Leininger Nachlese RHEINPFALZ Plus Artikel Dämmerschoppen der AfD: Was das Fest in der Gemeinde auslöste

Bunt ging es zu beim Fest der Vielfalt in Mertesheim.
Bunt ging es zu beim Fest der Vielfalt in Mertesheim.

Nicht nur in sozialen Medien wurde zunächst über den Wahrheitsgehalt der in Mertesheim verteilten Flyer gerätselt: Sollte der Kreisverband der AfD tatsächlich zu Gegrilltem und Getränken in das kleine Dorf einladen?!

Argument der Skeptiker war nicht nur die Kurzfristigkeit der Einladungen, die erst eine Woche vor dem Dämmerschoppen-Termin verteilt wurden. Es verwunderte auch, dass die Flyer nur in Mertesheimer Briefkästen gelandet waren. Die Wahlveranstaltung des AfD-Kreisverbands wurde sonst nirgends beworben: auch nicht auf den zahlreichen AfD-Wahlplakaten auf dem Weg zum Mertesheimer Dorfgemeinschaftshaus. Weiterer Punkt der Zweifler: Es sollte kostenlose Getränke und Gegrilltes geben, „solange der Vorrat reicht“.

Auf Facebook jedenfalls ging der Otto-Normalskeptiker von einem „fake“ aus. Doch brachte spätestens die analoge Nachfrage der RHEINPFALZ bei Mertesheims Ortsbürgermeister Kurt Waßner Gewissheit: Die Flyer sind echt, am Freitagabend findet am Mertesheimer Dorfgemeinschaftshaus wirklich der vom AfD-Kreisverband angekündigte „Dämmerschoppen“ statt.

Die Kinder auf der Hüpfburg, die Älteren im Plausch an den Tischen: Über 100 Besucher waren zum Fest der Vielfalt gekommen.
Die Kinder auf der Hüpfburg, die Älteren im Plausch an den Tischen: Über 100 Besucher waren zum Fest der Vielfalt gekommen.

Was hätte ein „Nein“ gebracht?

„Was hätte es schon gebracht, wenn wir der AfD den gemeindeeigenen Platz am Dorfgemeinschaftshaus nicht zur Verfügung gestellt hätten – nichts, außer mehr Aufmerksamkeit und Schlagzeilen“, verwies Waßner „auf einschlägige Gerichtsentscheidungen nach Klagen der AfD gegen andere Kommunen“, die deren Veranstaltungen im Vorfeld hatten verhindern wollen. Nein, so viel Aufhebens war den Ortspolitikern der AfD-Dämmerschoppen dann doch nicht wert.

Die Anzahl der Schuhe beweist die Vielzahl der Kinder, die sich an dem Abend in Mertesheim auf der Hüpfburg austobten.
Die Anzahl der Schuhe beweist die Vielzahl der Kinder, die sich an dem Abend in Mertesheim auf der Hüpfburg austobten.

Zwar ist die Partei von Höcke und Co. zu Recht ein „rechtsextremistischer Verdachtsfall“ für den Verfassungsschutz, aber halt auch zugelassen für die anstehenden Europawahlen – inklusive antieuropäischer Parolen am Mertesheimer Dorfgemeinschaftshaus. Aber ganz so einfach wollten es die demokratischen Bewohner des kleinen Dorfes der großen AfD dann doch nicht machen, braune Grillwürste, deutsches Bier und rechtspopulistisches Gedankengut unter die Leute zu bringen.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Mertesheimer „community“ ein Organisationsteam für ein Fest der Vielfalt gebildet. Dieses Fest sollte – zeitgleich zum Dämmerschoppen und nicht mal 50 Meter davon entfernt – in Mertesheim „ein Zeichen für Demokratie und Weltoffenheit“ setzen, sagt Dominik Benninghoff vom Orga-Team. Viel Bohei wurde aber auch nicht um das Fest der Vielfalt gemacht: Die alternative Feier vorm Rathaus wurde nicht groß beworben, sondern sprach sich ausschließlich über „Mund-zu-Mund-Propaganda“ und in einigen Mertesheimer Gruppen der sozialen Medien rum.

Diese Flyer der AfD wurden eine Woche vor der Veranstaltung ausschließlich in Mertesheimer Haushalten verteilt.
Diese Flyer der AfD wurden eine Woche vor der Veranstaltung ausschließlich in Mertesheimer Haushalten verteilt.

