Carlsberg RHEINPFALZ Plus Artikel Begeisterte Kinder beim Mitmach-Theater-Festival in Hertlingshausen

Kevin Herbertz, einer von drei Workshop-Leitern beim vierten Mitmach-Theater-Festival im Karolinenhof in Hertlingshausen, gibt d
Kevin Herbertz, einer von drei Workshop-Leitern beim vierten Mitmach-Theater-Festival im Karolinenhof in Hertlingshausen, gibt den jungen Teilnehmern Tipps, wie sie ihre Darstellung möglichst authentisch hinbekommen – auch wie man jemanden auf der Bühne eine Ohrfeige verpasst, gehört zum »Lehrstoff«.

„Gewalt? Ist keine Lösung!“ Dieses Thema, das uns im Kleinen ständig begegnet und im Großen derzeit besonders aktuell ist, stand im Fokus des vierten Mitmach-Theater-Festivals in Carlsberg. Bevor eigene Stücke entwickelt werden konnten, musste eine Brücke über einem brodelnden Vulkan überquert werden.

Petris Vater (gespielt von Tilian) wird nach der Nachtschicht um die Mittagszeit aus dem Schlaf gerissen: Sein Handy klingelt und er sieht auf dem Display, dass der Anruf aus der Schule kommt. Sein Sohn verprügele andere Kinder und schreibe sehr schlechte Noten, sagt der Direktor (Tom) am anderen Ende der Leitung und bittet um ein Gespräch. Der Vater, plötzlich hellwach, sagt zu, sofort zu kommen. Mit dieser Szene, die sich da in einem Pavillon auf dem Gelände des Karolinenhofs in Carlsberg-Hertlingshausen abspielt, zeigt sich Kevin Herbertz sehr zufrieden. Das Ensemblemitglied der Theaterspiele Witten leitet einen von drei Workshops, die im historischen Ambiente zum Thema „Gewalt? Ist keine Lösung!“ laufen.

Die Hälfte der Teilnehmer sind Flüchtlinge

Am Wochenende hatte der gemeinnützige Verein „Jeder kann was“, der sich Integration und Inklusion durch künstlerische Aktivitäten zum Ziel gesetzt hat, zu seinem vierten Mitmach-Theater-Festival geladen. Nach anfänglich zögerlichen Anmeldungen habe man die 40 Plätze doch noch belegen können, berichtet der Vorsitzende Volker Bolay. Die Hälfte der Teilnehmer seien Flüchtlinge, die auch durch Mund-Propaganda viel Werbung gemacht hätten. „Ein Afghane und ein Syrer haben sogar schon Freundschaft geschlossen“, erzählt Monika Grundmann, die Koordinatorin für Asyl und Ehrenamt der Verbandsgemeinde Leiningerland. Gerade kommt sie mit ihrer Kamera aus der Scheune heraus – besser: aus dem „Raumschiff“ des Workshops von Elisabeth Sterzer. „Unter den Passagieren gibt es Streit. Sie gehören zwei konkurrierenden Tanzgruppen an, die beide auf dem Mars auftreten wollen“, erläutert die Schauspielerin. Wie die Geschichte sich entwickelt, wisse sie noch nicht.

In der Gruppe ihres Kollegen Herbertz geht es jetzt ebenfalls darum, wie es mit dem Stück weitergeht, das zum Abschluss des Festivals präsentiert werden soll. Die Kinder schlagen vor, das Gespräch zwischen Petris Vater und dem Schuldirektor einzustudieren. „Nee, wir brauchen noch eine schlimme Szene zwischendurch“, findet der Workshop-Leiter. Die rivalisierenden Gangs von Petri (Malek) und Lukas (Mafiyar) sollen auf dem Spielplatz aufeinandertreffen. Herbertz zeigt den Jungen und Mädchen, wie man jemandem auf der Bühne eine Ohrfeige verpasst, sodass es authentisch aussieht und sich auch echt anhört. Das gefällt den Kindern. Sie üben es immer wieder und wieder. Zwischendurch setzen sie sich alle zusammen und diskutieren über den weiteren Fortgang der Geschichte. Die Schüler sprudeln dabei vor Ideen, „wenn man ihnen die richtigen Fragen stellt und sie verstanden haben, dass sie selbst aktiv und kreativ werden dürfen“, so der 42-Jährige.

Wer zu selbstbewusst auftritt, scheitert letztlich

Als die 40 Festival-Teilnehmer am Samstagmorgen auf dem Karolinenhof angekommen waren, boten Herbertz, Sterzer und der dritte Theaterpädagoge Andreas Strigl erst einmal ein Aufwärmtraining für alle. In einer ganz wesentlichen Basisübung geht es um den Rang, den eine Person gegenüber anderen einnimmt. Auf der Skala von eins (Sklave, Bettler) bis fünf (König) wird jedem Akteur ein Status zugewiesen. Die Mitspieler kennen ihn nicht, allerdings soll der Rang am Verhalten abzulesen sein. „Vorlaute Kinder erhalten von mir generell einen niedrigen Status, sollen sich unterwürfig und ängstlich geben“, verrät Herbertz. Nun werden jeweils zwei Personen aus unterschiedlichen Richtungen auf einen schmalen, zerbrechlichen Steg geschickt. In der Mitte kommen sie nicht aneinander vorbei. Unter ihnen brodelt ein Vulkan. Wer wird zurückweichen? Zwei Jungen, die beide Rang fünf hatten und entsprechend selbstbewusst auftraten, seien unnachgiebig gewesen. Schließlich sei die Brücke unter ihnen zusammengebrochen und sie seien in die heiße Lava gestürzt, berichtet der freiberufliche Schauspieler schmunzelnd.

Die Workshop-Arbeit mache Riesenspaß, findet Sterzer. Es sei großartig zu sehen, wie schnell Kinder in eine Fantasiewelt eintauchen. „Auch können wir Impulse für positive charakterliche Veränderungen geben“, sagt die 31-Jährige und erzählt von einer extrem schüchternen Bewohnerin aus einem SOS-Kinderdorf, die bei so einem Theater-Seminar total aufgeblüht sei. Herbertz betont: „Unser Hauptziel ist, dass die Teilnehmer Spaß haben, vielleicht auch Freunde finden und mit einem tollen Gefühl nach Hause fahren.“

Ein Auftakt, der wirklich unter die Haut ging

Und wie kommen die Flüchtlinge und Asylbewerber, die ja in der Regel kein Auto haben, aus dem abgelegenen, derzeit zusätzlich aufgrund von Straßenbauarbeiten nur über eine lange Umleitung erreichbaren Carlsberger Ortsteil wieder heraus? So, wie sie auch angereist sind. Laut Bolay hat die Verbandsgemeinde mit ihrem eigenen Kleinbus einen Shuttle-Service eingerichtet. Unterstützung erhielt der Verein „Jeder kann was“ auch für die Aufführung zum Auftakt des Mitmach-Festivals: Es gab etwas mehr als 5000 Euro aus dem Ressort „Gewaltprävention“ des Mainzer Innenministeriums. Das Figurentheater Marotte aus Karlsruhe hatte zudem bereits am Freitagabend die Groteske „Adams Äpfel“ des Dänen Anders Thomas Jensen gezeigt. „Unsere Scheune war voll besetzt“, bilanziert der Vereinsvorsitzende. Das Stück sei unter die Haut gegangen, und einige Besucher hätten noch bis Mitternacht im Hof diskutiert.

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