Grünstadt
Ein Blick in die Wohnungen zweier einsam Verstorbener
Auf dem Bildschirm der Kanzlei Dania Jäger ploppen unzählige Bilderdateien – sie sind alphabetisch nach den Namen der Verstorbenen geordnet. „Sie können eigentlich antippen, wo sie wollen – sie werden in jeder Datei Fotos sehen, die sie so schnell nicht wieder vergessen können“, prophezeit die Grünstadter Rechtsanwältin. Der Redakteur tippt auf einen „Fall“ in der zweiten Hälfte der über 1000, für die Amtsgerichte archivierte, Nachlassverfahren. Über die Gesichter von Jäger und ihrer Mitarbeiterin Tatjana Belzer huscht angesichts des ausgewählten Namens ein Grinsen: Der Journalist hat wohl einen Volltreffer in Sachen Verwahrlosung gelandet. „Es ist eine Sache, über vermüllte Wohnungen zu reden. Aber eine ganz andere, wenn man die realen Fotos dann sieht“, warnt Belzer noch und öffnet per Doppelklick den Ordner. Sie sollte Recht behalten. Und ihre Chefin auch.
Schicksal eins: der Ingenieur
Hinter dem Bilderordner verbirgt sich das Schicksal eines Ingenieurs, der vor einigen Jahren in einem Pfälzer Dorf mit Mitte 50 gestorben ist. Er war damals Eigentümer eines großes Hauses, inklusive eines weitläufigen Grundstücks – und natürlich allein. Ansonsten wäre Jäger auch nicht vom Amtsgericht beauftragt worden, sich um den Nachlass des Verstorbenen zu kümmern. Wie Jäger und Belzer damals schon beim Öffnen der Haustür festgestellt haben, gab es schon lange vor seinem Ableben keinen, der sich für den Ingenieur interessiert hätte: Denn die Tür seines Elternhauses ist nur einen Spalt weit zu öffnen – dahinter hat sich kniehoch der Müll gestapelt. „Nach 15 Jahren Nachlassverfahren spekulieren wir im Vorfeld nicht mehr über den möglichen Zustand einer Wohnung“, erklärt Jäger, warum sie auch bei dem Akademiker den „Notfallkoffer“ im Kofferraum mitgenommen hatten.
Ein Otto-Normal-Erbe hätte doch nicht erwartet, dass dieser Mann, – bis zu seinem Tod in verantwortlicher Position in einer großen Firma tätig –, sein Elternhaus gleichzeitig zu einer stinkenden Mülldeponie hat verkommen lassen. Ohne Schutzanzüge, Gummistiefel und Handschuhe wäre ein Betreten des Gebäudes für Jäger und Belzer nicht zu verantworten gewesen. Also haben die vom Amtsgericht bestellten Nachlassverwalter immer den „Notfallkoffer“ parat – „denn man weiß nie, was einem vielleicht schon hinter der nächsten Tür erwartet“.
Uringestank mit „hohem Ekelfaktor“
„Aber, dort war der Ekelfaktor schon recht hoch“, erinnert sich Belzer an die besonders schwierige Suche nach persönlichen Unterlagen im total vermüllten Haus. Auch in dem Fall musste erst geklärt werden, ob der Verstorbene eventuell Vermögen hinterlassen hat. Und wenn ja, wer als Erbe in Frage kommt. „Das Problem war, dass wirklich das ganze Haus, also jedes Zimmer in jedem Stockwerk so hoch zugemüllt war, dass man dort fast nicht mehr durchgekommen ist“, berichtet Jäger von der Suche nach Bankunterlagen, Kontoauszügen, Stammbuch und Co. in stinkenden Müllhaufen. Offensichtlich hatte die Müllabfuhr bei dem Mann nichts, aber wirklich gar nichts abzuholen – und das über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.
„Irgendwann war ihm dann wohl auch der Weg zur Toilette zugestellt – mit Plastikflaschen, Zeitungsbündeln, Essensresten, im Prinzip allem, was wir normalerweise in die Mülltonne werfen“, lässt Belzer erahnen, dass sich der Mann dann halt in anderen Räumen, auch in der Küche, erleichtert haben muss. Die Ahnung wird Gewissheit, als sich Belzer beim Gespräch mit der RHEINPFALZ instinktiv an die Nase fasst. „Es gibt verschiedene Sorten von Gestank, die uns in den Wohnungen entgegen schlagen – für mich persönlich der schlimmste ist der von altem Urin“, verzieht sie noch heute das Gesicht, wenn sie die Fotos sieht. „Da hat sogar die ’Bombe’ nur wenige Minuten gereicht.“ Die „Bombe“ ist ein ultrastarkes Raumspray, das Jäger von einem Bestatter für die Bekämpfung unangenehmster Gerüche empfohlen worden ist.
