Grünstadt „Ein Schlag ins Gesicht“

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Herr Horvat, am Standort Ludwigshafen fallen 170 Stellen im Einkauf weg. Der Konzern begründet das damit, Prozesse „kundenorientierter, agiler und einfacher zu gestalten“. Klingt das nicht zynisch für die Betroffenen?

Für die Mitarbeiter ist es erst mal ein Schlag ins Gesicht, das ist klar. Die sind verwirrt und natürlich auch wütend, weil sie sagen: Ich mache tagein, tagaus hervorragende Arbeit, ich bringe mich ein im Unternehmen und werde dann darüber informiert, dass Prozesse umgestaltet werden. Es heißt, etwa die Hälfte der Stellen soll nach Berlin ins Shared Services Center der BASF verlagert werden. Die Standortvereinbarung besagt aber, dass bei Stellenwegfall adäquate Arbeitsplätze in Ludwigshafen angeboten werden müssen. Im Grunde wechselt per Definition erst mal niemand nach Berlin. Er kriegt das Angebot. Und wenn er sagt: Das ist meine Tätigkeit, die ich gemacht habe, als Einkäufer, dann hat er die Möglichkeit, in Berlin die Tätigkeit weiter auszuüben. Wohl gemerkt: zu anderen Konditionen. Das ist ein Angebot, das viele gar nicht annehmen werden. Für den Betriebsrat ist wichtig, dass wir hier vor Ort adäquate Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Aber nicht im Einkauf. Ja. Das ist in aller Regel so, weil die Einsatzmöglichkeiten im Einkauf begrenzt sind. Wichtig ist aber doch, dass die Mitarbeiter trotz der Veränderungen vor dem Verlust ihres Arbeitsverhältnisses mit der BASF SE geschützt sind. Was ist ein Shared Services Center? Das ist eine Bündelung von Serviceleistungen. Das heißt: Finanzbuchhalterische Tätigkeiten, Controlling und HR-Services (Personalmanagement, Anm. d. Red.), die man standardisieren kann, werden in vielen Unternehmen über Shared Services Center abgewickelt. Bei BASF wurde die Entscheidung getroffen, dass wir das in Deutschland machen, in Berlin, mit einem Tarifvertrag der IG BCE. Das ist wichtig. Denn wenn man sieht, wo viele andere Unternehmen ihre Shared Services haben – irgendwo in Europa, auch im osteuropäischen Bereich. Dort reden wir über Lohnkosten fernab von dem, was wir in Deutschland haben. Deshalb sind wir froh, damit in Deutschland zu sein. Werden Mitarbeiter im Shared Services Center schlechter bezahlt als solche in vergleichbaren Positionen am Standort Ludwigshafen? Sie werden im Grunde nicht schlechter bezahlt. Sie haben einen Tarifvertrag. Verhandelt wurde zu den damaligen Ost-Bedingungen. Der Vertrag ist natürlich ein Stück weit unterschiedlich von dem, den wir hier in Rheinland-Pfalz haben. Und wir haben natürlich Unterschiede in den Konditionen, die ein BASF-Mitarbeiter hier am Standort hat – wegen all der zusätzlichen Leistungen, die wir hier haben. Was aus Betriebsratssicht kritisch zu betrachten ist, nehme ich an!? Da wiederhole ich mich jetzt: Wir sind froh, dass wir die Arbeitsplätze in Deutschland haben. Wie ist generell die Stimmung unter den BASF-Mitarbeitern? Das tragische Explosions-Unglück kann man nicht ausblenden. Da ist etwas passiert, was massiv dazu beigetragen hat, dass die Kolleginnen und Kollegen enger zusammengerückt sind und auch immer wieder nachfragen: Wo kann ich unterstützen, wo kann ich helfen? Das ist ein Spirit, ein Geist, den man als Unternehmen wahrnehmen und ihn auch wieder zurückgeben muss. Deswegen ist der eine oder andere Kollege jetzt noch mehr verärgert darüber, dass Veränderungen vonstatten gehen, durch die er seinen Arbeitsplatz verliert. Wichtig ist immer wieder, dass die Mitarbeiter mitgenommen werden. Sie wollen verstehen, was gemacht wird. Fehlte es in der Vergangenheit an Transparenz der Unternehmensführung gegenüber den Angestellten? Ja, zum Teil schon. Aber da muss ich wirklich sagen: Das ist ein gutes Stück besser geworden. Gerade jetzt im Zusammenhang mit dem tragischen Unglück. Aber wir müssen das überall haben. Dann verlieren wir auch die Menschen nicht auf der Wegstrecke. Heißt „die Menschen nicht verlieren“, das Vertrauen ins Unternehmen nicht verlieren? Nein, so weit würde ich gar nicht gehen. Das heißt, es muss den Mitarbeitern