Grünstadt Die Schwiegermutter war ein Moffenkind
Jörg Böhm gehört zu den neueren Gesichtern in der deutschen Krimiszene. Am heutigen Donnerstag stellt der ehemalige Journalist beim neunten Pfälzer Krimiwochenende sein neuestes Buch „Moffenkind“ im Alten Bahnhof in Kirchheim vor. Mit unserer Mitarbeiterin Marieke Metzmann sprach er über das Buch, seine Arbeitsweise als Autor und die Dinge, die die Gäste beim „mörderischen Menü“ zu erwarten haben.
Alle meine Krimis haben einen Auslöser in der Vergangenheit. Im Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen auch die Niederlande besetzt und wurden dort „Moffe“ genannt. Ich dachte als Kind immer, das wäre kein anstößiges Wort, aber ein Niederländer hat mich nach einer Lesung aufgeklärt, dass es sich dabei um das Poloch eines Affen handelt. Während der Besatzung ist es aber vorgekommen, dass sich Soldaten in einheimische Frauen verliebt haben. Ich rede also nicht von Vergewaltigungen, sondern Liebesbeziehungen. Die Kinder, die aus solchen Beziehungen hervorgegangen sind, nennt man Moffenkinder. Sie sind noch sehr jung. Gibt es eine persönliche Verbindung zur Moffenkind-Thematik? Bei meiner Recherche bin ich tatsächlich auf etwas Überraschendes gestoßen. In Holland wurde Frauen, die sich mit dem Feind eingelassen haben, öffentlich die Haare geschoren. Man nahm ihnen absichtlich dieses weibliche Attribut. Meine Schwiegermutter ist ein Moffenkind. Allerdings hatte sie mehr Glück, weil der Mutter meiner Schwiegermutter Unterstützung durch die Familie zugesagt wurde. Die Bedingung dabei: Es sollte niemals Kontakt zum deutschen Vater bestehen. Moffenkind ist ein Kreuzfahrt-Krimi, was bedeutet das? Ich wurde regelrecht von AIDA gecastet, für das neue Schiff AIDAprima und dessen gleichbleibende Metropolenroute, einen Krimi zu schreiben. Ein bisschen wie DSDS, aber alle können froh sein, dass ich nicht singe, sondern schreibe. Dabei war es wichtig, dass ich alle Stopps des Schiffes mit einbeziehe und was die Morde angeht, nicht zu weit von der Realität abweiche. Es gibt ja Protokolle auf einem Kreuzfahrtschiff, wenn Unglücksfälle passieren. Soll es mehr Kreuzfahrtkrimis geben? Es ist angedacht und ich kann verraten, dass Verhandlungen geführt werden, aber Konkretes kann ich nicht preisgeben. Obwohl ich am Ende von „Moffenkind“ das Schicksal der überlebenden Person offen gelassen habe. Mir ist aufgefallen, dass – etwa in „Moffenkind“ oder in der Emma-Hansen-Reihe – Ihre Protagonisten immer Frauen sind ... Bei „Moffenkind“ hat es vor allem etwas mit meiner Zielgruppe zu tun. Über 90 Prozent meiner Leser sind Frauen. Bei denen, wo die Idylle Zuhause ist, schlägt bei mir das Böse zu. (lacht). Bei der Emma-Hansen-Reihe, die ja in Ludwigshafen spielt, hatte ich den Anstoß in der Zusammenarbeit mit Heribert Stuppy, der auch den Ludwigshafener Tatort betreut. Durch Gespräche bin ich darauf gekommen, dass es spannend wäre, sich den Herausforderungen zu stellen, die eine weibliche Kommissarin mit Nachwuchs im Job erwartet. Die Kinder lösen sich nicht in Luft auf, nur weil man nachts ermitteln muss. Ich habe viel mehr Entwicklungspotenziale bei einem weiblichen Kommissar, mit denen ich arbeiten kann. Wird für die Basis von Mordfällen und Charakteren auch mal „Medical Detectives“ oder ähnliches geschaut? (lacht) Alles, was man im Fernsehen sieht, ist einfach zu unrealistisch. Reale Ermittlungsarbeit ist zu 80 Prozent Aktenstudium. Das wäre ein Grund, das Buch nach 30 Seiten wegzulegen. Tatsächlich schnappe ich auch mal etwas aus der Zeitung oder TV-Dokus auf. Bei Charakteren oder Mordinstrumenten bin ich ganz frei in meiner Fantasie. Soll ja auch zum Krimi passen. Mit der Pistole kann jeder morden. Bei mir wird auch mal jemand mit dem Traktor im Weinberg überrollt. Wie sieht ihr Alltag als Autor aus? Geprägt von Deadlines und Seitenlimits? Ich versuche, mein Seitenlimit zu erreichen. Vor allem muss ich zurzeit Strecke machen, weil ich Mitte November die Abgabe meines vierten Emma-Hansen-Bandes habe, der im März 2017 herauskommt. Manchmal muss dann auch eine Nachtschicht eingelegt werden. Im Gesamten besteht die Arbeit für ein Buch aus einem Dreivierteljahr Recherche und einem Vierteljahr Schreiben. Kommt es vor, dass Ihnen beim Schreiben eine Figur so sehr ans Herz wächst, dass sie anstelle getötet zu werden, weiterleben darf? Ich habe in meinem ersten Buch den Fehler begangen, mich von der Geschichte treiben zu lassen und nach 100 Seiten gemerkt, dass das gar keine gute Idee war. Das Handwerk Krimischreiben sollte man beherrschen. Ich muss wie ein Architekt an einer weißen Wand beginnen. Aber es kann schon sein, dass mir eine Person, die ich schüchtern konstruiert habe, plötzlich zuruft: „Du Jörg, ich bin ’ne Rampensau!“ Das ist nicht Ihre erste Teilnahme am Pfälzer Krimiwochenende. Gibt es Erinnerungen an unsere Gegend? Ich weiß noch, die erste Lesung war in einem Weinkeller in Bad Dürkheim. Und wie es der Zufall wollte, wurde der erste Mord des Buches in einem sehr ähnlichen Weinkeller mit Holztreppe begangen. Das hat das Publikum gleich aufgeschnappt. Das war definitiv ein Highlight. Meine Krimis spielen größtenteils in der Pfalz und durch meine Lesungen fühle ich mich ein wenig wie eine Weinkönigin ohne Krone. (lacht) Fällt es als Autor schwer, diese öffentlichen Lesungen zu halten? Das muss man lernen. Aber damit verdiene ich auch mein Geld. Dazu kommt, dass ich dort immer wieder auf die Menschen treffe, die Spaß daran haben, meine Bücher zu lesen. Eine bessere Motivation kann es für einen Autor nicht geben. Worauf dürfen sich die Gäste am 3. November in Kirchheim freuen? Es wird eine kulinarische Krimilesung. Es muss also keiner fürchten, dass es zum Theaterstück mit Publikumseinbindung ausartet. Das mag ich selbst nicht, wenn ich im Publikum sitze. Da starre ich nur beschämt zu Boden. Ich werde zwischen den Gängen aus „Moffenkind“ vorlesen. Info Die Lesung mit Jörg Böhm findet statt heute um 19.30 Uhr im Alten Bahnhof in Kirchheim; „Moffenkind“, Jörg Böhm, CW Niemeyer Buchverlag, 432 Seiten Paperback, ISBN: 978-3-8271-9449-7.