Kerzenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Baustelle in Kerzenheim: VG-Werke zufrieden, Gastronomie in Not

Letzter Bauabschnitt in puncto Wasserleitungen: Die Mitarbeiter der Firma Tas verlegen in der Hirtengasse Wasserleitungen.
Letzter Bauabschnitt in puncto Wasserleitungen: Die Mitarbeiter der Firma Tas verlegen in der Hirtengasse Wasserleitungen.

Während die Bauarbeiten zügig voranschreiten, kämpfen manche Betriebe in Kerzenheim um die Existenz. Ein Besuch vor Ort.

Seit September ist die Kerzenheimer Ortsdurchfahrt wegen Bauarbeiten gesperrt. Zunächst waren die Pfalzwerke dran: Sie verlegten neue Stromleitungen. Aktuell sind die Verbandsgemeindewerke am Zuge: Sie erneuern die veralteten Wasserleitungen. Ab Juni folgt dann voraussichtlich der letzte Bauabschnitt: Dann wird der Landesverband Mobilität (LBM) neu asphaltieren.

Andreas Lill, Leiter der Verbandsgemeindewerke, ist mit dem Fortschritt der Bauarbeiten und der Firma Tas, die die Arbeiten ausführt, hochzufrieden. „Inzwischen haben wir schon 220 Meter Wasserleitungen verlegt und 35 Haushalte daran angeschlossen“, erzählt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Nun ist Endspurt: „Jetzt fehlen nur noch vier Haushalte und 46 Meter. In vier bis fünf Wochen dürften wir fertig sein. Damit sind wir wahrscheinlich vier Wochen früher durch als geplant.“ Was die Firma Tas angehe, erhalte er zahlreiche positive Rückmeldungen aus Kerzenheim. Die Arbeiter seien sehr hilfsbereit. So habe er etwa gehört, dass die Männer einer älteren Dame halfen, ihre Einkäufe durch die Baustelle zu tragen.

Selbstgebastelte Schilder

Die Baustelle, die mit Vekehrseinschränkungen und Umleitungen einhergeht, sorgt bei den Kerzenheimern für gemischte Gefühle. Anette Risser und ihr Mann Hartmut vom gleichnamigen Biohof in der Eisenberger Straße haben sich mit der Lage arrangiert und mit den Arbeitern angefreundet. Die Landwirte, die einen Hofladen betreiben, erlauben den Männern, die Hofdurchfahrt für Abkürzungen oder auch mal die Toilette zu nutzen, und versorgen sie mit Kaffee.

Not macht erfinderisch: Mit selbstgebastelten Schildern lotst der Biohof Risser die Kunden.
Not macht erfinderisch: Mit selbstgebastelten Schildern lotst der Biohof Risser die Kunden.

Klar, die Kunden seien ein bisschen genervt, weil die Baustelle von Woche zu Woche wandere und sie nie wüssten, welche Umleitungsstrecke sie fahren müssen, sagt Anette Risser. Aber das funktioniere inzwischen auch: „Die rufen mich einfach kurz vorher an.“ Um es den Kunden noch einfacher zu machen, hat Anette Risser kurzerhand drei Hinweisschilder gebastelt und im Ort aufgehängt. Da die Biolandwirte ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit Verkäufen auf dem Mainzer Wochenmarkt bestreiten, hätten sie kaum finanzielle Einbußen durch die Baustelle, sagt Risser.

Zu wenige Parkplätze

Auch im Friseurgeschäft „Schnittgefühl“ in der Ebertsheimer Straße scheint die Lage relativ entspannt zu sein. Inhaberin Sarah Sönmez ist gerade mit dem Föhnen fertig geworden und erzählt, dass ihre Kunden immer kurz vor dem Termin anrufen, um die aktuelle Lage zu checken. Deswegen laufe ihr Geschäft wie immer. Die Umleitungen könnten allerdings besser ausgeschildert sein, findet die Friseurmeisterin. „Vor lauter Verzweiflung parken die Leute dann einfach irgendwo“, sagt sie – meistens am Kindergarten, wo es aber nur eine begrenzte Menge an Parkplätzen gibt.

Gegenüber in der Metzgerei Lommel ist die Stimmung nicht so gut. Gerade ist kein Kunde da. Hier sei seit Baustellenbeginn deutlich weniger los, erzählt Verkäuferin Simone Fröhlig, während sie Fleischwurst in dünne Streifen schneidet. Auch sie und ihre Kollegin Anja Kasch bemängeln, dass es „keine gescheiten Umleitungsschilder“ gebe. Viele Kunden – darunter auch Kerzenheimer – führen jetzt lieber nach Göllheim oder Eisenberg, um dort in den Supermärkten ihr Fleisch zu kaufen.

Kurz vor dem Bankrott

Sajda Sesar, Chefin des Gasthauses „Fuchshof“ in der Eisenberger Straße, hätte die Baustelle fast die Existenz gekostet, sagt sie, während sie in ihrer Küche das Abendessen für die Gäste vorbereitet. Den ganzen November, den halben Dezember und den gesamten Februar, als die komplette Straße und die naheliegenden Parkplätze gesperrt waren, seien kaum noch Gäste gekommen. Ende des Jahres habe sie Angst gehabt, ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen zu können. „Ich habe jeden Tag gebetet“, sagt die gebürtige Kroatin. „Ich wusste nicht mehr, wie es weitergeht.“ Um die Gehälter zahlen zu können, musste Sesar Schulden aufnehmen und die Bezahlung anderer offener Rechnungen verschieben. Da ihr das Haus gehöre, müsse sie zum Glück keine Miete zahlen. Nun laufe es wieder besser, auch über Ostern sei ihr Lokal gut besucht gewesen. Sie habe wieder Hoffnung, sagt Sesar, die ihr Restaurant, das sie vor über 30 Jahren zusammen mit ihrem verstorbenen Mann aufgebaut hat, unbedingt behalten möchte. „Ich schaffe das.“

Es ist schon das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass Sesar unverschuldet Einbußen hinnehmen muss. Im Sommer hatte die Google-KI die Falschmeldung verbreitet, Sesars Lokal hätte dichtgemacht. Dabei stimmte das gar nicht, es handelte sich vielmehr um einen gleichnamigen Gasthof in Ludwigsburg. Rund vier Wochen lang blieben 70 Prozent von Sesars Gästen weg.

Auch mithilfe der RHEINPFALZ wurde das Ganze schließlich aufgelöst. Doch auf dem finanziellen Schaden blieb Sesar sitzen.

VG-Werke-Chef Andreas Lill weiß um Sesars Lage. Auch vonseiten des Gasthofs Grifo habe es ähnliche Beschwerden gegeben. Deshalb habe die VG im Amtsblatt und in den sozialen Netzwerken die Bürger darum gebeten, den lokalen Geschäften trotz Baustelle weiterhin die Treue zu halten. Auch sei es ihnen erlaubt, selbstgebastelte Hinweisschilder wie die des Biohofs Risser, aufzustellen.

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