Grünstadt Brötchen und Kakao von den Amerikanern
Sie wurden vor 80 Jahren, 1939, geboren und sechs Jahre später, 1945, eingeschult. In diesen Jahren tobte der Zweite Weltkrieg. Am Samstag hat sich im Blauen Rathaus der Bockenheimer Jahrgang 1939 getroffen.
Als die damals sechsjährigen Kinder zu Ostern 1945 eingeschult wurden, war das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte noch nicht zu Ende. Erst am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. „Wir haben noch Fliegeralarm erlebt und gesehen, wie hier alles zusammengeschmissen war“, erzählen Manfred Wießner und Christa Mengele. „Einmal saßen wir Kinder oben auf dem Bockenheimer Berg unter Hecken, da sahen wir, wie die Südzuckerfabrik in Neuoffstein bombardiert wurde“, erinnert sich Wießner. Beim Gang zur Schule seien sie ständig über Backsteine gestolpert, die herumlagen. Und es gab noch ein Kleinbockenheim und ein Großbockenheim. Die Zusammenlegung der Dörfer erfolgte 1956. 21 Gäste, teils mit ihren Partnern, waren am Samstag aus Frankenthal, dem Zellertal, Waldsee und Bockenheim zum Schülertreffen ins Blaue Rathaus gekommen. 17 Schüler von damals waren mit dabei, sagt die Bockenheimerin Mengele, geborene Zindel, die für die Klassentreffen und Wiedersehens-Stammtische zwischendurch die Fäden zusammenhält. Viel mitgeholfen beim Zustandekommen der Treffen habe in der Vergangenheit Benno Lohmann, der vor vier Jahren verstorben ist. Weswegen der Bockenheimer Wießner bei den Vorbereitungen einsprang. Die Schüler von damals haben viel zu erzählen: Als Schulräume dienten im Frühjahr 1945 ein Gebäude in der Weinstraße (heutiges Rotes Rathaus) und das Pfarrsälchen für Großbockenheim. „In Kleinbockenheim war es ein Gebäude an der Schlosstreppe“, erinnert sich Christa Mengele. Verschiedene Volksschulklassen wurden mitunter in einem Raum unterrichtet. Von der sechsten bis zur achten Volksschulklasse wurden Buben und Mädchen räumlich getrennt. Nach Schätzung von Wießner und Mengele waren es damals 18 Schüler in Kleinbockenheim und 39 in Großbockenheim. Christa Mengele, die im April 80 Jahre alt wird, erzählt: „Ein Highlight für uns war damals immer samstags die Schulspeisung durch die Amerikaner. Es gab Brötchen, Kakao und Eszet-Schokolade. Vorher hat es bei uns zu Hause – mit fünf Kindern – nie Schokolade gegeben.“ Wolfgang Hörold (79), der heute in Pfeddersheim wohnt, wollte als Großbockenheimer Volksschüler unbedingt nach Grünstadt aufs Progymnasium (damals noch in der Neugasse). Weil aber seine Oma Putzfrau beim „Herrn Studienrat“ war, schien der Wunsch ihres Enkels unmöglich, ja fast ein kleiner Skandal zu sein. „Da bin ich als Elfjähriger mit dem Zug nach Grünstadt gefahren und habe mich selbst angemeldet“, erzählt der Senior. Die Prüfungen habe er bestanden, die Unterlagen von den Eltern nachgereicht. Hörold wurde später Sonderschullehrer. Am Samstag tauschten sich die Frauen und Männer über das einstige Berufsleben, über Enkel- und Urenkelkinder, über Hobbys, Fitness und die Gesundheit aus. Dazu gab es auch Fotos aus jenen Zeitepochen. Gerhard Bauer aus Waldsee hat die meiste Volksschulzeit in Carlsberg verbracht, wie er sagt. Sein Vater Wilhelm Georg Heinrich Bauer war von 1950 bis 1960 Pfarrer in Bockenheim. „Wir sind einfach Altersgenossen“, sagt der einstige Gymnasiallehrer. Er hielt einen unterhaltsamen Vortrag mit dem Titel „Wir Wirtschaftswunderkinder“. Bernd Gabelmann aus Frankenthal, trug das besinnlich-heitere Lied „Auf einmal ist man 80“ vor. Zum Programm gehörten Besuche im Museum im Blauen Rathaus und der Martinskirche, die Kirchenpädagoge Harald Ferber führte. Hobbyzeichner Manfred Wießner hatte eigenhändig eine Dankes-urkunde angefertigt, die, von allen Mitschülern unterschrieben, an Christa Mengele für ihr Engagement in Sachen Klassentreffen überreicht wurde. Und in Erinnerung an einen schönen und unvergesslichen Tag, den alle hatten.