Grünstadt Comedy, Chansons und Canapés
In ein Wechselbad der Gefühle, von witzig bis anrührend, hat der lothringische Chansonnier Marcel Adam, unterstützt von seinem 24-jährigen Sohn Yann Loup, und drei weiteren erstklassigen Musikern am Freitagabend das Publikum im Evangelischen Gemeindehaus Eisenberg getaucht. Die Zuschauer waren hingerissen von dem Programm mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Akkordeon, Akkordeon“. Viele zeigten sich positiv überrascht.
Das ist in der Pause zu vernehmen, in der es gratis Rotwein vom Weingut Klaus Grün aus Sausenheim sowie Canapés vom Eisenberger Waldhotel gibt. Dieses Angebot sollte die Auftaktveranstaltung der städtischen Kulturreihe, die grundsätzlich – aus bislang unerfindlichen Gründen – nie ausverkauft ist, etwas attraktiver machen. Vermutlich hat die Ankündigung der französischen Leckereien tatsächlich Wirkung gezeigt, denn immerhin sind rund 290 der 440 Plätze belegt. Etliche Leute kannten aber Marcel Adam, der seit 34 Jahren im Rampenlicht steht, bislang noch nicht. Entsprechend gespannt sind sie. Auf der dunklen Bühne stehen Gitarren in verschiedenen Größen, ein schwarzes Akkordeon und eine rote Knopfharmonika. Eigentlich sei das Programm für drei Handzug-Aerophone konzipiert gewesen, aber manchmal merke ja keiner, wenn ein Instrument fehlt, meint Adam augenzwinkernd. Und man muss dem Liedermacher und Mundart-Komödianten Recht geben: Christian Di Fantauzzi und Vincent Carduccio spielen derart hervorragend und klanggewaltig, dass kein dritter Mann vermisst wird. Anfangs geht der Gitarrist Christian Conrad – ein ebenso fantastischer Musiker – regelrecht unter. Dass man an diesem Abend Marcel Adam überhaupt hören kann, ist erstaunlich, hat er doch gerade eine Bronchitis hinter sich, bei der die Stimme versagte. Das Inhalieren von Öl, Sängerspray und ein bisschen Ruhe hätten schnell Besserung gebracht, erzählt der Sänger, der stets eine Mütze trägt, im RHEINPFALZ-Gespräch. Von einem Atemwegsinfekt ist tatsächlich nichts zu spüren. Die Stimme klingt angenehm, auch hohe Tonlagen erreicht der Mittsechziger mühelos. Zunächst präsentiert er „Je vais attendre“, „weil wir Männer immer auf unsere Frauen warten müssen“, wie er erklärt. Beim „Duo Blues“ übernimmt er den deutschen Part und sein Sohn singt auf Französisch. „S′Onna“, die Hommage an Marcel Adams Großmutter Anna, zu der er zärtlich die Gitarre zupft, ist in lothringischem Dialekt verfasst – nett und zu Herzen gehend. Urkomisch und teilweise nicht jugendfrei ist die vom Frontman auf der Ukulele und von Conrad mit dem Geräusch einer quietschenden Klo-Tür untermalte Geschichte vom armen Osterhasen, der viereckige Eier legt. Die direkte Frage in den Saal, wer den Schmerz nachempfinden könne, weil er Hämorrhoiden habe, bleibt freilich unbeantwortet. Spontane Zustimmung erntet Adam, als er charmant lächelnd das Lied „Wilde Mary Lou“ mit den Worten ankündigt: „Starke Frauen, die einem ein Loch in den Kopf diskutieren, bewundert man, aber zu Hause will sie niemand haben.“ Für seine CDs wirbt er in gleicher Manier: Bald sei wieder Weihnachten und jeder habe in seiner Familie jemanden, den er nicht gut leiden könne. Die Satire steckt in ihm: 15 Jahre lang hat Marcel Adam einmal wöchentlich Comedy im Saarländischen Rundfunk gemacht – als „Der Schompierre“, Philosoph und Schnapsbrenner. Von der jüngsten CD des Sohnes werden unter anderem „Aline“ (Christophe) und „Là bas“ (Jean Jacques Goldman) gespielt. Bei letzterem greift Di Fantauzzi erstmals zum Saxofon, das er ebenso virtuos beherrscht wie sein Knopfakkordeon, auf dem er zu dem Chanson von Jacques Dutronc „Paris se réveille“ unglaubliche Fingerfertigkeit beweist. Das ausgezeichnete Quintett interpretiert beispielsweise auch Nenas „Wunder gescheh’n“, bei dem etliche Zuschauer mitsingen sowie den Bette-Midler-Hit „The Rose“, bei dem Yann Loup Adam seinen innig singenden Vater mit gefühlvoll gezupfter Gitarre begleitet. Aus dem melancholischen Lied „Der Clown“, das Heinz Rühmann im Sprechgesang vorgetragen hat, macht Marcel Adam mit einer aufgesetzten roten Nase ein melodisches Stück. Als Abschluss eines Konzertes des Lothringers niemals fehlen darf „Von guten Mächten“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Publikum würdigt die Darbietung mit Applaus im Stehen. Das Ensemble bedankt sich am Ende der Dreieinhalb-Stunden-Veranstaltung mit etlichen Zugaben.