Gegenüber
Wormser Steven Elijah Neuhaus ist Autist und Künstler – Ausstellung ab 21. September in der Galerie Schauraum
Im Flur hängt ein Herz mit dem Wunsch „Viel Glück im neuen Zuhause“. Seit zwei Monaten lebt Neuhaus in der kleinen Mansardenwohnung im Norden der Wormser Innenstadt. In der Küche fehlen noch Herd und Spüle, es riecht nach frischer Wandfarbe. Doch die Wände hängen schon voller Bilder. Auf der Staffelei steht ein angefangenes Ölbild. Kurz vor der Vernissage in der Galerie Schauraum steht der Künstler unter Zeitdruck. An guten Tagen stellt er ein Bild fertig. Aber es gibt auch die schlechten Tage. An denen nur noch klassische Musik und Schlaf helfen.
Das Leben von Neuhaus besteht aus Erfolgsgeschichten. Und aus Krankheitsgeschichten, die bei den Erfolgen eine Rolle spielen. Als autistisches Kind litt er an der allgegenwärtigen Reizüberflutung. Stimmen der Mitschüler, Autoverkehr, ein starkes Parfüm – normale Reize konnten ihn überfordern und Aggressionen oder Panikattacken auslösen. Neuhaus lernte in jahrelangen Therapiesitzungen sich zu fokussieren. Beim Kickboxen konnte er sich abreagieren. Wut und Konzentration so effektiv einsetzen, dass er es mit 15 Jahren im Boxring zum Vizeweltmeister im Kickboxen schaffte.
Vom Boxring ins Tonstudio
Als er wegen einer Erkrankung seine Profikarriere an den Nagel hängen muss, gerät Neuhaus in eine Krise, beginnt Gedichte zu schreiben. Die Musik wird seine neue Art, sich mitzuteilen. Die Gedichte werden zu Songs. Er gründet eine Garagenband, studiert Tontechnik und Musikproduktion, schreibt Liedtexte für andere Sänger, bringt sein erstes Album heraus. Gerade stellt er seine Autobiografie fertig: „Anderssein ist eine Superkraft“.
Mit dem Buch will der Wormser all denen Mut machen, die anders sind als der Durchschnitt. Etwa wegen eines Handicaps. Er selbst hat das Asperger-Syndrom. Nur 20 Prozent der Betroffenen schaffen es, ein normales Leben zu führen. Neuhaus hat es geschafft. Dass er ein Kind der Jahrtausendwende ist – eine Zeit, in der er nicht als krank gilt, sondern als neurodivers – habe ihn nicht vor Ausgrenzung geschützt, sagt Neuhaus. Den Satz „Schon wieder der Behinderte“ habe er immer wieder zu hören bekommen.
Die Malerei sei schon immer ein Ventil gewesen, meint der 34-Jährige, der oft umgezogen ist. In sieben süddeutschen Städten hat er gewohnt, zuletzt in Baden-Baden, wo er ein Jahresabo für die Staatliche Kunsthalle hatte. In diesem Jahr zieht er sich stärker in seine Bilderwelten zurück, um die Trennung von seiner Partnerin zu verarbeiten. Der gemeinsame Sohn lebt nun bei ihr, ist in der neuen Wohnung anwesend – auf seinem Lieblingsbild hockt ein kleiner Junge auf einer Zypresse und greift nach den Sternen.
Sehstörung wird erst spät erkannt
Beim Malen muss sich Neuhaus dicht über die Staffelei beugen wie ein Kurzsichtiger. Ohne Brille sieht er nur zehn Prozent, sagt er. „Mit Brille sind es knapp 30 Prozent.“ Die angeborene Sehstörung wurde erst bei der Führerscheinprüfung erkannt. Ein Auto darf er nicht fahren, ist meist zur Fuß unterwegs oder mit der Bahn und hat immer einen Skizzenblock in der Tasche.
Seine Bilder lassen keine Sehbehinderung vermuten. Die Motive sind vielfältig. Porträts von Sophie Scholl, Winston Churchill, Helmut Schmidt, Frida Kahlo. Abstrakte Kompositionen, Street-Art, Tiere, Stillleben, Landschaften, Gebäude. Häufig sieht man Impressionen aus dem Elsass und Paris. Neuhaus malt mit Acryl, Graffiti, Kohle und Pastellkreide auf Leinwand, Pappe und Papier. Die Werke sind mal abstrakt, naiv, expressionistisch, impressionistisch. Man hat den Eindruck, der Künstler will die ganze Welt kanalisieren, alle Reize mit seiner Bildsprache zähmen. Indem er seine Umwelt reproduziert, muss er sich nicht von ihr abschotten. Er holt sie in seine eigenen vier Wände und bestimmt selbst den Fokus, stoppt die Reizüberflutung mit Pinsel und Stift.
Die Farbsprache ist ebenso facettenreich wie die Stile und Motive. Hier gefühlvoll changierend, da knallig. Wie beim Selbstporträt „Rap is Soulmusic“, auf dem er eine grellbunte Jacke trägt. Das Kleidungsstück gibt es nur auf dem Ölbild. So oft wurde er auf die Jacke angesprochen, dass Neuhaus das Modell in einer Schneiderei nähen lassen will. „So wird man ruckzuck zum Modedesigner.“ Das Bunte ist auch typisch im Kleidungsstil von Neuhaus. Beim Pressegespräch trägt er ein Oberteil, das farbige Fischschuppen imitiert. „Ich bin ein extrovertierter Autist, mein Outfit zeigt das. Und es trägt zu meinem Wohlbefinden bei, ist vielleicht auch ein Schutz.“ Ebenso verhält es sich mit der Schiebermütze, ohne die Neuhaus selten aus dem Haus geht. Und die ihn sprichwörtlich behütet.
Vertrieb über Online-Galerie
Während der 34-Jährige von seinem Leben berichtet, bleibt seine Miene unbewegt. Er erzählt von seiner schwierigen Kindheit und Jugend. Davon, wie der Kunstunterricht in der Waldorfschule ihm bei seinem Quereinstieg in die Malerei geholfen hat – inzwischen vertreibt er seine Bilder über eine Online-Galerie, die auch Werke von Chagall, Picasso und Warhol verkauft, auch wenn er hier in der Rubrik der Nachwuchstalente gelistet ist. Und er erzählt, wie er mit seinen Einschränkungen als Autist und Legastheniker seinen Alltag strukturiert.
Lebhaft wird sein Gesichtsausdruck erst ganz zum Schluss. „Die Ausstellung in der Galerie Schauraum ist für mich etwas ganz besonderes. Sie ist ein Heimspiel und hat für mich einen besonderen symbolischen Wert, weil ich in Worms geboren und aufgewachsen bin“, sagt er und beginnt plötzlich zu lächeln.
Termin
Die Ausstellung mit Werken von Steven Elijah Neuhaus ist vom Samstag, 21., bis Sonntag, 29. September, in der Wormser Galerie Schauraum, Zornstraße 11a, zu sehen. Vernissage ist am 21. September um 20 Uhr.