Grünstadt Der Mörder wurde nie gefunden
«GRÜNSTADT.» Am Abend des 14. Juli 1928 erschütterte Grünstadt die schreckliche Nachricht über die grausame Ermordung einer älteren alleinstehenden Dame. Wer der Mörder war, ist nicht bekannt. Fest steht allerdings: Heute wäre es ein Leichtes, den Täter zu überführen – denn er hinterließ DNA-Spuren.
An jenem Samstag vor 90 Jahren wollten Nachbarn um 16.30 Uhr das Kolonialwarengeschäft der 65-jährigen Anna Mehle am Schillerplatz 7 betreten und fanden es verschlossen vor. Zwei Stunden zuvor war die Dame noch dort gesehen worden. Gegen 18 Uhr versuchten sie es erneut und stellten dabei fest, dass das südöstlich gelegene Hoftor unverschlossen war. Die Nachbarsfrau sah im Hof eine auf dem Boden liegende Person, den Kopfbereich mit Säcken bedeckt. Sie rief eine entfernte Verwandte der Geschäftsinhaberin und betrat mit ihr das Grundstück. Die am Boden liegende Person war die tote Anna Mehle. Als man ihren Kopf aufdeckte, konnte man eine klaffende Stirnwunde erkennen, aus der reichlich Blut ausgetreten war. Sie war laut Sektionsbericht 11 Zentimeter lang und fünf Zentimeter breit, der Schädelknochen war eingeschlagen. Die Polizei sperrte den Tatort ab und bewachte ihn rund um die Uhr. Am nächsten Vormittag erschien eine Kommission des Landgerichts Frankenthal zur Tatortaufnahme, bestehend aus einem Ermittlungsrichter, dem Staatsanwalt, mehreren Kripobeamten, sowie einer kriminalistischen Kapazität ersten Ranges, Professor Georg Popp (1861–1943) aus Frankfurt, den man telegrafisch verständigt hatte. Popp – im Polizeijargon nur „der Jäger“ genannt – gehört zu den Begründern der mikroskopischen beziehungsweise naturwissenschaftlichen Kriminalistik und hatte bereits 1908, durch Untersuchung von Erdanhaftungen an Schuhen, in spektakulärer Weise einen Mordfall in Falkenstein am Donnersberg aufgeklärt. Im Hof entdeckte man ein Beil, mit dessen stumpfer Rückseite die Frau erschlagen worden war und einen sogenannten Totschläger, den der Mörder offenbar verloren hatte. Man rekonstruierte den Tathergang. Der oder die Täter hatten den Laden wohl durch die Tür betreten und diese hinter sich zugeschlossen. Als Fräulein Mehle den Überfall realisierte, flüchtete sie vermutlich vom Geschäft in den angrenzenden Hof. Laut Obduktion war sie gewürgt und dann erschlagen worden. Sie hatte am Tattag vom Briefträger eine Geldsumme in Höhe von 375 Mark ausgezahlt bekommen, um den neuen Anstrich ihres Hauses bezahlen zu können. Das Geld war verschwunden und in die Richtung der Mitwisser entwickelten sich auch die ersten Verdachtsmomente. Noch am gleichen Tag nahm man zwei Tüncher fest, Vater und Sohn aus Bad Dürkheim. Sie hatten im Auftrag einer Grünstadter Firma bei Anna Mehle Malerarbeiten durchgeführt und wussten von dem Geld. Die Tatverdächtigen wurden intensiv vernommen und ihr Wohnhaus in Bad Dürkheim von Professor Popp und seinen Helfern durchsucht. Dennoch konnten keine handfesten Beweise gegen sie ermittelt werde. Beide stritten die Tat ab. Bei dem Verdacht bezog man sich zusätzlich auch auf eine Farbenmühle im Hof von Fräulein Mehle, die der ältere der beiden Verdächtigen von ihr hatte kaufen wollen, aber nicht bereit war, den verlangten Preis von 20 Mark zu bezahlen. Sie lag umgestürzt neben der Leiche. Nach einiger Zeit entließ man den Sohn, der Vater blieb als Hauptverdächtiger in Haft. Mit ihm nahm man am 26. Juli einen Lokaltermin am Tatort vor, der am 7. August wiederholt wurde. Dabei ließ man vom Amtsboten ausschellen, dass der Gefangene in den Straßen um den Tatort herumgeführt werde, damit ihn sich die Leute, zwecks eventueller Wiedererkennung, von hinter den Fenstern betrachten könnten. Auch dieses Verfahren führte zu keinen greifbaren Ergebnissen. Der Verdacht blieb vage und der Mann leugnete vehement. Trotzdem erfolgte die Anklage. Am 4. Dezember des Jahres begann am Landgericht Frankenthal die Schwurgerichtsverhandlung unter Vorsitz von Landgerichtsrat Joseph Guggemos, ein sehr geachteter Jurist. Zahlreiche Zeugen wurden vernommen, ohne den Sachverhalt befriedigend aufklären zu können. Der zuvor ebenfalls festgenommene, aber zwischenzeitlich entlassene Sohn des Angeklagten verweigerte die Aussage. Eine Wendung führten die Angaben einer Frau aus Eisenberg herbei, die aussagte, dass sie im August, bei einem Gespräch über den Mordfall, von einem unbekannten Mann gehört habe, die festgenommenen Tüncher seien unschuldig. Er wisse, dass ein Verwandter von Mehle sie wegen ihres Geldes ermordet habe, das er für seine bevorstehende Heirat benötigte. In der Tat konnte ein Verwandter des Opfers ermittelt werden, der eine Braut in Eisenberg hatte. Allerdings war er mittlerweile durch Suizid aus dem Leben geschieden. Die Braut und ihre Mutter bestritten zwar, dass der Tote etwas mit dem Mordfall zu tun hatte, es konnte aber auch nicht ausgeschlossen werden. Der angeklagte Maler aus Bad Dürkheim wurde am 8. Dezember 1928 aus Mangel an Beweisen freigesprochen, das Verbrechen konnte nie aufgeklärt werden. Der ungeklärte Fall blieb im Gedächtnis der alten Grünstadter präsent. Mit heutiger Kriminaltechnik wäre es übrigens kein Problem, die Täterschaft des Dürkheimers nachzuweisen oder auszuschließen. Der Täter hatte das Beil angefasst und nach dem Mord seine blutverschmierten Hände an einem Handtuch abgewischt. An beiden Gegenständen dürfte er höchstwahrscheinlich seine DNA-Spuren hinterlassen haben. Ein einfacher Abgleich mit der DNA des Verdächtigen würde heute, in der modernen Zeit, genügen. Anna Mehle wurde heute vor 90 Jahren, am 17. Juli 1928, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof in Grünstadt beigesetzt. Der Autor Joachim Specht (57), Polizeibeamter, lebt seit seiner Geburt in Grünstadt und ist seit vielen Jahren im Vorstand des Altertumsvereins Grünstadt. Die Geschichte des Mordes hatten seine Mutter und Großmutter immer mit Schaudern erzählt, als sie auf dem Hauptweg des Friedhofs am Grab des Opfers vorbeikamen. Hobby-Historiker Specht schreibt unter anderem für die Kreis-Heimatjahrbücher und den Pilgerkalender.