Carlsberg RHEINPFALZ Plus Artikel 17-Jährige nach Corona-Infektion gelähmt

Bei Lea Schütze aus Carlsberg hat die Corona-Infektion ein Syndrom ausgelöst, dessen Folge Lähmungen sind.
Bei Lea Schütze aus Carlsberg hat die Corona-Infektion ein Syndrom ausgelöst, dessen Folge Lähmungen sind.

„Kindern und Jugendlichen macht Corona nichts“ – wenn man die Geschichte von Lea Schütze gehört hat, wird man so etwas nie wieder sagen. Denn die Folgen einer Corona-Infektion haben das Leben der 17-Jährigen aus Carlsberg komplett verändert: Sie ist gelähmt und kämpft jeden Tag dafür, bald wieder gehen zu können.

Lea ist eine junge Frau, die Kraftsport treibt und Fotografieren und Lesen zu ihren liebsten Hobbys zählt. Sie sei nicht nur eine gute Schülerin, sondern auch ein klasse Mädchen, sagt Oma Gertrud Schütze: „Sie ist so lieb. Von ihr kommt nie ein böses Wort.“ Doch nach einer Corona-Infektion ist im Leben von Lea plötzlich alles anders: Das Virus hat bei ihr das Guillain-Barré-Syndrom ausgelöst. Die Folgen dieser Erkrankung sind gravierend: die Beine sind gelähmt.

Lea hatte sich im August vergangenen Jahres mit dem Coronavirus infiziert. An die Zeit nach ihrer Infektion, die bei ihr mit hohem Fieber, Husten und Schnupfen einherging, erinnert sie sich im Gespräch mit der RHEINPFALZ so: „Nach der Erkrankung war ich immer kaputt, ich hatte eine Schwäche in den Beinen und Rückenschmerzen. Es wurde immer schlimmer.“

Erst dachte man, es seien „normale“ Folgen der Corona-Infektion

Sie und ihre Eltern Katja und Sven Schütze suchten Ärzte auf, Lea kam in ein Krankenhaus – doch zunächst sagte man ihr, dass es sich um die „normalen“ Nachwirkungen der Corona-Infektion handle, berichtet sie. Nachdem ihr Herz zu langsam schlug und sich um das Organ herum Wasser angesammelt hatte, wurde sie ins Westpfalz-Klinikum nach Kaiserslautern gebracht. Ihr ging es sehr schlecht zu jener Zeit: „Ich habe selbst nicht mehr viel mitbekommen. Ich war wie weggetreten, so kaputt.“

Nach der Gabe von Immunglobulinen – das ist die wirksamste Therapieform beim Guillain-Barré-Syndrom –, sei es ihr deutlich besser gegangen: „Die Therapie hat super angeschlagen“, erzählt Lea. Sie wurde aus dem Krankenhaus entlassen, war einige Tage zu Hause in Carlsberg. Dort bewegte sie sich mithilfe eines Rollators fort, weil sie ihre Beine nicht heben konnte – musste dann aber wieder ins Krankenhaus. Denn zwischenzeitlich hatte sich bestätigt, dass die Covid-Infektion bei ihr das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ausgelöst hat.

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?

Dabei handelt es sich um ein schweres neurologisches Krankheitsbild. „Es gibt eine Vielzahl von Berichten über das Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms im Rahmen einer Covid-19-Erkrankung“, teilt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) auf Anfrage mit. Genaue Zahlen darüber, bei wie viele Menschen das Syndrom nach Corona auftrat, liegen der DGN aber nicht vor. „Die neurologischen Symptome treten meist in einer Zeitspanne von zirka fünf bis zehn Tagen nach einer Covid-19-Diagnose auf, wobei sich auch Wochen nach durchgemachter Infektion ein GBS entwickeln kann“, heißt es in einem kurz vor Weihnachten veröffentlichten Fachartikel, der den aktuellen Stand der Forschung zusammenfasst. Im Schnitt werden in Deutschland jährlich 1500 GBS-Fälle gezählt.

Die Rückbildung der Lähmungen kann Monate dauern

Professor Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, erklärt den „typischen“ Krankheitsverlauf so: „Etwa zwei bis vier Wochen nach Symptombeginn setzt beim GBS die Besserung ein. Eine Rückbildung von Lähmungen kann allerdings mehrere Monate dauern, auch bleibende Ausfälle sind möglich.“ Das Guillain-Barré-Syndrom könne zwar bereits im Kindesalter auftreten, aber bei älteren Menschen trete die Krankheit öfter auf. „Bei Erwachsenen ist die Inzidenz doppelt so häufig wie bei Jugendlichen“, berichtet der Neurologe.

Beim Guillain-Barré-Syndrom greifen Immunzellen die isolierende Ummantelung der Nervenbahnen und die Nerven selbst an, so dass die Nervenfasern keine Reize mehr übertragen können. Die Folgen sind Lähmungen, die meistens beidseitig in den Beinen beginnen, später auch die Arme und das Gesicht betreffen. Der Erkrankte kann die Muskeln nicht mehr steuern. Zu den Lähmungen und Sensibilitätsstörungen kommen starke Nervenschmerzen.

Im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern bekam die junge Frau ein weiteres Mal Immunglobuline. Als es ihr wieder besser ging, kam sie in eine Reha-Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg.