erklärt werden, warum etwas passiert und wie es für sie im Unternehmen weitergeht. Stichwort BASF 4.0. Die Digitalisierung schreitet voran, auch in den Produktionsanlagen. Ist Stellenkürzung die unausweichliche Folge? Diese Schlussfolgerung kann ich so im Detail noch nicht teilen, weil wir in den Prozessen in dieser Tiefe noch nicht drin sind. Es gibt zwar sogenannte Leuchtturmprojekte, die wir zur Digitalisierung gemacht haben. Aber der endgültige Beweis, dass weniger Personal notwendig ist, steht noch aus. Wir stehen für gute Arbeitsbedingungen, wir stehen für gute Arbeitsplätze. Das ist nur der Fall, wenn durch Digitalisierung bessere Arbeitsplätze entstehen und nicht mehr Arbeit entsteht und weniger Mitarbeiter da sind. Der BASF-Betriebsrat wurde mit dem Goldenen Deutschen Betriebsräte-Preis 2016 ausgezeichnet. Grund ist vor allem die im Herbst 2015 abgeschlossene neue Standortvereinbarung, die unter anderem betriebsbedingte Kündigungen im Werk ausschließt. Fakt ist: Ab 2018 wird die Anzahl der Rentner pro Jahr deutlich ansteigen. Droht dadurch ein stiller Arbeitsplatzabbau? Dadurch, dass wir bei der Ausbildung versuchen auszusteuern – wir haben 650 Auszubildende in diesem Jahr –, muss man sich genauer anschauen, welche Differenz entsteht. Wir haben 2018 Abgänge zwischen 600 und 800 Mitarbeitern. So groß ist die Differenz nicht. In der Standortvereinbarung haben wir eine Übernahmevereinbarung für alle Azubis. Das heißt, die Frage ist langfristig, wie viele neue Azubis eingestellt werden und wie die nächste Standortvereinbarung nach 2020 aussieht? Genau, das Thema Ausbildung wird auch ein zentrales Element der nächsten Standortvereinbarung sein. Die Ausbildungsplanung ist aber ein ständiges Thema, mit dem wir uns beschäftigen. Die BASF verlagert in den vergangenen Jahren vermehrt in externe Gesellschaften, etwa in die Logistik GmbH. Wie bewerten Sie das aus Betriebsratssicht? Werden diese Menschen schlechter bezahlt? Wir haben hier die klare Regelung, dass die Mitarbeiter, die heute in der Logistik tätig sind, ihre Arbeitsplätze in der BASF SE behalten. Jeder Mitarbeiter, der aus der BASF SE ausscheidet – über einen relativ langen Zeitraum wird das vonstatten gehen – wird durch einen Mitarbeiter in der neuen Gesellschaft ersetzt. Hier haben wir einen Tarifvertrag mit der IG BCE gemacht. Natürlich haben wir hier gewisse Abstriche gemacht. Aber der Vertrag orientiert sich an der chemischen Industrie. Und damit brauchen wir uns nicht zu verstecken. Wie ist in der BASF das Verhältnis zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung? Wir haben einen ständigen Austausch durch mindestens monatliche Treffen. Dort werden auch Themen besprochen, von denen der Betriebsrat sagt, dass wir dazu Diskussions- und Klärungsbedarf haben. Wo ordnen Sie sich selbst ein, zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern? Da gibt es nur eine Richtung: Ich vertrete die Mitarbeiter, das ist klar. Natürlich muss man das in Einklang mit dem bringen, was mit dem Unternehmen machbar ist. Am Schluss brauchen wir Vereinbarungen, für die ich ein Gegenüber habe, das mir die auch unterschreibt. Das gelingt nur, wenn ich einerseits vertrauensvoll handele, aber im Hintergrund auch strittig unterwegs bin und um den Konsens kämpfe. In letzter Zeit wurden von der BASF vermehrt Betriebsstörungen und Störfälle gemeldet. Einige Mitarbeiter haben sich um den Zustand der Anlagen gesorgt. Wie begegnen Sie diesen Bedenken? Das Wichtigste ist meiner Meinung nach: Wenn Bedenken geäußert werden, muss man sie ernst nehmen. Wir schauen aber auch, was jährlich an Investitionen gemacht wird und was an Abschreibungen. Und ich sehe immer, dass die Investitionen über den Abschreibungen liegen. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass viel gemacht wird am Standort. Wenn der eine oder andere Mitarbeiter sagt: Bei mir, da müsste mehr gemacht werden, dann müssen wir drüber reden. Aber in den letzten Jahren liegen die Investitionen immer über den in der Standortvereinbarung beschriebenen Summen.

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