Frankenthal Vom Sehnen und Suchen

Schon allein logistisch ist das, was Pfarrerin Cornelia Zeißig und Dekanin Sieglinde Ganz-Walther auf die Beine gestellt haben, ein Kraftakt. Für die Organisatorinnen und ihre Helfer, aber auch für Besucher. Wer alle Bilder und Objekte sehen möchte, braucht Zeit und am besten ein Auto. Neben den Frankenthaler Kirchen Zwölf-Apostel und St. Jakobus werden in den kommenden vier Wochen auch die protestantischen Gotteshäuser in Groß- und Kleinniedesheim, in Heuchelheim und Beindersheim zum Ausstellungsort. Doch wer sagt, dass Sehnsucht leicht zu stillen ist? Sehgewohnheiten in Frage stellt Margret Eicher mit ihren am Computer entworfenen Arbeiten. „Eicher überlässt das Arbeiten anderen oder Maschinen“, formulierte es Ariane Fellbach-Stein, Referentin im Mainzer Kultusministerium, in ihrer Laudatio gestern Abend provokant. Tatsächlich stellt die in Ladenburg lebende Künstlerin vorhandenes Material in einen neuen Kontext, etwa, wenn in ihren digitalen Aquarellen Nachrichtenbilder mit Computer und Drucker so lange bearbeitet werden, bis sie im Vorbeigehen wie liebliche Landschaftsszenen wirken. Geradezu genial ist in der Kleinniedesheimer Kirche das Zusammenspiel mit den dort vorhandenen Gedenktafeln für die Opfer der beiden Weltkriege. Den größten Eingriff in den Kirchenraum stellt wohl Eichers Arbeit in Heuchelheim dar. Der Altarraum wird durch eine bedruckte Folie verhüllt. Comic-Held Tim und sein Hund Struppi wirken darauf ebenso atemlos gehetzt wie der Sonnengott Helios aus einem barocken Würzburger Fresko. Auf der Suche nach Gott, dem Sinn des Lebens – oder einfach nur ziellos. Fast als gehöre er zum Inventar wirkt dagegen einer der zwei großen Wandteppiche in Großniedesheim. In Form und Muster angelehnt an barocke Tapisserien wird darauf modernen Fußballstars gehuldigt. Die Vorlagen für das Motiv stammen aus einem Computerspiel. Eigens zur Vernissage hatte das Mannheimer Saxofonquartett Three Bees and a Bop (mit Daniel Buch und Johannes Reinhuber als Krankheits- und Urlaubsvertretung) drei Barock-Stücke einstudiert, zum Totenkopf-Fries Eichers gab’s einen Trauermarsch aus New Orleans. Zwei recht unterschiedliche Aspekte ihres Schaffens zeigt die Neustadterin Christiane Maether in ihrer Schau, die heute, 18 Uhr, in Beindersheim eröffnet wird. Bewusst sucht sie mit ihren drallen, barock-lebensfrohen Himmelswesen, den „Hambacher Mädchen“, den Dialog zum 300 Jahre alten Posaunenengel, der auf der Kanzel thront. Einen ganz anderen Aspekt des Barock, nämlich das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit, der Allgegenwart des Todes, greift Maether in dem neun Meter breiten Gemälde „Schneckenberg“ auf. An Vanitas-Motive wie Schädel oder Gewürm erinnern die verkohlten Tiere, die Maether bei einem Spaziergang im Wingert entdeckte. Als einzige Künstlerin hat Katharina Fischborn eigens für ihre Schau in der Zwölf-Apostel-Kirche, die am Sonntag, 10 Uhr, eröffnet wird, ein Werk gefertigt. Drei Monate lang hat sie ausschließlich in Handarbeit im Hochdruckverfahren und mit Skalpell-„Zeichnungen“ die Arbeit mit dem Titel „Bleiben“ erstellt. Vom Eingang bis zum Altar zieht sich die klare weiße Linie, ein zentrales Motiv in Fischborns Werk. Auf und unter ihr durchscheinend angeordnet sind Papierflächen mit geometrischen Mustern in grün und rot. Jede Bewegung, jeder Luftzug bringt sie zum Schwingen, lässt das dünne Papier Schatten werfen. Intensiv hat sich die in Langenlonsheim lebende Künstlerin auch mit dem Titel „Sehnsuchtsorte“ auseinandergesetzt. So steckt für sie darin auch Sucht, das krankhafte Sehnen nach etwas. Demgegenüber setzt sie das „Bleiben“, das Angekommensein – ob am richtigen Ort, sei dahin gestellt. In der Kirche zu sehen sind außerdem die im Altarraum hängende Hochdruckinstallation „Diaphane Bindung“ und der dazugehörige Druckstock sowie weitere Druckstöcke einer älteren Arbeit namens „linea continua procedens“ im Foyer. 18 Arbeiten zeigt der Wormser Bildhauer Walter Schembs in der Jakobuskirche im Pilgerpfad (Vernissage: Montag, 11 Uhr), wo seit elf Jahren seine blaue Kreuzfigur im Saal des Gebäudes hängt. Neben den für Schembs typischen Stelen sind einige Gemälde zu sehen, die er erst seit einigen Jahren öffentlich zeigt. Schembs Figuren greifen wohl am deutlichsten das Thema Sehnsucht auf, den Kopf zum Himmel gereckt und doch mit schwerem Körper der Erde verhaftet. Insbesondere die Dreiergruppe neben dem Altar tritt in Dialog mit dem von Emil Wachter gestalteten Raum und seinem hochpolitischen Relief zu Bibeltexten. .