Frankenthal „Viel mehr als Tralala“
Eine kitschig-bunte Zeitreise in die 70er-Jahre gab es am Mittwoch in der Lambsheimer Beachbar. Rokko Rubin und die Schlagerjuwelen spielten sich vor 500 Zuhörern drei Stunden ohne Pause durch den akustischen Gemischtwarenladen der legendären ZDF-Hitparade.
Kitsch oder Kult, Trash oder tiefere Bedeutung? Zugegeben: Aus gebührender zeitlicher Distanz kann das ästhetische Urteil über deutsches Liedgut aus der Prilblumen-Ära differenziert bis milde ausfallen. Dem damaligen Zeitgeist entsprungene Songs von Howard Carpendale, Katja Ebstein, Rex Gildo und Michael Holm gelten heute als kultig, bei den Hipstern der Enkelgeneration genauso wie bei Discofox-Paaren der Altersklasse Ü 60. „Es war eine bunte und originelle Zeit“, ist der Vorderpfälzer Bandleader Rokko Rubin überzeugt. Die Idee, Schlager von einst neu zu beleben und auf die Bühne zu bringen, kam dem Künstler, der lieber nur sein Pseudonym nennen will, „aus einer Laune heraus“ vor vier Jahren. Damals war der große Hype um die „singende Föhnwelle“ Dieter Thomas Kuhn und Grand-Prix-Teilnehmer Guildo Horn mit seinen Orthopädischen Strümpfen eigentlich schon vorbei. Im Raum Vorderpfalz fanden sich neun weitere Mitstreiter für die hehre Sache, allesamt gestandene Profi- oder ambitionierte Hobbymusiker. Geprobt wird in Frankenthal. Die meisten Bandmitglieder spielen in anderen Projekten ordentlichen Rock oder Pop und begeben sich – zum seelischen Ausgleich? – als „Schlagerjuwelen“ auf künstlerische Abwege. Der Spaß an der Sache war allen Akteuren deutlich anzumerken. Auch optisch tauchten die Zehn mit Schlaghose, Rüschenhemd, Minirock und Hippiekleid ein in ihr mit Sonnenblumen dekoriertes Universum. Mit Herzblut und ohne Pause jammten sie sich durch die Hitparade, angefangen mit Caterina Valentes „Sag mir quando, sag mir wann“ bis zu Cliff Richards „Rote Lippen soll man küssen“. 37 Schlager, bei denen das Publikum gerne mitsang, ob bei „Mikka-eeelaa aha“ von Bata Illic oder dem unumgänglichen „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher. Ein halbes Dutzend Edelperlen von Udo Jürgens wie „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“ und „Ich war noch niemals in New York“ standen neben Bekenner-Songs wie „Ich will keine Schokolade“ (Trude Herr) und „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ (Gitte Haenning). Natürlich durfte Peter Maffays Liebesballade „Und es war Sommer“ nicht fehlen, denn Konzerttermin („Es war ein schöner Tag, der letzte im August“) und Location („Wir gingen beide hinunter an den Strand“) waren selten so passend wie hier am Lambsheimer Weiher. Bandleader Rokko Rubin standen mit Belana van de Bernstein und Claudette Glamour zwei muntere Sängerinnen zur Seite. Rikki Jade und Costa Ricca (Gitarre und Bass), Dee Diamond an den Tasten und Florian Flowerpower am Schlagzeug sorgten für einen eingängigen, partytauglichen Sound. Die Blechfraktion geriet stellenweise etwas zu brachial, sie war gleich mit drei Trompeten durch Ilja Trichter, Chaques Permütt und Bata Fly Shivovica sowie Sally Sunchine am Saxofon vertreten. „Das Genre Schlager wird unterschätzt“, sind Rokko und seine Mitstreiter überzeugt, „es ist viel mehr als Tralala.“ Hinter den leichtfüßig wirkenden Ohrwürmern verbergen sich oft komplexe Harmonien und handgemachte Arrangements, in den alten Studioproduktionen sind oft ganze Streichorchester im Einsatz. Den Sound von einst zu entstauben, ihn nicht unkritisch nachzuspielen, sondern mit Witz und Augenzwinkern auf die Bühne zu bringen, ist das Anliegen von Rokko Rubin und seinen Schlagerjuwelen. Bei dem bunt gemischten Publikum am Mittwoch kam das bestens an.