Grünstadt Bach’sches Familientreffen

Gut in Form, von links: Leonard Schelb an der Traversflöte, Florian Heyerick am Tangentenflügel und Swantje Hoffmann an der Viol
Gut in Form, von links: Leonard Schelb an der Traversflöte, Florian Heyerick am Tangentenflügel und Swantje Hoffmann an der Viola.

Einen hochinteressanten und exzellent gespielten Einblick in die sich wandelnde Musikkultur des 18. Jahrhunderts haben Swantje Hoffmann an der Viola, Leonard Schelb an der Traversflöte – beide aus Köln – und Florian Heyerick aus Gent am Tangentenflügel beim Kirchheimer Konzertwinter gegeben.

Der Kirchenraum war zwar nicht voll, aber doch gut besucht. Das Publikum folgte der eindreiviertelstündigen, hochkonzentrierten Darbietung mit gespannter Aufmerksamkeit. Zu hören waren Sonaten. Einerseits je eine Triosonate von Johann Sebastian Bach und seinem Zeitgenossen Georg Philipp Telemann, anderseits Sonaten dreier Bachsöhne, die sich stilistisch durchaus unterschiedlich orientierten. Heyerick erleichterte den Zugang durch knappe, aber Wesentliches hervorhebende Erläuterungen und machte den Hörer auch mit dem Tangentenflügel – er erzeugt den Ton, indem er Holzplättchen oder -stäbchen gegen die Saiten schleudert – und der Viola d’amore, deren charakteristische Klangfärbung durch stählerne Resonanzsaiten erzeugt wird, bekannt. Johann Sebastian Bach fasste die Musik einer ganzen Epoche in seinem Schaffen noch einmal zusammen. Wesentlich ist dabei die Kontrapunktik, das Gegeneinanderlaufen selbstständiger Stimmen. Das wurde schon zu seinen Lebzeiten als zu kompliziert, als zu gelehrt empfunden. Man wollte eine Hauptmelodielinie, der sich die anderen Stimmen begleitend unterordnen. Gerade in Johann Sebastian Bachs Kammermusik, die ja auch geistreiche Unterhaltungskunst sein wollte, mischen sich beide Tendenzen. Auch das Galante, wie man damals sagte, das melodische Eingängige taucht auf – allerdings nie ohne kunstreiche Untermalung. Die Söhne, die bei ihrem Vater gelernt hatten, standen nun vor der Frage, wie weit sie der väterlichen Kunst folgen oder sie der Mode entsprechen wollten oder mussten. Letzteres führte zu allerlei formalen Experimenten. Da heute Johann Sebastian Bach in aller Ohren ist, sind seine musikalischen Bauprinzipien dem Hörer geläufiger als manche Formexperimente seiner Söhne. Carl Philipp Emanuel, der zweitälteste Sohn, der einerseits das väterliche Erbe hochhielt, anderseits ganz der Subjektivität impressionistischer Empfindsamkeit verpflichtet war, komponierte in seinem Todesjahr 1788 – es ist ungefähr die Zeit, in der Mozart „Figaros Hochzeit“ schrieb – das Quartett in a-Moll, Wq. 93. In Mozarts Oper kennen sich viele Klassikliebhaber bestens aus. Viele Strategien Carl Philipp Emanuels, seine Musik zu organisieren, wirken auf den heutigen Hörer indes eher fremd, weil sie nicht dem musikgeschichtlich folgenreicheren italienisch-süddeutschen Duktus folgten. Hoffmann, Schelb und Heyerick waren mit ihrem großem interpretatorischem Sachverstand und der perfekten Beherrschung ihrer Instrumente – nur die Viola klang in einigen Momenten etwas eckig und ungelenk – indes in der Lage, die Musik ungemein klar und verständlich vorzustellen. So ging dem aufmerksam Hörenden auch ohne nähere Erläuterung Vieles auf. Dasselbe gilt auch für die c-Moll-Sonate für Viola und Klavier von Wilhelm Friedemann Bach und die d-Moll-Sonate für Traversflöte und Klavier von Johann Christoph Friedrich Bach, dem jüngsten der Söhne, und gleichermaßen für die beiden Triosonaten in G-Dur von Johann Sebastian Bach, BWV 1027, und Georg Philipp Telemann TWV 42. D15. Die Viola spielte kraftvoll, markant, bisweilen verhalten und zärtlich. Die Flöte war klar, leicht leuchtend im Klang, bildete ihre Töne abgerundet und angenehm, sie phrasierte geläufig und plastisch. Der Tangentenflügel schließlich erklang ein wenig wie ein per Lautenzug gedämpftes Cembalo, spielte stets wunderbar flüssig und elegant. Und die Klangbalance war wunderbar ausgewogen. Das Konzert bot durchaus schwere Kost, aber die Ausführung war wunderbar. Und den musikalischen Horizont erweiterte es überdies.

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