Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Zu Kulturveranstaltungen im Rollstuhl: Warum ich die Welt jetzt mit anderen Augen sehe

Andrea Döring hat im Rollstuhl viele positive Erfahrungen gemacht.
Andrea Döring hat im Rollstuhl viele positive Erfahrungen gemacht.

Sechs Wochen lang saß ich im Rollstuhl. Seitdem sehe ich die Welt mit anderen Augen. Gern besuche ich Konzerte, Theatervorstellungen und ins Kino, Festivals in Ludwigshafen, Frankenthal, der Metropolregion Rhein-Neckar und drumherum.

Mit dem Rollstuhl, danach sechs Wochen mit einem Gehgips und Krücken und jetzt mit einer Gehbehinderung kann ich von vielen Begegnungen und Erlebnissen im Kulturbetrieb der Region berichten. Die meisten waren sehr erfreulich. Hilfsbereit und freundlich zeigten sich viele Mitarbeiter der Veranstalter und Zuschauer. Fast immer bekam ich einen Platz in der ersten Reihe. Bereitwillig rückten andere Gäste beiseite, räumten für mich ihre hart erkämpften Plätze, schleppten Stühle heran. Doch es gab auch etliche, die versuchten über mich statt mit mir zu reden. Als problematisch erwiesen sich oft die baulichen Bedingungen vieler Kultureinrichtungen. Bei einigen Veranstaltern gibt es durchaus Bedarf für Beratung. Viele Probleme waren denen, die nicht behindert sind, nicht bewusst. Mir auch nicht. In dieser Serie will ich von meinen Erfahrungen berichten.

Große Hoffnungen setzen viele Rollstuhlfahrer auf die Renovierung des Nationaltheaters Mannheim (NTM). Wenn man umbaut, kann man es ja gleich barrierefrei gestalten, war die Annahme. Doch das Gebäude am Goetheplatz, entstanden in den 50er Jahren, ist denkmalgeschützt. Das macht den Umbau schwierig. Barrierefreiheit war trotz der zahlreichen Verwundeten in den Nachkriegsjahren kein Thema. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das NTM bezieht Menschen mit Behinderungen in die Planung ein, so Dominic Zerhoch von der Pressestelle auf Anfrage der RHEINPFALZ. Es gibt Weiterbildungen und Schulungen für die Mitarbeiter, unter anderem durchgeführt von Fachpersonen mit Behinderung. Ob im Rollstuhl, an Krücken, mit Seh- oder Hörbehinderung, für Menschen, für die Sprache eine Hürde darstellt oder Menschen mit psychischen Einschränkungen: das NTM überlegt, wie man es ihnen leichter machen kann, auch in den Ersatzspielstätten, bis die Renovierung abgeschlossen ist.

Barrierefreies Kino

Die „Schlappohren Mannheim – Selbsthilfegruppe für Schwerhörige und Ertaubte“ ist eine der zahlreichen Organisationen und Selbsthilfegruppen, die die Pressestelle aufzählt. Die Schlappohren hätten die Induktionsschleife im Alten Kino Franklin getestet, erfährt man. Das Alte Kino Franklin und das OPAL gehören zu den Ersatzspielstätten. Das Franklin, ein altes Militärkino der US-Armee in Käfertal, hat man in ein Theatergebäude umgebaut. Das OPAL – Oper am Luisenpark in der Theodor-Heuss Anlage, wurde eigens für den Übergang in einer Leichtbauhalle errichtet. Das Alte Kino Franklin sei barrierefrei gestaltet. Im OPAL sei das Obere Foyer nicht für Rollstuhlfahrer zugänglich, so die Informationen. Deshalb finden dort pragmatischerweise zumeist keine Sonder-Veranstaltungen statt. „In den Sälen im OPAL und dem Alten Kino Franklin sitzen Rollstuhlfahrende und deren Begleitpersonen in der besten Platzkategorie,“ schreibt die Pressestelle.

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn …“, klagte Goethes Faust. Pädagogik wäre eventuell das Richtige gewesen, dann hätte man ihn vielleicht auch besser verstanden. „Im Alten Kino Franklin wird es in dieser Spielzeit eine Faust-Inszenierung in Einfacher Sprache geben. Die Premiere der Inszenierung von Daniel Cremer wird am 4. April 2025 stattfinden“, kündigt die Pressestelle an. Früher kommen oder gehen darf man bei den „Relaxed Performances“ des Schauspiels. Es gibt Sessel und Sitzsäcke, man darf sich bewegen und sich unterhalten. „Diese ausgewählten Aufführungen richten sich an ein Publikum, das von einer entspannteren Theateratmosphäre profitiert – zum Beispiel Menschen im autistischen und/oder neurodivergenten Spektrum, Menschen mit Tourette-Syndrom, Phobien oder Menschen mit chronischen Schmerzen,“ so die Pressestelle.

Fortschritte erleben

Im renovierten Gebäude am Goetheplatz werden viele Fortschritte zu erleben sein. Aufzüge und Sessellifte, Mittelhandläufe für Gehbehinderte, Treppengeländer mit taktiler Kennzeichnung und Stufenbeleuchtung für alle Stufen in den Sälen, Möglichkeit für Audio-Deskription für Sehbehinderte, Induktionsschleifen für die Verbesserung der Hörbarkeit. Auch hinter der Bühne soll es für Künstlerinnen, Künstler und Bedienstete automatische Türen mit Türöffner am Bühneneingang und ein zweiter Aufzug, der den Wechsel zwischen den Ebenen erleichtert. Beim NTM geht es voran mit der Barrierefreiheit.

Die Serie

Seit unsere Mitarbeiterin Andrea Döring im Rollstuhl saß und längere Zeit gehbehindert war, weiß sie, wie es um die Barrierefreiheit vieler Kulturinstitutionen steht und hat zusätzlich recherchiert, was diese tun, um inklusiver zu werden. In jeder Folge von „Kultur mit Hindernissen“ stellt sie ein Erlebnis und Ergebnis vor.

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