Grünstadt
Corona: Verwaltungen im Leiningerland und in Eisenberg bereiten sich auf den Ernstfall vor
Im Minutentakt sind gestern die E-Mails eingegangen: Stabaus abgesagt, Konzert abgesagt, Lesung gecancelt, Schulen, Kindertagesstätten, Sporthallen geschlossen: Das öffentliche Leben kommt praktisch zum Erliegen. In den Verbandsgemeinden Eisenberg und Leiningerland sowie der Stadt Grünstadt kommen die Verantwortlichen zusammen, um die nächsten Tage und Wochen zu organisieren, Empfehlungen zu formulieren und zu überlegen, wie man weiterarbeiten könnte, sollte es kranke Kollegen in den eigenen Reihen geben.
Die Lage ändert sich schnell
Wie schnell sich die Einschätzung der Lage in Deutschland geändert hat, zeigt das, was Bernd Frey (SPD) erzählt: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich am Mittwoch noch nicht gedacht, dass ich einen Krisenstab brauche.“ Dann die Erkenntnis: Es geht nicht anders – und am Donnerstagnachmittag tagten Fachbereichsleiter der Verwaltung, Werkleiter, Kollegen aus der EDV, der Personalabteilung und dem Personalrat schon.
„Wir haben den Worst Case durchgespielt“, sagt Frey. Das heißt für den Verwaltungschef: Was passiert, wenn die Verwaltung tatsächlich geschlossen werden müsste, weil ein Kollege erkrankt ist und die anderen in Quarantäne bleiben müssen? „Es gab heiße Diskussionen“, berichtet Frey. Nun würden verschiedene Varianten geprüft. Eine Option sei eine vorübergehende räumliche Trennung der Mitarbeiter. Sollte das Rathaus geschlossen werden müssen, könnten Mitarbeiter der Werke und des Standesamts im Haus am Marktplatz arbeiten, in dem das Ordnungsamt untergebracht ist. Denn die Verbandsgemeindeverwaltungen sind dafür zuständig, Sterbefälle zu beurkunden – das kann nicht warten. „Wir klären, ob das im Fall der Fälle auch in Göllheim oder im Leiningerland gemacht werden könnte“, sagt Frey. Grundsätzlich gelte es, je nach Lage zu entscheiden: „Wir müssen kurzfristig reagieren können.“
Bürgerbüro in Hettenleidelheim schließt
Kurzfristig, das ist auch das Stichwort, das im Gespräch mit Frank Rüttger (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Leiningerland, öfter fällt – denn die Lage im Land ändert sich stündlich: „Die Situationen überschlagen sich. Es ist ein bisschen bedauerlich, dass zu wenig von oben runter kommt“, findet er und bezieht sich dabei auf die Landesregierung. Die Verbandsgemeinde rate mit Blick auf öffentliche Veranstaltungen, „auf alles zu verzichten, was irgendwie geht“. Die VG selbst habe die Infoveranstaltung über die Zukunft der Grundschulen Kleinkarlbach und Kirchheim ebenso abgesagt wie die Earth Hour.
Nächste Woche sind in der Verbandsgemeinde viele Rats- und Ausschusssitzungen – hier gebe es noch keine abschließende Meinung. Ob die Sitzungen stattfinden, soll kurzfristig entschieden werden.
Wasserversorgung: Kollegen werden getrennt
Mit Blick auf die Wasserversorgung will die Verbandsgemeinde Leiningerland einstweilen „vor-fusionär“ arbeiten. Derzeit arbeiten alle Werks-Kollegen in Hettenleidelheim, ab Montag werden sie getrennt: So sollen diejenigen, die in der alten VG Hettenleidelheim fürs Wasser zuständig sind, im dortigen Werkhof arbeiten. Diejenigen, die für die ehemalige VG Grünstadt-Land zuständig sind, arbeiten von Grünstadt aus. So soll der Kontakt begrenzt werden. Die Verbandsgemeinde überlege auch, Mitarbeiter nach Hause zu schicken, um dann – im Fall der Fälle – immer noch genügend gesunde Kollegen zu haben, auf die man zurückgreifen könne, um das Notwendige abdecken zu können. Für Rüttger sind das Standesamt, Feuerwehr, Kasse und Bürgerdienste. Stichwort Bürgerbüro: Das ist bis auf Weiteres nur noch in Grünstadt besetzt, das Hettenleidelheimer Bürgerbüro ist ab Montag geschlossen – um auch hier die Kontakte zwischen Verwaltungsmitarbeitern und Bürgern zu reduzieren.
