Frankenthal Willi, Olli und ihr Chauffeur

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Reportage: Vier Prunksitzungen in vier Stunden – das bedeutet vier Mal ein anderes Publikum, vier Mal ein anderes Programm und jeweils eine andere Stimmung. Die Dubbeglas-Brieder aus Frankenthal sind in der Saalfasnacht der Vorderpfalz seit Jahren eine feste Größe. Die RHEINPFALZ hat Willi Brausch und Olli Herrmann einen Abend lang begleitet.

Marcus Möbius stellt das Auto direkt vor den Eingang. Punkt eins: Es schüttet ohne Ende. Punkt zwei: Es wird später garantiert knapp. Ein Erfahrungswert. Möbius sitzt ziemlich oft am Steuer, wenn die Dubbeglas-Brieder während der heißen Phase im Fasching auf Tournee durch die Säle der Pfalz gehen. Die erste Station am Samstag ist bei den Marlachfröschen in der Sporthalle Meckenheim. Showtime: 19.30 Uhr. Eine Stunde später schon müssen Olli Herrmann und Willi Brausch beim FCV im Congress-Forum Frankenthal auf der Bühne stehen. Ein Heimspiel. Und an diesem Abend deshalb der denkbar schlechteste Ort für eine Verspätung. Die „Brieder“ verdrücken sich vor dem Auftritt kurz im Gang neben der Halle: kurzes Anproben von ein paar Übergängen und ein spontaner Tonartwechsel. Gitarrist Brausch hat den Kapodaster zu Hause verbummelt. Jetzt passt seine Stimmung nicht mehr so richtig zu der von Saxofonist Herrmann, rein musikalisch natürlich nur. Einen Plan, vorgefertigte Moderationen oder Gags gibt es bei den beiden nicht. „Ich habe jetzt noch keine Ahnung, was ich gleich erzähle“, sagt „Dubbe Sax Olli“ mit einem Grinsen. Da hadert „Schorle Gidda Willi“ noch mit der Tatsache, dass die Marlachfrösche dieses Jahr nur kalte Wienerle statt der bewährten Servela hinter der Bühne servieren: „Die war wirklich sensationell – schad’!“ Ein paar Minuten später läuft’s dann mit freundlicher Unterstützung von Rieslingschorle mal wieder wie geschmiert: Ein bisschen „Du-Du-Dubbeglas“, den Klassiker „Eine Fasnacht wie diese“ hinterher und in Meckenheim stehen die ersten Narren auf den Bierbänken. Um 19.48 Uhr stellt Oliver Herrmann die Frage aller Fragen ans Publikum: „Wollt ihr eine Zugabe?“ Der Saal: „Ja!“ Nur einer brüllt: „Nein!“ Chauffeur Möbius streckt da schon leicht verzweifelt den Autoschlüssel in die Luft, schaut auf die Uhr, schüttelt das weise Haupt: „Ich hab’s genau gewusst ...“ Um 20.01 Uhr sitzen alle wieder im Auto, Willi Brausch angelt das Weinpräsent aus dem Kofferraum – Weißburgunder, warm, nun ja. Auf der A 65 fährt Möbius die entscheidenden Minuten rein, der Toyota rollt kurz vor halb neun auf den Stephan-Cosacchi-Platz. Die FCV-Prunksitzung ist ein absolutes Muss für die Dubbeglas-Brieder. Beide sind sie schon zum „Ritter von der Hobelbank“ geschlagen worden, gehören also jenem erlauchten Kreis von Persönlichkeiten an, in den zuletzt der Designer Harald Glööckler aufgenommen worden ist. Die fast 600 Narren im großen Saal des Congress-Forums werden Zeugen einer Premiere. Mit dem FCV-Aktiven Frank Hüther haben Olli und Willi „Stadt in meinem Herzen geschrieben“, eine Hymne auf Frankenthal und die Fasnacht. „Wir feiern Fasnacht beim FCV, darauf drei scha-la-la Helau Helau ...