Grünstadt
Erinnerungen an das Europa-Kino: Die Katastrophe im Katastrophenfilm
Von Anja Benndorf
„Für mich gehört das Europakino zu meiner Jugend“, sagt Christine Preißler-Herrera. Von 1997 bis Anfang der 2000er Jahre war die gelernte Sekretärin, die heute als Eventmanagerin bei BASF in Ludwigshafen arbeitet, in dem Lichtspielhaus tätig. „Das war ein sehr schöner Job, der auch gut bezahlt wurde“, blickt sie zurück. Sie habe jede Menge Filme gucken und mit ihrem damaligen Lebenspartner gemeinsam arbeiten können.
Ihr Ex-Mann Alfonso Herrera, der als Modellbauer bei der Eisengießerei Gienanth beschäftigt ist, hatte in dem alten Kino als Filmvorführer eine Nebentätigkeit angenommen und eines Tages wurde eine Stelle an der Kasse frei. „So bin ich dann auch von dem damaligen Betreiber Heinz Tisch eingestellt worden“, berichtet Preißler-Herrera. Tisch sei ein guter Arbeitgeber gewesen, „von der alten Schule, sehr korrekt, und er brachte uns viel Vertrauen entgegen“.
Ticketpreise noch selbst ausgerechnet
Die junge Frau war in zwei Schichten im Einsatz: Die eine umfasste die Vorstellungen donnerstag- und freitagabends sowie samstags ab Mittag, die andere den Sonntag und den Montagabend. Mitunter mussten auch Sonderschichten geschoben werden. „Einmal hat sich der laufende Film nicht um die zweite Spule gewickelt, sondern im ganzen Vorführraum verteilt“, erzählt die aus Polen stammende Wahl-Eisenbergerin lachend. Damals war ihr allerdings gar nicht nach Lachen zumute, denn sie musste das Chaos stundenlang entwirren und ihr Mann den Film dann manuell wieder aufrollen.
Für den Ticketverkauf stand Preißler-Herrera noch kein computergesteuertes Kassensystem zur Verfügung. „Die Preise musste ich selbst ausrechnen und die Kinokarten von einer Rolle abreißen“, erinnert sich die 46-Jährige. Bei langen Besucherschlangen sei das in Stress ausgeartet. Ihr Arbeitsplatz war noch nicht vorn links im Eingangsbereich, wie später nach dem Umbau, sondern geradeaus hinten an der Wand. Daneben wurden Süßigkeiten angeboten – von einer „ganz kleinen Dame“, die weit über 80 Jahre alt war und mit Nachnamen Groß hieß.
„Titanic“ x-mal gesehen
Wenn alle Kinogänger im „Europa“ und im „Studio“ platzgenommen hatten, kehrte im Foyer schlagartig Ruhe ein. „Dann konnten wir uns immer mit in die Säle hineinsetzen. Der erste Film, den ich unzählige Male – mitunter allerdings auch nur in Teilen – gesehen habe, war ,Titanic‘“, erzählt Preißler-Herrera, die das Drama um die Jungfernfahrt des legendären Kreuzfahrtschiffs liebte.
Ebenso gut im Gedächtnis ist ihr die US-Produktion „Volcano“, die im selben Jahr erschien. Allerdings weniger aufgrund der Story, als wegen eines peinlichen Missgeschicks, das passierte, während der Film lief. „Es war im Sommer. Wir wollten nach unserer Arbeit noch ausgehen und so bin ich nach dem Kassendienst nach Hause, um mich umzuziehen.“ Wieder zurück am Kino sei sie durch den Personaleingang gegangen und habe im Dunkeln nach dem Lichtschalter gesucht. Dabei hörte sie die actionreichen Schlussszenen des Katastrophenfilms um einen Vulkan in Kalifornien. Schließlich ertastete sie einen Knopf und drückte drauf – „und ganz plötzlich war alles totenstill und das ganze Haus stockfinster“, erinnert sie sich an einen Schockmoment.
Was niemand wissen dufte
Was war passiert? „Ich hatte aus Versehen den Notausschalter betätigt und die Stromzufuhr unterbrochen.“ Das habe die Projektoren abrupt gestoppt, wodurch sie sich teilweise aus ihrer Verankerung lösten. Und natürlich riss dadurch auch der Film – zehn Minuten vor dem Ende. Der Schaden war auf die Schnelle nicht wieder zu reparieren.
„Mein Mann bedauerte vor den Besuchern einen technischen Defekt und schickte sie nach Hause“, erzählt Preißler-Herrera, die damals innerlich im Erdboden versank. „Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und befürchtete, dass die Leute sich scharenweise beschweren“, sagt sie. Doch ihrer Kenntnis nach hat niemand sein Eintrittsgeld zurückverlangt. „Wir haben die halbe Nacht gebraucht, um alles wieder instandzusetzen.“
Ihr Mann und sie haben auch die Filmrolle geklebt. Danach hatte „Volcano“ allerdings einen etwas seltsamen Sprung in der finalen Szene. „Wir haben das Herrn Tisch nie gebeichtet“, gesteht Preißler-Herrera.