Die Familie fühlt sich im Westpfalz-Klinikum sehr gut betreut

Lea erinnert sich an die Zeit so: „Anfangs lief alles gut, es wurde viel Therapie gemacht.“ Doch ihre Beine taten zu jener Zeit höllisch weh: „Ich hatte solche Schmerzen. Wenn jemand die Beine angefasst hat, habe ich geschrien und geweint.“ Nach drei Wochen habe sich ihr Zustand zusehends verschlechtert. Vater Sven berichtet, dass er und seine Frau die über 300 Kilometer fuhren, um Lea abzuholen und sie wieder nach Kaiserslautern ins Klinikum zu bringen. Ein Krankentransport ließ sich für den Tag nicht organisieren.

Als die Eltern mit ihrer Tochter im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern ankamen, ging es ihr sehr schlecht. „Ich konnte die Augen nicht mehr öffnen. Das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte weder die Beine noch die Arme anheben“, erinnert sie sich an jene Tage in der zweiten Dezemberwoche. Ihr wurden ein drittes Mal Immunglobuline verabreicht. Lea sagt: „Nach ein paar Tagen konnte ich die Augen öffnen und Arme und Beine ein bisschen hoch und runter bewegen.“

Lea und ihr Vater Sven loben die Klinik-Mitarbeiter in Kaiserslautern: „Thomas Kriebel, der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, hat sich wirklich sehr eingesetzt, die Schwestern waren auch supertoll.“

In der Lauterer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sind seit Beginn der Pandemie weniger als zehn Post-Covid-Fälle behandelt worden, das Guillain-Barré-Syndrom sei dabei jedoch ein Einzelfall, sagt Klinik-Sprecher Dennis Kolter.

Der Lauterer Chefarzt hat Lea ans Universitätsklinikum Jena überwiesen, wo man auf Kinder-Neurologie spezialisiert ist. Sie wird dort seit Mitte Dezember behandelt, Mutter Katja ist bei ihrer Tochter im Krankenhaus. Die 17-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen, die Therapien finden in ihrem Zimmer statt. Der Körper hat Fortschritte gemacht. „Ich kann jetzt fast alleine sitzen“, sagt die junge Frau am Mittwoch beim Telefonat mit der RHEINPFALZ. Im Gespräch zählt sie auf, dass sie Kopf, Arme, Hände, Oberkörper und Rumpf wieder bewegen kann. Sie habe zwar noch Schmerzen, aber dank der Medikamente seien sie nicht mehr so schlimm. Und: „Die Arme funktionieren schon wieder sehr gut.“

Jüngst hat Lea erstmals mit ihrer Klasse telefoniert

Schwere Sachen könne sie zwar noch nicht heben – aber immerhin schon einen Becher und ihr Handy. Letzteres ist nicht ganz unwichtig, denn jüngst konnte sie das erste Mal mit ihren Mitschülern aus der Integrierten Gesamtschule in Grünstadt per Videocall telefonieren. Es sei schön gewesen. Lea hat vor, nach der zehnten Klasse die Gymnasiale Oberstufe zu besuchen, das Schuljahr müsse sie aller Voraussicht nach nicht wiederholen, weil sie eine sehr gute Schülerin war und Leistungen angerechnet werden könnten, erzählt sie. Im Klinikum in Jena, in dem sie sich sehr gut betreut fühlt, gibt es jeden Tag auch eine halbe bis dreiviertel Stunde Schulunterricht mit einer Lehrerin.

Derzeit suchen die Eltern nach einer Klinik in Rheinland-Pfalz, die Lea aufnehmen kann. Auch, damit sie endlich näher an der Heimat ist. Lea hat ihren Vater und ihren älteren Bruder wochenlang nicht gesehen – sie dürfen wegen Corona nicht ins Krankenhaus. „Am liebsten war es mir immer, mit meinen Freunden oder meiner Familie unterwegs zu sein“, sagt Lea.

Ihr Ziel ist es, dass sie bald wieder stehen und schließlich auch wieder gehen kann: „Dafür kämpfe ich jetzt.“

 

Zur Sache

Die RHEINPFALZ hat seit Dezember mehrmals mit Leas Eltern und ihrer Oma gesprochen – und konnte am Mittwoch erstmals auch mit Lea im Universitätsklinikum Jena telefonieren. Vater Sven Schütze ist derzeit dabei, das Haus der Familie umzubauen – beispielsweise verbreitert er die Türen von Leas Zimmer und verlegt einen anderen Boden. Wenn Lea heimkommt, soll es die Möglichkeit geben, ein Krankenbett aufzustellen, sagt er. Der Carlsberger, der krankheitsbedingt schon in Rente ist, hat auf der Plattform www.betterplace.me (Suche: „Corona und die Auswirkungen auf meine Tochter“) ein Spendenkonto eingerichtet. Er sammelt Geld für den behindertengerechten Umbau des Hauses und um den Aufenthalt von Leas Mutter im Klinikum zu bezahlen. Bislang sind 8710 Euro eingegangen.

 

 

Oma Gertrud und Papa Sven Schütze vermissen Lea. Die Oma sagt: „Sie ist so lieb. Von ihr kommt nie ein böses Wort.“
Oma Gertrud und Papa Sven Schütze vermissen Lea. Die Oma sagt: »Sie ist so lieb. Von ihr kommt nie ein böses Wort.«
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