Vorderpfalz
WM-Umfrage: Boykott oder Begeisterung?
Eigentlich interessiert sich der Frankenthaler Harry Hofmann sehr für Fußball. Schließlich stand er in früheren Jahren als Aktiver bei der DJK Eppstein und auch in der Pfalzauswahl selbst auf dem Platz. Doch bei dieser WM will Hofmann sich kein Spiel anschauen – nicht einmal die Partien der deutschen Nationalmannschaft. Und selbst über die RHEINPFALZ informiert er sich aufgrund anderer Verpflichtungen nicht unbedingt tagesaktuell über den Verlauf des Turniers. Ihn stört der Umgang des Gastgeberlands Katar mit Menschenrechten. „Wie dort mit den Minderheiten, unter anderem mit Homosexuellen, umgegangen wird, das gefällt mir nicht. Ich kann doch nicht als Fußballweltverband die Weltmeisterschaft in ein solches Land vergeben“, meint der 55-Jährige. Der Flomersheimer will bei seinem Boykott bleiben, egal welche Entwicklung sich auf dem Fußballfeld ergibt.
Fußball-Weltmeisterschaften hat Inge Pries (61) aus Ludwigshafen, die mit ihrem Mann gerade in der Fußgängerzone in Frankenthal unterwegs ist, früher schon am Fernsehen mitverfolgt. „In diesem Jahr werde ich das nicht tun. Die WM interessiert mich nicht“, sagt sie. Das Ehepaar war selbst bereits im Urlaub in Dubai. „Wir haben gesehen, wie dort mit den Arbeitern umgegangen wird“, sagt Pries. Deshalb würde sie in Zukunft auch auf Urlaub in dieser Region verzichten. „In Katar werden die Menschenrechte nicht eingehalten“, begründet auch sie ihren WM-Verzicht. Kritik äußert die Ludwigshafenerin zudem an den wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Golfstaaten und der Bundesrepublik. „Deutschland ist nicht mehr Deutschland“, findet sie.
„Es ist eine Weltmeisterschaft. Da schaue ich mir alle Spiele an“, sagt der Ludwigshafener Heiko Maas (41). Weil er tagsüber arbeite, laufen bei ihm die Begegnungen des Tages dann abends. „Mir geht es ausschließlich um den Sport“, betont Maas. Alles andere hätte man aus seiner Sicht vor zehn Jahren bei der Vergabe der Spiele klären müssen. „Sich jetzt darüber aufzuregen, ist der völlig falsche Zeitpunkt“, findet der Ludwigshafener. Mehr als eine gute sportliche Leistung dürfe man auch von den Spielern nicht erwarten. „Die sollen gut Fußballspielen und fertig.“ Frankreich und Spanien haben dem 41-Jährigen bisher am besten gefallen. Die deutsche Elf habe auch nicht so schlecht gespielt. „Sie hatten eben ein bisschen Pech.“ Dass Bundestrainer Hansi Flick und dem Team am Sonntag gegen Spanien ein Wunder gelingt, daran glaubt er nicht. Maas hält es für einen großen Fehler, dass Flick Mats Hummels nicht nominiert hat. „Mit ihm und seiner Erfahrung wäre das zweite Tor der Japaner sicher nicht gefallen.“
„Man muss sich in Europa daran gewöhnen, dass es in anderen Ländern eben anders zugeht. Letztlich heißt das Ganze Weltmeisterschaft und nicht Europameisterschaft“, sagt Christian Thomas (49) aus Haßloch am Rande des Ludwigshafener Weihnachtsmarkts zu der Debatte um den Austragungsort Katar. Im Fußball kenne er sich nicht wirklich gut aus, aber bei Weltmeisterschaften schaue er sich zumindest die Spiele der deutschen Mannschaft an. Das halte er auch diesmal so. „Aber ich glaube, dass sich zumindest für mich das Thema am Sonntag sowieso erledigt hat“, sagt Thomas. Er geht davon aus, dass die Nationalmannschaft gegen Spanien verlieren wird und damit die WM für Deutschland dann auch schon wieder beendet ist. „Mein Bruder behauptet, dass dann Jürgen Klopp als Bundestrainer kommen wird“, orakelt der Haßlocher.
„Mit der Hand vor dem Mund hat die Nationalmannschaft ein richtig gutes Zeichen gesetzt“, ist Martha Kucharczyk (33) überzeugt. Die Entscheidung der Fifa, die „One Love-Armbinde“ auf dem Spielfeld zu verbieten, hält die Speyerer Historikerin für problematisch. Falsch ist es für sie, „Politik auf dem Rücken der Spieler auszutragen“. Dass bei ihr keine richtige WM-Stimmung aufkommen will, liege nicht an der Jahreszeit, betont sie. „Das Drumherum drückt auf die Stimmung“, berichtet Kucharczyk. Sie habe bisher lediglich das erste Spiel der Deutschen vor dem Fernseher verfolgt und spüre „deutlich mehr Distanz zur WM als üblich“. Ihre ebenfalls fußballbegeisterte Freundin boykottiere diese WM. „Solange die deutsche und polnische Mannschaft noch mitspielt, bin ich dabei“, sagt sie. Das Ganze habe diesmal einen üblen Beigeschmack. „Fußball ist leider zum Politikum geworden.“
„Es ist einfach die falsche Jahreszeit für echtes Fußballfieber“, findet Roman Hauck (34). Die Umstände seien weder schön noch fair, betont der Industriemeister aus Römerberg. Dennoch habe er das Eröffnungsspiel gesehen und sich nach der Arbeit die zweite Halbzeit des „Desasters“ Deutschland gegen Japan angeschaut. Aus „reinem Sportinteresse“ wird er die Gruppenspiele weiter verfolgen. „Wenn ich die WM boykottiere, ändert das nichts in Katar“, ist er überzeugt. Mit großer Skepsis sieht Hauck dem Spiel Deutschland gegen Spanien entgegen. „Es ist fraglich, ob Deutschland danach noch dabei ist“, sagt der Fußballfan.