Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Durch Zufall finden Ukrainerinnen auf Flucht Hilfe in Grünstadt

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Taisa Krenytska (vorne, links) und Alina Medvedchuk (hinten, 2. v.r.) sind mit ihrer Mutter Tetiana Merzla (vorne Mitte) sind gut in Deutschland angekommen. Unterstützt werden sie von Nina Schneider (hinten, links), Kristina Armbrust (hinten, 2. v.l.), Claudia Bahrdt (hinten rechts) und Irina Hausmann (vorne rechts), die beim RHEINPFALZ-Gespräch übersetzt.

Dass Alina Medvedchuk bei ihrer Flucht vor dem Krieg in der Ukraine eine Bleibe in Grünstadt gefunden hat, verdankt sie dem Zufall. Die Wohnung, in der sie jetzt lebt, wurde ihr durch eine Bekannte aus einem Sommerurlaub in Ägypten vermittelt. Dabei hatte ihre jetzige Helferin damals ein ganz anderes Reiseziel.

Eigentlich wollte Kristina Armbrust aus Asselheim mit ihrem Ehemann 2017 nach Kuba reisen. Doch aufgrund von Hurrikan Harvey muss die Reise abgesagt werden. Stattdessen machen sie kurzfristig Urlaub in Ägypten. Dort im Hotel in Sharm el Sheikh treffen sie auf die Alina Medvedchuk und ihren Ehemann. Ein wichtiges Hilfsmittel bei der Verständigung mit den Urlaubsbekannten: der Google Übersetzer. Mit Händen und Füßen kommuniziert man im Land der Pharaonen – und freundet sich an.

Dieses zufällige Aufeinandertreffen ist jetzt Medvedchuks großes Glück. Über die Jahre hat sie den Kontakt mit der Urlaubsfreundin – wenn auch sporadisch – via Facebook aufrecht erhalten.

Kindergarten in Kiew

Als Wladimir Putins Truppen am 24. Februar die Ukraine überfallen, lebt Medvedchuk mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Kiew. Dort hat sie einen Kindergarten aufgebaut. Ob der noch steht, weiß sie nicht. Das sei aber auch nicht wichtig. „Um das Gebäude mache ich mir keine Sorgen“, sagt sie. Sorgen mache sie sich nur, um diejenigen, die sich vor dem Krieg darin aufgehalten haben. „Die Kinder kann man nicht ersetzen.“

Kurz darauf zieht sie aus Sicherheitsgründen zu ihren Eltern, die rund 150 Kilometer südlich von der ukrainischen Hauptstadt leben. Dort hatten zuvor regelmäßig die Luftsirenen geheult. In ihrem Elternhaus lebt die Familie in einem Keller und sammelt ehrenamtlich Essen für ukrainische Soldaten. Ein Facebook-Video von der Aktion lässt den Kontakt nach Deutschland zu Kristina Armbrust wieder aufleben. Als die russische Armee Anfang März das Atomkraftwerk in Saporischschja angreift, entschließt sich Medvedchuk zu fliehen und stimmt sich mit Armbrust ab.

Grenze zu Moldawien nicht passierbar

Das Ziel der kleinen Familie ist zunächst die moldawische Grenze. Unterwegs begegnen sie Zerstörung und Leid. „Die Nachrichten zeigen nur einen Teil des Geschehens“, berichtet Medvedchuk im Gespräch mit der RHEINPFALZ rund einen Monat nach der Flucht. Nur einen Tag nach einem Luftangriff auf Winnyzja durchqueren sie die Stadt. „Die Stellen, an denen die Bomben niedergegangen sind, haben noch gebrannt.“ An der Grenze zu Moldawien ist aber zunächst Endstation: einen Tag warten sie im Auto, bei minus zehn Grad Celsius. Die Warteschlange am Grenzübergang ist zu lang. Es geht weiter in die Karpaten, um nach Ungarn zu kommen. Dort verabschiedet sie sich von ihrem Ehemann, der in der Ukraine bleiben muss. Als er zurück nach Hause kommt, wird er direkt zur Armee einberufen.

