Hertlingshausen
Dürenmatt-Adaptation: Gruselig aktuell
Es ist, als hätte Friedrich Dürrenmatt schon vor rund 70 Jahren gewusst, wie sich die Weltlage entwickeln wird. Sein 1956 veröffentlichtes Drama „Der Besuch der alten Dame“ hat eine „gruselige Aktualität“, findet Astrid Sacher mit Blick auf die Trumps und Musks dieser Erde. Die Schauspielerin aus Bad Ems hat das Stück – leicht abgewandelt und in die moderne Zeit transferiert – unter dem Titel „Ger(a)echt“ am Donnerstag im Karolinenhof in Carlsberg-Hertlingshausen gezeigt. In der Inszenierung unter der Regie von Jürgen Flügge deckt sie alle Rollen selbst ab. 80 Minuten lang tobt die knapp 65-Jährige über die Bühne, schlüpft im Minuten-, manchmal im Sekundentakt, in wechselnde Rollen, die sie mit einfachsten Gesten unterscheidbar macht.
So hält beispielsweise der Pfarrer oft seine Arme wie zum Segnen hoch und der Lehrer erhebt stets einen Zeigefinger, wenn er spricht. Das erinnert stark an den dürren Pauker Lämpel von Wilhelm Busch. Der Kaufmann Alfred Ill hat immer die Hände lässig in den Hosentaschen. Wegen ihm, ihrer Jugendliebe, ist die alte Dame Claire Zachanassian in ihre Heimatstadt Güllen zurückgekehrt, die sie als 17-Jährige verlassen musste. Sie will Alfred tot sehen, hat er sie doch damals geschwängert und dann die Vaterschaft abgestritten – vor Gericht untermauert mit bestochenen Zeugen. Einen Sarg hat Claire gleich mitgebracht. Die durch neun Ehen zu Reichtum gelangte Seniorin bietet der verarmten Stadt und ihrer Bevölkerung eine Milliarde Euro, „wenn ihr Alfred Ill tötet“.
Zwischen Gier und Entrüstung
Anfänglich sind die Einwohner entrüstet. Der Geistliche appelliert an die Nächstenliebe, der Lehrer schnaubt: „Ich habe auch Sie unterrichtet in Moral und Anstand. Sie kommen mir vor wie eine griechische Rachegöttin!“ Sacher mimt die Leute an unterschiedlichen Positionen rund um und auf einem Riesenstuhl. Mal sitzt sie rechts, mal lugt sie links um die Ecke, dann stellt sie sich auf die Sitzfläche und schaut wild gestikulierend über die Lehne hinweg, um im nächsten Moment neben dem überdimensionierten Möbelstück zu stehen. Als Bürgermeister ereifert sie sich: „Nein, wir begehen keinen Auftragsmord! Wir sind lieber arm als blutbefleckt.“
Doch schon bald beginnen die Güllener in Erwartung des Vermögens auf Pump über ihre Verhältnisse zu leben. Als Ausdruck ihrer gemeinsamen Haltung tragen sie gelbe Schuhe. Das alles erzählt Claire ihrer Tochter, die im Original der Mutter weggenommen wird und bereits mit einem Jahr verstirbt. „Das wurde jedoch nur gesagt, vielleicht hat sie ja weitergelebt“, stellte Sacher klar. Als sie 2021 die Adaption des Stücks als Corona-Projekt entwickelt hat, suchten sie und Regisseur Flügge nach einer Erzählfigur. „Sie sollte neutral und dennoch Teil der Geschichte sein“, erläuterte die Hessin, die freiberuflich als Knirps Theater tätig ist. Sie liebe Dürrenmatts Drama. „Ich hab es in der Schulzeit mit Elisabeth Flickenschildt als Claire gesehen.“
Schuldgefühle und Todesangst
Alfred, der zunehmend von Schuldgefühlen und Todesangst geplagt wird, findet bei niemandem Hilfe, auch nicht beim Polizisten oder beim Pfarrer. Als er fliehen will, halten ihn die Stadtbewohner mit gespielter Fürsorglichkeit – sie wollen ihn begleiten und seinen Koffer tragen – letztendlich so lange auf, bis er den Zug verpasst. „Toll, dass Sie sich entschlossen haben, zu bleiben“, meint der Bürgermeister und reicht dem Kaufmann eine Waffe. „Sie könnten uns ein bisschen Arbeit abnehmen“, sagt er. Alfred lehnt ab. Bei einer großen Versammlung ruft der Lehrer in Joseph-Goebbels-Manier der Menge zu: „Wollt ihr die totale Gerechtigkeit?“ Diese Überspitzung habe sie sich nicht verkneifen können, erläuterte Sacher hinter der Bühne und versicherte, dass sie sich ansonsten an Dürrenmatts Text gehalten habe.
Das gut besuchte Schauspiel war der Auftakt zur „MusikTanzTheaterFreizeit“. Dabei hat der Verein „Jeder kann was“ sein Mitmach-Theater und sein Ethno-Musik-Festival erstmals zusammengelegt. Für bis zu 150 Teilnehmer war man gerüstet, doch nur 37 haben sich angemeldet. Das liegt laut dem Vorsitzenden Volker Bolay vor allem am Termin in den Sommerferien. Diesen habe man gewählt, um der Musikschule Leiningerland als neu gewonnen geglaubtem Kooperationspartner entgegenzukommen. Doch eine Zusammenarbeit fand nicht statt. Die hätte es nach Auskunft von Schulleiter Richard Martin auch nur „auf freiwilliger Basis einiger Kollegen“ gegeben. „Aus logistischen Gründen nehmen wir als Musikschule an Veranstaltungen in den Sommerferien grundsätzlich nicht teil“, stellte er klar. Zum Glück gelang es Bolay noch kurzfristig bei Privatleuten und Firmen Spenden zu generieren und muss nun keine Verluste befürchten.