner jüngeren Teamkollegen so richtig die Kante geben wollte. Da musste er beim Kegelabend gemeinsam mit Mannschaftskamerad Christian Gentern ganz alleine die Schnapsfee geben.

„Ok, Boomer“, möchte man Gomez wie Schultz da zurufen. Vor allem deshalb, weil es beiden Protagonisten wohl weniger um einen – wie auch immer gearteten – Einblick in das eigene Seelenleben zu gehen scheint, sondern vor allem darum, ein paar flotte Sprüche vom Stapel zu lassen. Das ganze freilich auf Kosten unzähliger Alkoholkranker und -toter. Getreu dem Motto: Erst kommt die Coolness, dann die Moral.

Dass es auch anders geht, beweist Sascha Mölders. Er gönne sich nach Spielen auch mal ein Weißbier und eine Pizza, so der Torjäger von 1860 München – weil er eben nicht mehr jeder Verlockung widerstehen könne. Dieses Eingeständnis ist hochanständig. Mölders hätte auch Dinge sagen können wie: „Seht her! Das Geheimnis meines Erfolges ist Fastfood mit Dosenbier!“. Stattdessen lautet seine Botschaft: Es ist okay, sich hin und wieder auch mal seinen Bedürfnissen hinzugeben. Nicht immer. Aber nach getaner Arbeit allemal. Prost.

Die Kolumne

Unser Autor kann auf eine lange, erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso irgendwo auf dem Platz.

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