Frankenthal „Weil Maschinen keinen Spaß verstehen“

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In seinem aktuellen Bühnenprogramm „Emfatih“ begibt sich der Kölner Kabarettist Fatih Cevikkollu auf die Suche nach dem verlorenen Mitgefühl in unserer Gesellschaft. Im Wormser Lincoln-Theater nahm er dabei vor 25 Zuschauern Themen wie Rassismus und den Rechtsruck in Europa unter die Lupe, blieb aber zu sehr in gängigen Klischees und Stereotypen hängen.

Kabarett fürs Herz statt fürs Hirn sollte es sein. Ein Programm mit Wahrheiten, die man fühlen muss und weniger verstehen. So stellt Fatih Cevikkollu seinen Ansatz vor, kurz nachdem er den Schrecken verdaut hat, in einem beinahe leeren Theater zu spielen. Ein reizvoller Ansatz, doch so ganz geht der Plan in seinem fünften Bühnenprogramm nicht auf. Mal fehlt es an Tempo und Spannung, dann wieder an konkreten Aussagen. Nun muss nicht jeder Kabarettist rasiermesserscharf argumentieren. Mehr als Zustandsbeschreibungen und subjektive Eindrücke wären aber schon nett. Doch anstatt in die Tiefe zu gehen, bombardiert Cevikkollu sein Publikum erst einmal mit Klischees von Migranten auf der einen und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf der anderen Seite. Einfache Antworten gibt es aber nicht, wenn man komplexe Themen wie Flüchtlingskrise oder Politikverdrossenheit behandelt. Da greift es zu kurz, wenn Cevikkollu Diktatoren ein „Schrumpfhoden-Syndrom“ unterstellt, plakativ einen Entschädigungsfonds der deutschen Rüstungsindustrie für Flüchtlinge fordert oder Polizeibeamten pauschal unterstellt, Probleme mit Ausländern zu haben. „Offiziell leben wir in Deutschland ja in einer Zivilgesellschaft. Aber in einer, die nur dann aufzuschreien scheint, wenn Landsleute betroffen sind“, sagt der Kölner und meint damit Reaktionen auf Ereignisse wie den Flugzeugabsturz einer Germanwings-Maschine im März 2015. Cevikkollu zeichnet ein Land, dessen Bürger hinter vorgehaltener Hand doch mehr Dunkel- als Helldeutschland repräsentieren. Beispielsweise, indem er die Reaktionen seiner Zuschauer interpretiert und hinter nicht wenigen Lachern einen möglichen „Aber-Deutschen“ ausmacht. Und zu denen hat Cevikkollu eine klare Meinung. „Den Aber-Sätzen wie ,ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber ...’ sollte man ein energisches ,halt’s Maul’ entgegenschreien“, betont er. Wenn es nur so einfach wäre. Viel ausgewogener präsentiert sich die zweite Programmhälfte, in der Cevikkollu die Schiene „Deutsche gegen Ausländer“ verlässt und seine Rolle als „Quotentürke des deutschen Fernsehens“ abstreift. Da überrascht der durch Auftritte in der RTL-Sendung „Alles Atze“ bekannt gewordene Comedian und Kabarettist mit Parallelen zwischen der deutschen und türkischen Sprache. Den erstaunten Zuhörern erklärt er, dass über 80 deutsche Worte von türkischen Begriffen abstammten, beispielsweise „Horde“ oder „hurra“. Da reichen dem an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch ausgebildeten Cevikkollu Sprache und Spielkunst, um sein Publikum mitzunehmen. Requisiten und Kostüme benötigt er nicht, den Abend bestreitet der 43-Jährige im blauen Einteiler und in Flip-Flops. Richtig witzig ist der Kölner, wenn er mit spitzer Zunge die Eigenarten der Bewohner seiner Heimatstadt erklärt. „Keiner hat sich aufgeregt, als die Oberbürgermeisterwahl wegen falscher Stimmzettel neu terminiert werden musste, aber versuchen Sie mal, in Köln den Karneval zu verschieben.“ Brillant ist auch die Nummer, in der er die Digitalisierung analysiert und Erwachsene als „digitale Einwanderer“ brandmarkt, die den Jugendlichen, den „digitalen Ureinwohnern“, hoffnungslos hinterherhinken. Doch alles habe seine Schattenseiten, ganze Berufsgruppen würden schon bald verschwinden, prophezeit der Kabarettist. Tröstlich dabei: „Kabarett geht immer – Sie und ich, wir bleiben uns erhalten“, sagt Cevikkollu seinem Publikum zum Abschied. „Weil Maschinen keinen Spaß und keine Pointen verstehen.“

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