Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Ausbilder Schmidt über Auftritte in Autokinos, Tabus in Corona-Zeiten und Probleme mit der Security

Holger Müller ist Ausbilder Schmidt.
Holger Müller ist Ausbilder Schmidt.

„Morgen, ihr Luschen“ – der berühmt-berüchtigte Appell von Ausbilder Schmidt wird am Samstag durchs Autokino in Obersülzen schallen. Benjamin Fiege sprach mit dem Comedian vorab über diese neue Form von Auftritten, Tabus in der Pandemie-Zeit – und ein besonderes Erlebnis in Bockenheim.

Herr Müller, Sie touren seit 2001 als Ausbilder Schmidt durch die Republik und das deutschsprachige Ausland. Eine Tournee wie diese dürfte für Sie allerdings auch eine neue Erfahrung sein. Wie haben sich denn die ersten Auftritte in Autokinos für Sie angefühlt?
Ja, das ist sicher eine neue Erfahrung gewesen. Ich bin ja auch jemand, der sonst gerne mit dem Publikum in direkten Kontakt tritt, sich vielleicht mal jemanden rausgreift und ein bisschen mit der Resonanz der Zuschauer spielt. Das geht jetzt natürlich nicht. Man bekommt auch keine direkte Reaktion mit, sondern maximal die Lichthupe zu sehen. Das ist anders, dennoch durchaus interessant. Aber es ist auch klar: Auf Sicht können solche Autokinos das Theater nicht ersetzen.

Bei solchen ungewohnten Umständen könnte ja selbst ein alter Show-Hase Schmetterlinge im Bauch spüren ...
Ja, ich bin durchaus etwas nervöser als vor meinen normalen Auftritten gewesen. Sonst bin ich da nach all den Jahren ziemlich gelassen. Nervosität kenne ich eigentlich nur noch von Auftritten, bei denen man im Vorfeld schon weiß, dass es schwierig werden könnte, zum Zuschauer durchzudringen. Etwa beim Schützenfest im Festzelt, wo der eine oder andere vielleicht schon auf dem Tisch tanzt. Da weiß man dann, dass man wenig Chancen hat.

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie die Auftritte im Autokino machen? Manche Kollegen – wie Helge Schneider – haben das ja gleich kategorisch für sich ausgeschlossen.
Ich hielt das eigentlich gleich für eine gute Idee, zumal es ja auch keine Alternativen derzeit gibt. Keine Plätze, an denen man sonst auftreten könnte. Es ist eine einmalige Erfahrung, auf die man nach Corona vielleicht zurückblicken kann und sagen kann: Schau, ich war damals dabei. Und es ist ja auch klar: Eine Haltung wie sie Helge Schneider hat, muss man sich natürlich auch leisten können. Die meisten Comedians spielen ja nicht in der gleichen Liga, haben Familien und sich selbst zu ernähren.

Sie haben die fehlende direkte Resonanz der Zuschauer angesprochen. Verändert das das Spiel auf der Bühne?
Ja, man muss sich natürlich anpassen. Ich habe recht schnell gemerkt, dass die Lacher des Publikums fehlen und ich daher selbst künstliche Pausen setzen muss, um dem Publikum die Gelegenheit zu geben, selbst zu lachen, ohne Angst zu haben, den nächsten Gag zu verpassen. Jetzt muss ich auf der Bühne selbst über meine Gags lachen, um diese notwendigen Pausen zu schaffen.

Wie sind Sie denn eigentlich bisher durch die Corona-Krise gekommen? Sie betreiben ja auch unter anderem eine Kleinkunstbühne.
Ja, da wäre jetzt nach Ostern die Saison los gegangen. Wir mussten da natürlich auch jede Menge Termine verschieben und ich gehe selbst nicht davon aus, dass da in diesem Jahr noch Aufführungen stattfinden werden. Da ist selbst der Optimist in mir eher pessimistisch. In mein Theater passen ohnehin nur 45 Leute, mit den ganzen Auflagen wären es dann vielleicht 12. Da wäre es dann schwierig Stimmung zu erzeugen. Aber vielleicht tut sich im Bereich Autokino noch etwas.

