Frankenthal
Wie die Revolutionsfahne von 1848 wieder aufgetaucht ist
Ein Erkenntnisgewinn am Dienstagabend im Erkenbert-Museum: Atmungsaktive Textilien sind nicht nur für Wanderer im herbstlichen Pfälzerwald eine tolle Sache. Stoffe mit dieser Eigenschaft schützen auch historisch wertvolle Objekte, wenn der Zahn der Zeit ein bisschen zu gierig an ihnen genagt hat. Vom fortschreitenden Zerfall bedroht ist die Fahne der Frankenthaler Bürgerwehr, als sie vor einigen Jahren im Archiv der Turngemeinde auftaucht – verwahrt in einer verhärteten und vergilbten Plastikhülle.
Lange hätte das schwarz-rot-goldene Tuch, auf dem nur noch Reste der früheren Aufschriften zu erkennen sind, in diesem schädlichen Mikroklima nicht mehr durchgehalten, berichtet Museumschefin Maria Lucia Weigel. Den Kellerfund umgehend in die Obhut von Fachleuten zu geben, wie es der TG-Vorstand gemeinsam mit Lokalhistoriker Dieter König seinerzeit entschieden habe, das sei „die einzig sinnvolle Option“ gewesen, sagt Weigel. In einer Vitrine, eingehüllt in das erwähnte atmungsaktive Vlies, ist die Fahne – oder vielmehr nur ein kleiner Teil von ihr – innerhalb der Ausstellung „Willkommen im Museum“ derzeit zu sehen.
Anekdotischer Charme
König, profunder Kenner der Frankenthaler Geschichte und Autor der RHEINPFALZ-Serie „Anno dazumal“, entführt die Besucher seines Vortrags am Dienstag auf eine spannende Zeitreise, lässt örtliche Protagonisten der Revolution 1848/49 auferstehen und zeigt Verbindungen mit der Turnerbewegung auf. Was er berichtet, verdeutlicht mit historischer Akribie und anekdotischem Charme, warum Weigel die Fahne „als sichtbares Zeugnis der Demokratiegeschichte“ rühmt.
Die Archivfunde des früheren Gymnasiallehrers lassen den Schluss zu, dass die bei Turnfesten und anderen Anlässen von Frankenthalern mitgeführte Fahne eine der ältesten noch erhaltenen im süddeutschen Raum sein dürfte. Während sie auf wenigen Fotografien vom Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen ist, verliert sich ihre Spur Dieter König zufolge noch vor dem Zweiten Weltkrieg – bis sie ihm 2019 beim Durchforsten des Vereinsfundus wieder in die Hände fällt.
Aufschlussreiche Stocknägel
Dass es sich um die verschollene „Revolutionsfahne“ handelt, die übrigens Frauen der Stadtgesellschaft der nur aus Männern bestehenden Frankenthaler Bürgerwehr im August 1848 überreicht hatten, sei ihm beim Blick auf die Stange aufgefallen, an der sie hängt, berichtet König. Sogenannte Stocknägel, metallene Erinnerungsplaketten, nennen nicht nur markante Daten der Vereinsgeschichte, sondern auch die erwähnte Übergabe, die „bei Harmonie-Musik und späterem Tanz“ gefeiert worden sei.
Ein kleines Geständnis legt Dieter König noch ab: Zum Entziffern der Stocknägel habe er ein bisschen was von der Schutzröhre, in der die Fahnenstange steckte, entfernen müssen. Maria Lucia Weigel lobt mit Augenzwinkern den „detektivischen Spürsinn“ des Entdeckers. Ihre Hoffnung: dass sich vielleicht noch ein Sponsor findet, der eine Restauration des guten Stücks finanziert. Bis dahin ist das Banner aber sicher verwahrt – geschützt vor dem Museumskäfer, hinter Glas und im atmungsaktiven Mäntelchen.