Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Weltkulturerbe: Ausstellung als Vorläufer für Besucherzentrum eröffnet

Im Jüdischen Museum im Raschi-Haus lädt eine neue Ausstellung zur Entdeckung der Geschichte der Juden am Rhein ein.
Im Jüdischen Museum im Raschi-Haus lädt eine neue Ausstellung zur Entdeckung der Geschichte der Juden am Rhein ein.

900 Jahre Geschichte der jüdischen Gemeinden in Mainz, Worms und Speyer beleuchtet eine Ausstellung im Jüdischen Museum Worms. Sie ist ein wichtiger Beitrag zur Bewerbung der drei Städte um den Titel Weltkulturerbe.

Unter dem Titel „Schum am Rhein – Vom Mittelalter in die Moderne“ sollen anhand von Exponaten sowie mit Videos und Hörinstallationen geschichtliche Hintergründe erfahrbar gemacht werden. „Schum“ steht für die Anfangsbuchstaben der Städte Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz). Die umfangreiche Geschichte und neuzeitliche Aspekte auf so kleinem Raum unterzubringen, sei eine Herausforderung für die Macher gewesen. Gerold Bönnen, als Leiter des Instituts für Stadtgeschichte auch für Jüdisches Museum und Synagoge zuständig, sagt, rund 300 der hauseigenen Objekte seien „in anderen Kontext gestellt“ worden. Gemeinsam mit Susanne Urban, Geschäftsführerin des Vereins Schum-Städte, hat er die Schau kuratiert. Für die Ausstellungspräsentation ist Günter Illner von Conceptdesign verantwortlich.

Mit der Ausstellung, die „irgendwann in einem Besucherzentrum münden soll“, sei neben der wissenschaftlichen Begründung des Antrags und dem Erhaltungskonzept die „wesentliche Rolle der Vermittlung“ erfüllt, so Stefanie Hahn vom Kultusministerium in Mainz. Ein Besucherzentrum sei, sollten die Schum-Stätten Weltkulturerbe werden, verpflichtend und könnte im Umfeld des Raschi-Hauses, vielleicht in einem Anbau realisiert werden, präzisierte Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek (CDU) auf Nachfrage. Dafür sei ein Zeitraum von etwa fünf Jahren angepeilt. Mitte September hätten die Weltkulturerbe-Prüfungsgremien erstmals getagt, hieß es bei der Ausstellungseröffnung.

Tor in die Vergangenheit

Die Schau ist in Stationen eingeteilt. Sie beginnt mit dem „Tor zu Schum“ – das wie in einem Science-Fiction-Film der Eintritt in die Vergangenheit ist, begleitet von Gesängen, Gebeten, aber auch Alltagsgeräuschen. Hier geht es um steinerne Zeugen der langen Geschichte, aber auch um Rituale und Religion. So wird beispielsweise die Bedeutung der Mikwe, dem rituellen Tauchbad, erläutert. Von der ersten Ansiedlung, den Hochs und Tiefs in der gemeinsamen Geschichte von Juden und Christen, über die Shoa bis zum Neuanfang spannt die Ausstellung den Bogen. Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek zitierte bei der Vorstellung der Ausstellung Bischof Rüdiger von Speyer: „Juden steigern die Ehre unserer Stadt um ein Vielfaches“, soll dieser gesagt haben. Tatsächlich seien die Menschen gerufen worden, weil man sich damit eine Belebung der Wirtschaft und damit Größe und Wohlstand versprochen hatte.

Die Shoa, die Verfolgung der Juden in Deutschland, wird nicht abstrakt abgehandelt, sondern am Schicksal von Personen und Zeitzeugenberichten erfahrbar gemacht. Auch diese Videos waren bereits Bestand des Jüdischen Museums.

Auch die Jüdischen Friedhöfe werden präsentiert. Ausgewählte Grabinschriften kann man nachlesen, Symbole werden erklärt, wie etwa die ausgestreckten Hände für einen begrabenen Priester. Mit das wertvollste Objekt, der kunstvoll gearbeitete Pokal der Wormser Beerdigungsbruderschaft aus dem Jahr 1609, ist ebenfalls zu sehen.

Worms als „Jerusalem am Rhein“

Unter dem Titel „Gelehrsamkeit“ geht es um den Gelehrten Raschi und die Bedeutung der Schum-Gemeinden für das aschkenasische Judentum. Das Gebetbuch für hohe Feiertage, der Wormser Machsor, und das Raschi-Haus erzählen ihre Geschichte. „Neues aus Schum“ berichten im Video Moderatorin Petra Gerster und eine Zettelwand mit Ankündigungen – vom Vortrag über rechtliche Alltagsfragen (1020), über den Ausruf „Wir sind entwurzelt“ (1946) bis zur ersten Bar Mizwa 1962 – „eine neue Generation wächst heran.“

Den Legenden und Wundergeschichten, etwa denen eines Juspa Schammes, ist Raum gewidmet, aber auch der Golem wird hier als Plastik des amerikanischen Künstlers Joshua Abarbanel (eine von zwei Leihgaben in der Ausstellung) dargestellt. Zwar sei dieses von Menschen erschaffene Geschöpf, vergleichbar mit heutigen Superhelden, in Prag erstmals in Erscheinung getreten, jedoch habe der Wormser Eleazar ben Jehuda um 1200 das „Rezept“ als Zahlen- und Buchstabenkombination des hebräischen Alphabets entdeckt. Der Gelehrte, für den Worms sein „Jerusalem am Rhein“ war, soll in den Schriften Trost über die Ermordung von Frau und Töchtern gesucht haben.

Noch Fragen?

Das Jüdische Museum im Raschi-Haus, Hintere Judengasse 6, Worms, ist von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr, geöffnet. Telefonisch erreichbar ist die Rezeption unter 06241 853-4701 oder -4707.

Zur Sache Raschi-Haus

Das Raschi-Haus befindet sich exakt an der Stelle, an der seit dem späten 12. Jahrhundert das jüdische Gemeindehaus stand. Ende 1938 bis Ende 1942 wird es als „Judenhaus“ zur Zwischenstation für die aus ihren Wohnungen vertriebenen Juden auf dem Weg in die Vernichtungslager. Der Bau geht nach 1945 ins Eigentum der Stadt Worms über, wird umgenutzt und 1971 abgetragen. An seiner Stelle entsteht zwischen 1980 und 1982 ein Neubau, das jetzige Raschi-Haus. Es nimmt die Form des mittelalterlichen Gebäudes auf. Wertvolle Teile der mittelalterlichen Bausubstanz finden sich noch immer im Untergeschoss. Diese Geschichte, inszeniert in einem bisher nicht zugänglichen Raum, der eine hochmittelalterliche Wand birgt, beleuchtet die neue Ausstellung.

Im historischen Gewölbe im Untergeschoss wird unter anderem die Bedeutung der jüdischen Friedhöfe erläutert.
Im historischen Gewölbe im Untergeschoss wird unter anderem die Bedeutung der jüdischen Friedhöfe erläutert.
Eine von zwei Leihgaben in der Schau: diese Golem-Figur des Künstlers Joshua Abarbanel.
Eine von zwei Leihgaben in der Schau: diese Golem-Figur des Künstlers Joshua Abarbanel.
Um das rituelle Bad in der Mikwe geht es in diesem Teil der Ausstellung.
Um das rituelle Bad in der Mikwe geht es in diesem Teil der Ausstellung.
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