Volkshochschul-Kurse werden abgesagt
Kontakte reduzieren – das ist auch in Grünstadt angesagt: „Die Öffnungszeiten der Verwaltung werden im Laufe der nächsten Woche komplett gestrichen“, sagt Büroleiter Joachim Meyer. Die Verwaltungsmitarbeiter seien nur telefonisch und per E-Mail erreichbar. Persönliche Termine vor Ort können nur nach vorheriger Abstimmung vereinbart werden, das gelte auch für Beurkundungstermine beim Standesamt. Die Zeiten des Bürgerservices würden weiter eingeschränkt, die Bürger werden gebeten, nur in dringenden Fällen vorbeizukommen. So solle das Ansteckungsrisiko reduziert werden.
Die Kontakte innerhalb der Verwaltung an den verschiedenen Standorten sollen so weit wie möglich eingeschränkt werden, die IT bereite PCs für die Heimarbeit vor. „Allerdings haben wir hier durch spezielle Programme und damit einhergehende Anforderungen nicht die Möglichkeit, alle Arbeiten von zu Hause aus zu erledigen. Ein Homeoffice ist nur zum Teil umsetzbar“, berichtet Meyer.
Besuche anlässlich von Jubiläen werden in der nächsten Zeit nicht stattfinden, sagt Bürgermeister Klaus Wagner (CDU). „Damit wollen wir auch insbesondere die älteren Mitbürger vor einer möglichen Ansteckung schützen. Insoweit werden wir die Beigeordneten und Ortsvorsteher informieren.“ Dass öffentliche Einrichtungen in den nächsten Tagen geschlossen werden, schließt die Stadt derzeit nicht auf – die Kurse der Volkshochschule Grünstadt werden ab Montag abgesagt.
Wie ist die Lage an den weiterführenden Schulen?
Eine Klasse des Leininger-Gymnasiums war für Donnerstag und Freitag beurlaubt worden, weil zwei Schüler Erkältungssymptome aufwiesen. Eines der Kinder war zuvor in einem Gebiet, das mittlerweile zum Coronavirus-Risikogebiet erklärt worden ist. Es ist getestet worden, das Ergebnis stand gestern Mittag noch aus, berichtet Schulleiterin Cornelia Diehl.
Die Schüler des Leininger-Gymnasiums und der Integrierten Gesamtschule in Grünstadt sollen trotz der allgemeinen Schulschließung im Land ihre mündlichen Abiturprüfungen in der kommenden Woche ablegen – es sei denn, eine besondere Lage vor Ort (etwa erkrankte Kinder oder Lehrer) würde das unmöglich machen. Sowohl die Schüler der IGS als auch des LG wurden am Freitag angehalten, Schulmaterialien mit nach Hause zu nehmen, berichten die Schulleiter Uwe Chormann und Cornelia Diehl.
In der IGS sollen die Tutoren den Schülern über die Klassenelternsprecher Arbeitsaufträge zuleiten. „Dazu werden die vorhandenen Kommunikationsstrukturen wie Mailverteiler und WhatsApp-Gruppen genutzt“, berichtet IGS-Leiter Chormann. Das LG testet eine Plattform, die sich in solchen Situationen als segensreich herausstellen könnte. Der Portalserver IServ ermöglicht Lehrern und Schülern, über die Webseite hinaus in Kontakt zu bleiben, sagt LG-Leiterin Diehl. Man könne sich die Plattform vorstellen wie ein Intranet. Die Lehrer können unterschiedliche Gruppen definieren und Informationen oder Lehrmaterialien einstellen. Die Kinder können sich zu Hause einloggen. Beide weiterführenden Schulen in Grünstadt wollen auf ihren Internetseiten über den aktuellen Stand informieren. Schulleiterin Diehl informiert, auch in der kommenden Woche würden Lehrer und Mitarbeiter in der Schule anwesend sein. Ihr Eindruck deckt sich mit dem vieler anderer Menschen: „Vielen ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass es ein ernstzunehmendes Thema ist.“