Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Verstörend und genial: Bühnensolo „Kohlhaas – Moral High Ground“ im TAW

Auf Rachefeldzug: Jonas Werling als moderner Michael Kohlhaas.
Auf Rachefeldzug: Jonas Werling als moderner Michael Kohlhaas.

Gerade mal 13 Augenpaare verfolgten am Freitag im TAW die Gewaltspirale eines modernen Michael Kohlhaas. Gestrichen wurde die Aufführung am Samstag, weil keine einzige Karte verkauft wurde. Dabei war das junge politische Theater ein packender Stoff, wenn auch alles andere als leichte Kost.

„Verstörend und genial.“ So lautete der spontane Kommentar einer jungen Lehramtsstudentin aus Mutterstadt nach dem Einmannstück „Kohlhaas – Moral High Ground“ im Theater Alte Werkstatt (TAW). Ihren zukünftigen Schüler würde sie dieses Stück gerne zeigen. Weil Literaturklassiker alles andere sind als dröge, wenn sie ins Hier und Jetzt geholt werden. Und weil Heinrich von Kleists Novelle „Kohlhaas“ in dieser Inszenierung von beängstigender Aktualität ist – mit der zeitlosen Frage, was hinter der Radikalisierung vom kleinen Mann steckt, der durch persönlich erfahrenes Unrecht zum Terror verbreitenden Amokläufer wird.

Held oder Terrorist?

Eine Leinwand bildet das sparsame Bühnenbild. Rechts oben in der Ecke läuft eine digitale Stoppuhr. Als Jonas Werling die Bühne betritt, steht sie bei Null. Als er sie verlässt, hält sie bei 812. So viele Menschen sind in dem Stück gestorben, in dem blutigen Rachefeldzug eines Menschen. Nahe liegt die Assoziation zum jüngsten Amoklauf an einer Grundschule in Texas, zu den Polizistenmorden in Kusel, den Tankstellenmord eines Corona-Gegners in Idar-Oberstein. Die Geschichte, die erzählt wird, lebt ebenso vom Gesagten wie vom Ungesagten, hält sich mit Wertungen bewusst zurück. Und zwingt so zum Nachdenken über den „Moral High Ground“, die moralische Selbstgefälligkeit Einzelner, die zu Selbstjustiz greifen. Die den Glauben an das Rechtssystem verloren haben.

Zuletzt betrat Werling im März die TAW-Bühne als zorniger österreichischer Student Rudi in der Komödie „Plötzlich Pfälzer“. Jetzt hat der 28-jährige Landauer von der Theatergruppe Brachvogel & Werling auch Wut im Bauch, aber dieses Mal ist die Wut existenziell und zerstörerisch. Er ist der Berichterstatter der authentischen Geschichte des Kohlhaas, des Pferdehändlers aus dem 16. Jahrhundert, der wegen Beamtenwillkür zum Massenmörder wurde.

Stoppuhr zeigt die Anzahl der Tötungen an

Den aktuellen Bezug stellen die Regisseure Nadja und Martin Brachvogel durch geschickte Einfälle her: Ihr Kohlhaas mixt die Sprache Kleists mit heutigem Jugendslang. Die auf die Leinwand projizierten Texte geben die Geschichte stichpunktartig wieder, manchmal mit dem Vokabular aus Comics, gelegentlich blitzen scheinbar willkürliche Textfetzen auf – die Definition von Wut aus dem Wörterbuch, die Frage nach männlicher Aggression, eine Studie zur hohen Gewaltbereitschaft amerikanischer Studenten. Und es werden Videosequenzen realer Vorfälle aus sozialen Netzwerken eingeblendet, die unter den Zuschauern ungläubiges, irritiertes Lachen hervorrufen: Ein gepanzerter Bulldozer verwüstet eine Kleinstadt in Colorado. Ein frustrierter Kunde zertrümmert im französischen Dijon Handys. Ein Baggerfahrer, der in London Reihenhäuser demoliert.

Werling wechselt häufig vom sachlich agierenden Erzähler zur Ich-Form. Dann hat der Wutbürger das Sagen, der Schmerz des Michael Kohlhaas quillt mit ungebremster Energie heraus, die Sprache wird zur Waffe und beschreibt nur schwer erträglich brutal verkohlte Menschen in verbrannten Gemäuern, Folter, das Zerstückeln von Körpern. Wirksam untermalt der in weiten Teilen improvisierende Schauspieler dies durch sein Spiel auf der E-Gitarre, mit aggressiven Klängen des Death Metal und kehlig geschrienen Songs mit Zeilen wie „In mir platzt der Wut-Abszess, kill doch mal und vergiss die Sorgen“.

Das Stück entlässt die Zuschauer nachdenklich

Zurück zur Stoppuhr – dem beklemmenden Zählwerk, das im Stück mechanisch die steigende Anzahl der Opfer dokumentiert: Als sie die Eins anzeigt, ist die Kohlhaas’ Frau gestorben. Elisabeth war auf dem Weg zum Kurfürsten verunglückt. Bei ihm hatte sie gehofft Recht zu bekommen für ihren Mann Michael, der vom Junker Wenzel von Tronka ungerecht behandelt worden ist und Rache geschworen hat. Auf ihrem Totenbett flüstert sie noch: „Vergib deinen Feinden.“ Doch umsonst: Nun sammelt Kohlhaas seine Knechte und äschert Tronkas Burg ein: zwölf Tote, aber den Junker bekommt er nicht zu fassen. „Niemand über mir außer Gott, bin mein eigener Meister“, ruft er und überfällt Wittenberg, wo er Tronka vermutet: 68 Tote. Kohlhaas verfolgt den Junker durch Brandenburg und Sachsen, die Stoppuhr wird dreistellig und hält bei 811. Auf die Zahl 812 klickt sie zum Ende der Inszenierung – Kohlhaas wird gefasst und auf dem Schafott enthauptet. Aus dem Off erklingt eine unbeteiligt wirkende Stimme, die in Endlosschleife fragt: „Held oder Terrorist?“ Das in Österreich für einen Jugendtheaterpreis nominierte Stück entlässt die Zuschauer nachdenklich und bedrückt.

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