Als Medvedchuk mit dem Zug in Budapest eintrifft, gibt es ein weiteres Problem: durch das lange Warten an der Grenze hat sie ihren Flug verpasst. Eine fremde, in ärmlicheren Verhältnissen lebende Frau aus der ungarischen Hauptstadt nimmt sie vorübergehend bei sich auf. Am 11. März kommt sie dann schließlich in Frankfurt am Main an, wo Kristina Armbrust sie erwartet. Sie hat in der Zwischenzeit ein Zimmer im Asselheimer Pfalzhotel organisiert, wo Medvedchuk mit ihrem Sohn vorübergehend unterkommt. Danach ziehen die beiden in eine Wohnung im Keller der Grünstädterin Claudia Bahrdt. „Berührt“, sagt Medvedchuk, ist sie von der Hilfsbereitschaft.

Schwester kommt mit Mutter nach

Die ist dann noch einmal gefragt: Medvedchuks Schwester, Taisa Krenytska, macht sich mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter auf den Weg nach Westen. Eigentlich wollte sie im Elternhaus bleiben. Aber als unweit der Stadt ein Fernsehturm gesprengt wird, entscheidet auch sie sich dazu, die Ukraine zu verlassen.

In nur zwei Tagen legt sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter rund 2000 Kilometer im Auto zurück. Dafür benötigt sie zunächst aber Diesel. An den ukrainischen Tankstellen würden zu diesem Zeitpunkt pro Kopf aber nur maximal 20 Liter ausgegeben. Drei Stunden müsse man dafür anstehen. Mit insgesamt 40 Litern in zwei Kanistern geht es dann los in Richtung Polen. Drei Stunden warten sie dort an der Grenze. „Wir hatten noch Glück“, sagt Krenytska. Durch die Temperaturunterschiede auf der Fahrt beginnt sich der Treibstoff in den Behältern im Kofferraum jedoch auszudehnen. Ein Kanister platzt. „Der Geruch hing bei der Fahrt ständig im Auto“, berichtet die zweifache Mutter, die in einer Kindenheimer Wohnung unterkommt.

Firmen spenden

Für die beiden Schwestern, den drei Kindern und deren Großmutter wird, mithilfe der Vorsitzenden des Grünstadter Stadtsportverbands, Nina Schneider, ein regelrechtes Hilfsnetzwerk auf die Beine gestellt. In der für Medvedchuk bestimmten Kellerwohnung baut Möbel Gehrmann eine zuvor ausgestellte Küchenzeile ein und Elektro Müller spendet eine Waschmaschine. Für die gelernte Konditorin Krenytska besorgt der Elektrohändler eine Küchenmaschine, Mehl liefert die Mühle Eisenbeiss. Das Auto, mit dem Krenytska nach Deutschland gefahren ist, wird vom Autohaus Christmann wieder auf Vordermann gebracht. Schulsachen für ihre Tochter werden von Globus gespendet. Um die Anmeldung der Tochter in der Bockenheimer Grundschule kümmern sich die Vermieter der Kindenheimer Wohnung.

Das Hilfsangebot laufe reibungslos, weil die Last auf viele Schultern verteilt werde, erklärt Nina Schneider. Durch die bisherigen Amtsgänge und Organisationsschritte stelle sich zudem eine Routine ein. „Wenn uns andere Gruppen fragen, was getan werden muss, können wir eine Anleitung geben“, erzählt Schneider.

Große Dankbarkeit

„Wir sind unendlich dankbar für die Hilfe“, sagt Taisa Krenytska. „Das ist mit Geld nicht zu bezahlen.“ Da sie mit ihrer Schwester schon als Ehrenamtliche in der Ukraine gearbeitet hat, steht die Überlegung im Raum, auch in Deutschland wieder mit anzupacken. Eine Möglichkeit für die Konditorin wäre der Verkauf von Backwaren bei Festen oder anderen Veranstaltungen in der Gegend. Der Erlös könnte dann in Spendenform in die Ukraine fließen.

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