Zieht man in Pandemie-Zeiten wie diesen neue Tabugrenzen? Ihre Figur zeichnet sich ja gerade durch eine gewisse Tabulosigkeit und Härte aus.
Nein, das würden die Leute auch nicht wollen. Beim Ausbilder darf es durchaus schwarzhumorig sein. Man würde natürlich keine Witze über Coronakranke machen, das ist klar. Aber Corona wird ohnehin nicht allzu viel Raum in meinem Programm einnehmen, darauf stürzt sich ja gerade sowieso schon jeder. Und: Der Ausbilder hat ja auch nicht nur diese eine, harte Seite. Damit kann durchaus mal gebrochen werden. Sonst hätte sich die Figur nicht so lange gehalten.

Wie erklären Sie sich die Langlebigkeit des Charakters? Hatten Sie jemals einen Plan B entwickelt? Eine Nachfolgerfigur, die seit zehn Jahren in der Schublade liegt?
Ich hätte nie damit gerechnet, dass es so kommt, zumal die Figur recht einseitig angelegt war. Aber sie hatte vielleicht das richtige Timing. Sicherlich habe ich mir immer mal überlegt, eine andere Figur zu spielen. Aber mittlerweile entwickele ich mich in eine ganz andere Richtung, halte mich als Holger Müller gerne mal im Hintergrund, betreibe meine Bühne und coache junge Comedians.

Glauben Sie, dass Sie heute, im Zeitalter der political correctness, mit dem Ausbilder ebenso durchstarten würden wie in den Nuller Jahren?
Das ist eine interessante Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle. Aber ich habe tatsächlich keine Antwort darauf gefunden. Sicherlich hatte ich damals, als ich in Köln erstmals mit der Figur auftrat, das richtige Zielpublikum. Studentisch, homosexuell - im Grunde genau die Gruppe, auf die der Ausbilder abzielt. Aber sie haben die Ironie verstanden, das hat das Ganze erst möglich gemacht. Aber die Humorkultur und das Publikum haben sich in den vergangenen 20 Jahren verändert.

Kann Ihr Publikum denn gut zwischen Holger Müller und der Bühnenfigur trennen?
Den meisten gelingt das schon, denke ich. Aber natürlich habe ich auch Leute im Publikum sitzen, die die Ironie in der Figur nicht erkennen und sie 1:1 nehmen. Die wünschten sich den Ausbilder wahrscheinlich als Bundeskanzler. Aber die gab es schon immer, ich würde nicht sagen, dass die in den vergangenen Jahren jetzt mehr geworden sind.

Ihr wahres Ich unterscheidet sich vom Ausbilder ja sogar sehr, dass sie bei einem Auftritt in Bockenheim (Winzerfest) mal fast am Türsteher gescheitert wären.
Ja, daran erinnere ich mich. Das ist ein Klassiker, die meisten erkennen mich ohne Kostüm nicht. Und dann geht man aus dem Festzelt raus, um einen Bach zu machen - und scheitert dann bei der Rückkehr an der Security, weil man anders aussieht als der Typ auf dem Poster. Und ein Ticket hat man natürlich auch nicht dabei.

Der Auftritt in Obersülzen ist für Sie eine Rückkehr in Ihr Heimatbundesland. Mittlerweile sind Sie in Köln und in Ostfriesland zu Hause. Hhaben Sie denn noch Verbindungen nach Rheinland-Pfalz?
Ich komme aus Idar-Oberstein und habe da immer noch Verwandschaft, von daher ist der Kontakt nie abgerissen. Ich bin noch regelmäßig in Rheinland-Pfalz und trete immer wieder gerne dort auf.

Lacht der Ostfriese über andere Dinge als der Rheinland-Pfälzer?
Ja, er ist schon ein bisschen schwerer zu knacken. Aber wenn man es geschafft hat, dann ist er ein durchaus loyaler Zuschauer. Es hat mir da oben immer Spaß gemacht.

Über was hat Herr Müller denn in letzter Zeit eigentlich selbst - trotz Corona- lachen können?
Das war dann tatsächlich das Helge-Schneider-Video, wie er da mit seinem Wein saß. Das hat mir gefallen, das war schon ein klassischer Helge. Ein Video, das ich mir auch gerne fünfmal angeschaut habe.

Termin

„Humor mit Abstand“, Live-Comedy mit Ausbilder Schmidt, Daniel Helfrich und Sven Hieronymus im Autokino in Obersülzen am Samstag, 30. Mai, 19 Uhr. Moderator: Toby Käp
x