Grünstadt „Doktortitel wäre Balsam für mein Ego“

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Deutlich gereift zeigte sich Chima, der vor drei Jahren mit „Morgen“ einen Hit landete, auf seinem Album „Von Steinen und Elefanten“. Im Oktober kommt er damit nach Worms. Im Interview spricht der Sänger, dessen Wurzeln in Nigeria liegen, über seine Texte, Fremdenhass und Disneyfilme.

Chima, Sie waren erst im Frühjahr auf Tour. Werden Sie im Herbst in Worms mit demselben Programm auftreten?

Das Programm wird ähnlich, aber den Chima vom Februar 2015 gibt es nicht mehr. Das Leben geht ja weiter und ich entwickele mich. Dazu sind in der Zwischenzeit auch neue Songs entstanden. Daher kann es also sein, dass der eine oder andere Song rausfliegt und neue zu hören sein werden. Sie sind also schon wieder im Studio und arbeiten an einem neuen Album? Ja, klar. Vor dem Spiel ist doch nach dem Spiel (lacht). Es gibt immer neue Geschichten, die erzählt werden wollen. Man hört ja nicht auf zu leben und die Welt zu entdecken. Alles, was mich nachhaltig bewegt, findet sich früher oder später in einem Song wieder. Was beschäftigt sie aktuell? Ich schreibe gerade an einem Beziehungssong. Die Begegnung ist sehr zerstörerisch, aber die beiden Beteiligten sehen nicht, wie viel durch das Aufreiben zwischen ihnen und jeweils persönlich kaputtgeht. Zwei Menschen, gefangen in der Gewaltspirale einer ungesunden Beziehung. Dabei ist mit Gewalt psychische Gewalt gemeint. Das Thema dysfunktionale Beziehungen findet sich auf meinen Alben immer wieder. Sie waren Teil der Formation Brothers Keepers, die musikalisch gegen Fremdenhass und Rassismus gekämpft hat. Um das Projekt ist es schon länger still. Aktuell gibt es noch keine Ambitionen, ins Studio zu gehen. Jeder hat seine eigenen Projekte, die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich seit damals etwas verändert. Wir kommen mit Sicherheit dann wieder zusammen, wenn die soziale Landschaft es notwendig macht. Haben sich die Bedingungen wirklich verändert? Ich lebe in Frankfurt, einer sehr coolen, multikulturellen Stadt, und kann wahrscheinlich nicht für die gesamtdeutsche Situation sprechen. Ich habe aber den Eindruck, dass sich dieses Land sehr viel Mühe darin gibt, einen sozialen Frieden zu wahren, der möglichst alle inkludiert. Die extremen eigenen Erfahrungen mit Rassismus in der Geschichte machen Deutschland, zumindest innerhalb des Westens, betont sensibel gegen Intoleranz. Darüber hinaus weiß man einfach, dass man immer unter internationaler Beobachtung steht. Oft wird die Debatte über nationale, oder besser Volksinteressen, immer noch sehr einseitig geführt. So sehe ich zum Beispiel einen großen Unterschied zwischen nationalsozialistischem Gedankengut und Nationalismus. Eine gewisse Betonung nationaler Souveränität finde ich völlig legitim und auch notwendig. Wenn andere sich als Völker innerhalb bestimmter Grenzen und unter ganz eigenen Bedingungen begreifen dürfen, muss das Deutschen auch zugestanden werden. In dem Zusammenhang wünsche ich mir eine offene Zuwanderungs- oder Flüchtlingsdebatte. Allerdings muss es mir und meinen Eltern und meinen Nachkommen und überhaupt allen Menschen mit Migrationshintergrund möglich sein, in dieser Gesellschaft ernst genommen zu werden. Viele von uns wollen sich nachhaltig einbringen können, da stockt es oft noch. Sie fühlen sich in Deutschland demnach wohl? Doch, ich bin hier eigentlich ganz glücklich. Durch meine nigerianischen Wurzeln bringe ich kulturell noch mal andere Einflüsse mit. Und es ist auf jeden Fall so, dass mein afrikanischer Hintergrund deutlicher zum Vorschein kommt, je älter ich werde. Das Werteverständnis meiner Eltern ist afrikanisch, trotzdem bin ich hier ziemlich westlich aufgewachsen. So ergibt es sich, dass ich diese beiden Welten oft für mich zu harmonisieren versuche. Ich sehe das Leben wohl durch eine deutsche und eine afrikanische Linse und empfinde das als Vorteil. Es ist ähnlich wie bei einem Prisma: Die verschiedenen Einflüsse werden durch mich gebrochen und resultieren in einem Regenbogen neuer Perspektiven. Das genieße ich. Auf Ihrem Album sind auch Trommeln zu hören. Das Prisma spielt demnach auch in Ihrer Musik eine große Rolle? Klar, afrikanische Klangwelten werden mit westeuropäisch geprägter Popmusik verflochten. In meinen Songs phrasiere ich beispielsweise allein ganz anders als es etwa die Jungs von Revolverheld tun würden. Meine Geschichte ist eben eine andere. Aber genau das macht die Musik ja speziell. Sie kommen nach Worms, in eine geschichtsträchtige Stadt. Haben Sie Zeit, um sich dort umzusehen? Es bedarf tatsächlich einiger Disziplin, um es morgens, noch vor den Proben, aus dem Tourbus raus in die Stadt zu schaffen. Oft hat man abends zuvor ja schon Konzerte gegeben und ist danach in der Regel einfach erschöpft. Deshalb gelingt mir das nicht bei jedem Stopp, aber für diese Tour habe ich mir fest vorgenommen, mehr von den Städten zu erkunden als nur die Halle, in der ich auftrete – mal sehen ob das klappt (lacht). Sie haben kürzlich bei Disney in Concert mitgespielt. Welcher Disneyfilm ist denn Ihr Lieblingsfilm? „Aristocats“ – da kann ich die meisten Lieder auswendig mitsingen. Aber Disneyfilme sind generell immer auf einem hohen Niveau. Ich als Geschichtenerzähler schätze natürlich die erzählerische Fertigkeit von Disneys Filmen. Egal ob Märchen, Comics oder Animationsfilme, das ist immer meisterlich gemacht. Wenn ich Songs schreibe, gehe ich oft ähnlich wie Drehbuchautoren vor. Welche sind die spannendsten Stellen der Geschichte? Wie spannt man den besten dramaturgischen Bogen? Womit kann sich auch der Hörer identifizieren? Aus dem Grund schaue ich gerne Filme, um populäre Erzähltechniken mit meinen zu vergleichen. An den eigenen Reaktionen kann man gut überprüfen, was wie emotional funktioniert oder ob die Story hakt. Sie haben ein Studium angefangen, aber der Musik zuliebe abgebrochen … Ja, darüber ärgere ich mich ein bisschen. Aber das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Es wäre doch großartig, wenn ich mich Doktor schimpfen könnte. Das wäre Balsam für mein übergroßes Ego (lacht). Termin Chima tritt am Samstag, 3. Oktober, im Kulturzentrum Das Wormser auf. Karten und Infos gibt es im Internet unter www.das-wormser.de oder Telefon 06241/200450 .

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