Die Organisatoren – neben Benninghoff und Ehefrau Simone waren dies Jacqueline Voll und Lukas Maul sowie Meike und Andreas Heckwolf – wollten nicht mehr draus machen, als ein buntes Dorffest wert ist. Zumal sie auch nicht um Wählerstimmen werben mussten – keiner von ihnen ist im Dorf oder andernorts in irgendeiner Partei politisch aktiv. Aber „im Dorf etwas tun“, das wollten sie auf jeden Fall, wenn AfD-Kandidaten in ihr kleines Mertesheim kommen. Für den einen oder anderen haben sicher auch die Ergebnisse der AfD bei den jüngsten Wahlen in Mertesheim eine Rolle gespielt.

Dank für AfD-Wahlerfolge?

So war die AfD bei der letzten Europawahl 2019 mit 26,5 Prozent die meistgewählte Liste in Mertesheim (zum Vergleich: im Land Rheinland-Pfalz errang die AfD damals 8,3 Prozent). Und bei der Bundestagswahl im Jahr 2021 erhielt AfD-Kandidat Thomas Stephan in Mertesheim mit 25 Prozent sogar mehr Stimmen als die etablierten Isabel Mackensen-Geis (SPD) mit 22,7 und Johannes Steiniger (CDU) mit 18,9 Prozent. Von daher war der Dämmerschoppen der AfD vielleicht auch eine Art „Dankeschön“ an die vermeintlich vielen und treuen AfD-Wähler in Mertesheim.

Das erste Fest der Vielfalt in Mertesheim.
Das erste Fest der Vielfalt in Mertesheim.

Beim Blick auf die absoluten Zahlen relativiert sich das „AfD-Hochburg-Gerede“ aber wieder: In den vergangenen Jahren haben immer etwa 30 der 300 wahlberechtigten Mertesheimer ihr Kreuz hinter der AfD gemacht. Wenn – wie zuletzt – weniger Mertesheimer zur Wahl gegangen sind, ist automatisch ihr Prozentsatz gestiegen, auch wenn nach wie vor um die 30 AfD-Stimmen im Dorf – ohne Briefwähler – gezählt worden sind. Trotzdem: Viele Mertesheimer stört das „rechte Image“ seit diesen prozentualen Topergebnissen der AfD. Da war’s wohl auch mal Zeit, ein Zeichen zu setzen, dachte sich offensichtlich nicht nur das Orga-Team.

So lässt sich vielleicht auch erklären, dass in kurzer Zeit so viele Mertesheimer über 30 Salate zubereitet und sich mehrere Spender für Getränke und eine Kinderhüpfburg zum ersten Mertesheimer Fest der Vielfalt gemeldet haben. An Unterstützern mangelte es im Vorfeld jedenfalls nicht. Und doch war sich das Orga-Team nicht ganz sicher, ob und wie viele Bürger ihr Fest der Vielfalt annehmen, oder zugespitzt formuliert: Welche Chancen bunte Salate gegen braune Bratwürste haben? Übrigens: Dass der Abend – trotz der räumlichen Nähe zum AfD-Stand – friedlich über die Bühne gehen würde, daran hatten weder das Orga-Team noch Waßner Zweifel.

Wo wie viele Besucher

Sie sollten Recht behalten. Und die Vielfalt-Initiatoren überwältigt sein. Über 100 Mertesheimer haben an dem sonnigen Freitagabend vorm Rathaus zusammen gefeiert. Außerdem haben sich gut 20 Kinder auf der Hüpfburg ausgetobt. Am AfD-Stand wurden um die 30 Gäste gesichtet – inklusive Veranstalter und einer mehrköpfigen Gruppe aus dem Nachbardorf.

An dem Abend hat das bei dem bunten Fest aber keine große Rolle gespielt. Manch einer hat sich sogar ’ne Grillwurst geholt und sie dann zusammen mit einem selbst gemachten Nudelsalat an einem Tisch neben der Hüpfburg gegessen. Frei nach dem Motto: Braun kann auch zu bunt passen. Gestört hat das keinen. Zumal die zahlreichen Besucher vom Fest der Vielfalt so viel gespendet haben, dass nach dem Abzug der Kosten für Hüpfburg und Straßensperrung 560 Euro übrig geblieben sind. Das Geld soll nun für einen Bolzplatz verwendet werden.

Also war der Freitagabend trotz der anfänglichen Zweifel letztlich ein voller Erfolg. Nicht nur für Mertesheim.

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