“ Im nächsten Jahr wird es den Besuchern der Prunksitzung gewiss schon etwas flüssiger von den Lippen kommen. Herr Herrmann wechselt unterdessen in den Rampensau-Modus und klettert katzengleich auf Tisch Nummer drei ganz vorne über Wasser- und Weinflaschen hinweg, nimmt hie und da ein Schlückchen – soviel Anarchie soll/darf/muss schon sein. Zugaben lässt der enge Zeitplan der FCV-Sitzung nicht zu, hinter der Bühne warten prominente Büttenredner, etwa der Weinheimer Markus Weber alias „Fräulein Baumann“ – eine echte Berühmtheit, und sehr in Eile. Willi Brausch erzählt: „Es gibt Leute, die knallen sich bis zu sechs Sitzungen an einem Abend in den Kalender. Wir haben einmal fünf geschafft, vier Termine sind aber einfach entspannter.“ Gutes Stichwort! Auf der Hatz durch die Säle ist Durchschnaufen angesagt: Bis zum nächsten Auftritt in Ludwigshafen im Hemshof ist noch mehr als eine halbe Stunde Zeit ... Auf die Farweschlucker freuen sie sich, die Dubbeglasbrieder. Auf die gewöhnlich großartige Stimmung im Saal, auf ein kühles Bierchen aus dem Tonkrug und auf einen guten Sound. „Dort macht ein Freund von uns, Jens Huthoff, die Technik. Da weißt du, es läuft.“ Die Begrüßung im Bürgersaal Nord gegen 21.30 Uhr ist entsprechend herzlich. Schon aus der Phalanx der im Vorraum versammelten Raucher schallt den beiden Frankenthalern ein vielstimmiges „Servus“ entgegen, im mollig warmen Saal müssen auf dem Weg zur Garderobe zahllose Hände geschüttelt werden. Alte Bekannte. Hinter der Bühne karge Umkleideraum-Tristesse: Gitarre auspacken, nachstimmen. Was kurz darauf auf der Bühne wieder so locker und unverkrampft daherkommt, ist durchaus auch Resultat großer Akribie. Olli Herrmann führt nämlich Buch: Wo und wann die Dubbeglas-Brieder gespielt haben. Und vor allem was. „Unser Anspruch ist schon, dass wir nie beim selben Verein mit demselben Programm auftauchen“, betont er. Also wird immer umgestellt, wo nötig, eine neue Nummer ins Programm genommen. Im Hemshof ist das – volkstümlich formuliert – ziemlich wurscht. Die Leute sind schon aus dem Häuschen, bevor die Brieder überhaupt den ersten Ton spielen. Um 22 Uhr oder ein bisschen später steigt hier auch eine Europaabgeordnete vor Begeisterung auf den Stuhl und tanzt. Ausmarsch und noch einmal durch die Nikotinhölle. Eigentlich pures Gift für die Stimme: die Wärme im Saal, dann der Qualm, die Kälte draußen, die Heizungsluft im Auto. Augen zu und auf nach Maudach, der vierten und letzten Station an diesem Abend, Abschlussnummer bei den Mondglotzern. Die Fahrt durch Ludwigshafen lässt sich gemütlich an, das Navi plappert Anweisungen, Marcus Möbius lenkt und Willi Brausch kramt. In Erinnerungen: an den Pitbull-Terrier seiner Trauzeugin, vor dem sogar gestandene Rocker großen Respekt hatten. „Än mords Kerl, der Kopf schon allein so groß wie ein normaler Hund.“ Die heitere Gelassenheit gerät in Gefahr, als eine Baustelle die direkte Zufahrt zum Julius-Hetterich-Saal versperrt. „Kumm, park vornedraa, mir laafen die paar Meter“, findet Olli. Sein Kompagnon hat seit dem Hemshof genug von längeren Fußmärschen: „Nix do, mer hänn noch zäh Minute. Fahr’ bis hie!“ Möbius fährt „bis hie“. Es ist eine Punktlandung: Gerade läuft die Zugabe der vorhergehenden Büttenrede. Die Dubbeglas-Brieder verschwinden hinter der Bühne. Der Saal braucht dringend irgendeine Form von Wiederbelebung. Deshalb schalten die beiden einen Gang höher: vom Rampensau- in den Weinfestmodus. Das heißt: Publikum einbinden, zum Mitmachen animieren. Oliver Herrmann steigt auf einen Stuhl mitten im Raum und dirigiert die Maudacher zu „Rote Lippen soll man küssen“. Sie schaffen es zum vierten und letzten Mal, dass die Leute toben. Auf der Rückfahrt nach Frankenthal macht sich Müdigkeit breit. Ein Fahrbier noch und der vorletzte Karnevalssamstag ist geschafft ...

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