Grünstadt 14 457 Schritte, 660 Kalorien - schön!

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An einem Samstagmorgen im Sommer zeigt sich der Himmel wolkenverhangen, es donnert und blitzt und schüttet wie aus Kübeln. Soll ich den Termin absagen? Kommt gar nicht in Frage. Also bin ich pünktlich am Bahnhof in Grünstadt, wo die meisten der 22 Mitwanderer im Alter von 45 bis 78 Jahren bereits am Bahnsteig sind. „Des Wedder bleibt net so, ab jetzt werd’s immer besser“, sind die Optimisten sicher. Den Stockschirm nehme ich trotzdem mit – er war mir schon einige Male bei Steigungen recht hilfreich. Die geplante Tour: Mit Bahn und Bus zum Isenachweiher bei Bad Dürkheim. Von dort soll es per Pedes geschätzte elf Kilometer zum Eiswoog gehen und dann mit dem Bus zurück nach Grünstadt. Lothar Nehrbaß (71), stellvertretender Vorsitzender des Gesangvereins Bockenheim, sammelt im Zug das Fahrgeld ein. „Hammer all was zu esse und zu trinke dabei?“ Natürlich. Und in mindestens jedem dritten Rucksack soll sich, neben dem Proviant, eine Flasche Bockenheimer Wein verbergen. Der Himmel klart auf. In Bad Dürkheim und später am idyllischen Isenachweiher, einem um 1736 entstandenen Stausee, begrüßt uns die Sonne. Peter Steinbach (75 Jahre), der Bockenheimer Routentüftler, stellt seinen am Hosengürtel befestigten Schritt- und Kilometerzähler auf Null. Der kann auch den Kalorienverbrauch ermitteln. „Das ist aber eher eine Spielerei“, gibt der Wanderführer schmunzelnd zu. Nach einer knappen halben Stunde, immer der weiß-blauen Markierung nach, erreichen wir eine Schutzhütte. Jetzt haben, und das ist Tradition, Otto Strubel (77) und seine Gattin Brigitte (76), beide im Odenwald-Wanderklub Rimbach zu Hause, ihren Auftritt. Jeder bekommt ein stark nach „Medizin“ riechendes Kräuterschnäpschen namens Ottokar, Marke Eigenrezept, verabreicht. „Besser als an jeder Bar, schmeckt im Freien der Ottokar“ ist ein kleiner Auszug eines größeren Gedichts, das der Odenwälder proklamiert. Das Paar wandert seit zwölf Jahren mit den Bockenheimern, die Verbindung kam über die Arbeit zustande. Angesichts zunehmender Schwüle bei jetzt fast wolkenlosem Himmel wird der Regenschirm zum Schattenspender. Mehrmals bleiben wir staunend vor Lichtungen stehen mit tausenden weißen, rosa und rot-violett blühenden Fingerhüten (Digitalis purpurea). „Vorsicht – wieder eine sehr berauschende Medizin“, ruft jemand ob der wunderschönen, aber hochgiftigen Pflanze. Rucksackverpflegung; das hört sich trockener an, als es ist. Schnell ist am Rödelsbrunnen der große Holztisch reich gedeckt: Pfefferbeißer, Kabanossi, Fleischwurst und Hausmacher, Nektarinen– und Apfelstücke, süßes und salziges Gebäck, Obstsaft, Kaffee – Wein und Mineralwasser. Daraus wird das heimische Nationalgetränk, die Pfälzer Rieslingschorle. Geplaudert wird über den Beruf, die Enkel, den zunehmend älter (an Aktiven) werdenden Gesangverein und wie gut Bewegung an der frischen Luft ist. Stammwander-Familie Zink zückt des Öfteren die Kamera. Und Stammwanderin Dagmar Tausch findet, dass „diese Tour heute landschaftlich besonders schön ist“. In der Blockhütte der Gemeinde Wattenheim, nahe der Autobahn, wird nach einem schweißtreibenden Anstieg eine Verschnaufpause eingelegt. Spontan erklingt das Lied vom „Pfälzer Wind“, der noch wehen wird, „wenn wir längst nicht mehr sind“. Von da an geht es nur noch bergab. Wir erreichen den zauberhaft eingebetteten, von sieben Quellen gespeisten Eiswoog, dessen historischer Ursprung bis ins Mittelalter reicht. „Is alles leer? Net, dass mer noch was mit häm nemme missen“, wird an eventuell noch schlummernde Reste im Rucksack erinnert. Derweil schmettern die vom Woog inspirierten Wander- und Chormänner das Lied vom Seemann, den bekanntlich nichts erschüttern kann. Des Wanderführers Schrittzähler zeigt die Zahl 14.457 an, 10,8 Kilometer und 660 verbrauchte Kalorien – alles ohne Gewähr. Auf die Minute genau hält der Bus gegenüber dem alten Forsthaus, der uns nach Grünstadt bringt. Einhelliger Tenor: „Schön war’s“.

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