Grünstadt Der Beruf ist heute ein Hobby
Jahrzehntelang hat er seine Brötchen mit Brötchen verdient, sein Traumberuf war es nicht: Der Arbeitstag in der Backstube begann um 1.30 Uhr, freitags schon um 21 Uhr, und ging bis zum Mittag des Folgetages. Bäcker Heinrich Jung aus Hertlingshausen hat jetzt als einziger aus dem Leiningerland neben 98 anderen Männern und Frauen in Waldfischbach-Burgalben von der Handwerkskammer der Pfalz seinen Goldenen Meisterbrief ausgehändigt bekommen.
Eigentlich wollte Heinrich Jung Dekorateur werden. Aber er war der Älteste. „Und es hieß: ,Du lernst Bäcker’“, erzählt der 72-Jährige. Nach der Volksschule ging es in die Lehre. „Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.“ Und er hat offensichtlich Gefallen daran gefunden, denn noch heute – zwölf Jahre nach Eintritt in den Ruhestand – beliefert er Freunde und Bekannte zu verschiedenen Gelegenheiten mit frischen Backwaren aus eigener Herstellung. Dafür hat er sich in der Scheune eine kleine Hobby-Backstube eingerichtet. Und selbstverständlich isst er in der Regel nur selbst produziertes Brot. „Meine Frau Barbara freut sich immer besonders über die Mohnhörnchen, die es hier nirgends zu kaufen gibt.“ Seine Kreativität hat Jung dann beim Verzieren von Torten ausgelebt. Um eigene Rezepte zu entwickeln, reichte im Alltag die Zeit nicht. Gerade im Sommer, wenn das Naturfreundehaus Rahnenhof, das Schullandheim und die Gästehäuser im Dorf gut frequentiert waren, habe er Arbeitstage mit zwölf, 13 Stunden gehabt. Und abends war er dann zusätzlich noch in der Backstube, um beispielsweise Sauerteig anzusetzen und – bis modernere Etagenbacköfen mit Ölbrenner angeschafft wurden – den gemauerten Backofen mit Kohle oder Holz anzuheizen. „Der durfte nie ausgehen, weil das Anfeuern zu lange gedauert hätte.“ Seit den Neunzigern hatte Heinrich Jung drei Läden, die teilweise auch sonntags geöffnet waren. „Und es gab Phasen, in denen einfach keine Mitarbeiter zu bekommen waren“, erinnert sich Jung, dass er oft ganz allein am Backofen stand. „Schließlich habe ich einen Bulgaren und einen Vietnamesen eingestellt.“ Halbjährlich musste Jung belegen, dass kein deutsches Personal zur Verfügung stand. „Von wegen, die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, sagt der gebürtige Carlsberger und schüttelt den Kopf. In der jüngeren Vergangenheit hatte er auch Probleme, Auszubildende zu finden. Er selbst hatte als 14-Jähriger zunächst sechs Monate lang bei seiner Mutter gelernt, die Bäckermeisterin war und das vom Großvater aufgebaute Geschäft in der Lindenstraße leitete. „Anschließend habe ich meine Ausbildung bei der inzwischen nicht mehr existierenden Bäckerei Heiß in Frankenthal absolviert.“ Als Geselle hat Jung mit seinen Eltern zusammen den Laden in Carlsberg geführt, der sich peu à peu zum kleinen Supermarkt mit Selbstbedienung mauserte. „Meinen Meister machte ich in Abendkursen an der Berufsschule in Neustadt, die Prüfung legte ich am 31. August 1968 in Weinheim ab“, erzählt Jung. Damals war er schon Mitglied im Bäckersängerbund Bad Dürkheim – Grünstadt, dem er seit 1995 vorsteht. Mitte der 1970er Jahre baute er gegenüber dem Geschäft seiner Familie ein Café und machte sich selbstständig. Zehn Jahre danach eröffnete dort ein Grieche ein Restaurant. In den Achtzigern übernahm Heinrich Jung als zweites Standbein die Bäckerei Pfeiffer in Hertlingshausen, später die Bäckerei Nagel in Eisenberg. „Zeitweise hatte ich zehn Angestellte.“ 2006 ist Jung in Rente gegangen und hat nun mehr Zeit für seine Hobbys: Singen, Motorradfahren und Gartenarbeit. Die Eisenberger Filiale wurde Wohnhaus, in das Geschäft in der Lindenstraße war schon vorher Bäcker Rainer Gerber eingezogen und der Hertlingshauser Laden war kurzzeitig in der Hand von Bäcker Horst Wilhelm aus Grünstadt. Inzwischen sind alle Geschäfte geschlossen.