Grünstadt Die Domestizierung des Amateurfußballers
Die Geschichte der Menschheit ist eine der Erfindungen, der Erforschungen, des unermüdlichen Fortschritts. Nach der Entdeckung des Feuers und des Rads ging es für Otto Normalverbraucher im Minutentakt die Evolutionsleiter hinauf. Schlag auf Schlag brachen sich Großleistungen Bahn. Der Errichtung von Großstädten folgte die Renaissance, die Mondlandung und die Einsetzung des Elferrats an Fasching. Doch zwischen Raumfahrtprogrammen und Karnevalsausschuss blieb unserer Zivilisation der Durchbruch auf einem Gebiet versagt, an dem sich von Köln bis Mainz die größten Denker die Zähne ausgebissen haben: der Domestizierung des gemeinen Amateurfußballers. Der mittelmäßige Hartplatzrowdy sorgt im sozialen Umfeld für reichlich Unverständnis. Kaum fähig, sich außerhalb von Fußballerfloskeln zu artikulieren, kann er nach einer bestimmten Anzahl von Pflichtspieleinsätzen nicht mehr zwischen Fußballplatz und Wohnzimmer unterscheiden. Leidtragende sind Ehefrauen wie Arbeitskollegen, gelegentlich auch Angestellte des öffentlichen Dienstes. Fragt ihn die Partnerin morgens nach Milch für den Kaffee, bekommt sie häufig nur ein lautstarkes „Hau rein! Komm! Hau das Ding jetzt rein!“ zu hören. Den Vorgesetzten mahnt er bei der Arbeit, jetzt mal langsam zu machen, schließlich „müssen wir morgen alle wieder schaffen gehen“. Und wird der Spieler bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei nach Papieren gefragt, hat er zwar keine dabei, verweist aber voller Inbrunst auf den Abteilungsleiter seines Heimatvereins: „Hab hier eh nur Gastspielrecht, normal ist bei mir Landesliga.“ Was also tun? Verzweifeln wäre eine Möglichkeit. Eine andere, sich auf die kritische Situation einzulassen und seinem Amateurfußballer ein möglichst artgerechtes Umfeld zu bieten. Das ist mit Aufwand verbunden, zeitigt erfahrungsgemäß aber Erfolge. Bei kleineren Streitigkeiten genügt beispielsweise ein kurzer Griff an die Brusttasche, der mit einem strengen Blick und dem Hinweis, dass man von nun an „keinen Ton mehr hören will“, untermalt wird. Gibt sich ihr lauffauler Spielmacher im Haushalt keine Mühe, dann kündigen Sie einfach ein Straftraining für die nächste Woche an, in dem Sie ihn „einmal quer über den Jordan jagen“ werden. Und falls ihr kleiner Kicker abends nicht einschläft, braucht es einfach eine Kiste Bier und Ikke Hüftgold in Dauerschleife. Der kampferprobte Innenverteidiger wird zwar noch eine halbe Stunde lustig auf die Pauke hauen, dann jedoch schlafen bis nächsten Mittag. Sie sehen: Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Schaffen Sie sich am besten ein paar Devotionalien aus der Welt des Amateurfußballs an. Trillerpfeife, Markierungshütchen, eine monotone Kabinenansprache – damit lassen sich die größten Ärgernisse, die ein freilaufender Balltreter verursacht, im Handumdrehen beheben. Sie haben Ihren Platz in der Menschheitsgeschichte so gut wie sicher. Die Kolumne Unser Autor kann auf eine lange und erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er wöchentlich über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso auf dem Platz.