Gespinst-Zimmer waren für die Chefin tabu
„Was meine Angestellten alles aushalten – da kann ich gar nicht oft genug den Hut vor ziehen“, lobt Jäger das außergewöhnliche Engagement innerhalb ihres Mitarbeiterteams: „Alle, die mit mir in die Wohnungen der Toten gehen, machen das auf freiwilliger Basis. Wer es mental nicht kann, braucht auch nicht mit. Das ist für mich keine Frage, nicht jeder kann so etwas verarbeiten.“ Sogar die ansonsten hartgesottene Anwältin der einsamen Toten hat ein Tabu bei den Wohnungsdurchsuchungen: „Dort, wo Spinnen sind oder sein könnten, geht bei mir gar nichts“, gibt die Anwältin zu. Deswegen waren die fingerdicken schwarzen Gespinste, die sich im Haus des Ingenieurs von den Zimmerdecken auf die Böden gezogen haben, der absolute Albtraum für Jäger. Diese Gespinst-Zimmer hat dann Belzer durchsucht.
Schicksal zwei: der Alkoholiker
Beim zweiten, vom Redakteur zufällig ausgesuchten, Nachlassverfahren gab es hingegen andere Hemmschwellen zu überwinden: Flaschen. Tausende, sich auftürmende Flaschen, die ein Gehen fast unmöglich gemacht haben. Denn der Rentner, der bis zu seinem Tod lange Zeit allein in einer Doppelhaushälfte gewohnt hatte, war Alkoholiker. Vermutlich um seine Sucht vor den Nachbarn im Dorf zu verheimlichen, hat der Mann die von ihm geleerten Schnaps- und Weinflaschen nicht über Müllsäcke oder -container entsorgt.
Die Unmengen von Flaschen haben dann im Laufe der Zeit im Haus – zusammen mit anderem Unrat – regelrechte Müll-Hochgebirge entstehen lassen. „In manchen Zimmern stapelten sich die Flaschen bis über die Fensterbank“, erinnert sich Jäger. Ein Mitarbeiter musste damals Sicherheitsschuhen tragen, um ohne Schnittwunden durch das Flaschenmeer zu kommen. Zum Glück wurde in dem Haus schnell klar, dass der Verstorbene eher Schulden als Vermögen hatte. Die weitere Suche nach Dokumenten in der zugemüllten Wohnung konnte eingestellt werden.
24.000 Euro fürs Säubern und Ausräumen des Hauses
Ganz im Gegensatz zum Nachlassverfahren des Ingenieurs. Dort hatten Jäger und Belzer nicht nur Hinweise auf ein Aktiendepot im Wert von 300.000 Euro gefunden. Auch der Verkauf des Anwesens brachte einige hunderttausend Euro ein. Verkauft wurde die vermüllte Immobilie natürlich erst nach deren Säuberung und Desinfizierung durch eine Spezialfirma. Kosten dafür: 24.000 Euro.
Übrigens: Der von der Kanzlei ausfindig gemachten Erbin – einer seit langem verstoßenen Schwester des Verstorbenen – hat Jäger die Fotos lieber nicht gezeigt. Ob die Frau im Falle ihres Bruders eine Antwort für Jäger gehabt hätte? Auf die Frage, die die „Anwältin der einsamen Toten“ nach 15 Jahren Nachlassverfahren angesichts zunehmender Messie-Wohnungen immer öfter beschäftigt: „Was nur ist mit diesen Menschen passiert?!“
Die Serie "Anwältin der einsamen Toten"
In der Serie wollen wir auf Schicksale von Menschen in unserer Region hinweisen, die ansonsten im Verborgenen bleiben würden. Sie lebten oft jahrelang allein, hatten nach ihrem Tod dann niemanden, der die letzten Dinge ihres irdischen Daseins regelt. Das übernehmen von Gerichten beauftragte und kontrollierte Nachlassverwalter.
Dafür ist Rechtsanwältin Dania Jäger aus Grünstadt eine der Top-Adressen in der Pfalz. In den vergangenen 15 Jahren hat die 49-Jährige weit über 1000 Nachlassverfahren abgewickelt. Sie hat als „Anwältin der einsamen Toten“ recherchiert, ob und wie viel Vermögen die Verstorbenen hinterlassen hatten – und wenn ja, Erben ausfindig gemacht. Sie musste sich dabei auch ein Bild – zumindest über die letzten Monate des Verstorbenen – machen. Ein oftmals trauriges Bild.
Unsere Serie beleuchtet typische „Fälle“, aber auch außergewöhnliche, informiert über Möglichkeiten der Ahnenforschung bei der Suche nach Erben und schildert die interessantesten Erlebnisse aus 15 Jahren Nachlassverwaltung von Jäger. Dazu werden die „Fälle“ weitgehend anonymisiert, um die Würde der Verstorbenen zu wahren.
