FRANKENTHAL
Unfallstatistik: Senioren machen der Polizei Sorgen
„Ein paar Parkrempler, das war’s im Wesentlichen“, fasst Vanessa Reinhard ihren Eindruck von der momentanen Lage auf den Straßen Frankenthals, Bobenheim-Roxheims und der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim zusammen. Das werde sich, so die Kommissarin, bestimmt in den 2020er-Zahlen der Unfallstatistik bemerkbar machen. Für das vergangene Jahr hält die Verkehrsspezialistin der Inspektion angesichts von 2133 Unfällen fest: „Wir bewegen uns auf einem sehr ähnlichen Niveau wie 2018.“
Was Reinhard neben der Tatsache, dass auch 2019 wieder ein tödlicher Unfall zu verzeichnen ist, zu denken gibt, ist der leichte Anstieg bei der Anzahl der Verletzten. Mit 50 Fällen mehr, in denen Menschen zu Schaden gekommen sind, bewege sich das immer noch in einem „akzeptablen Rahmen“. Meist gebe es für solche Schwankungen keine klare und damit für die Polizei beeinflussbare Ursache, erläutert die Beamtin. Aber: „Wir müssen und wir werden das beobachten.“
Die „49er“ auf Platz drei
Dazu gehört auch der Blick darauf, wie Unfälle zustande kommen und wer daran beteiligt ist. Nach den beiden Hauptursachen – zu geringer Sicherheitsabstand zum Vordermann (28,9 Prozent) und Zusammenstößen bei Wenden und Rückwärtsfahren (28,4 Prozent) – folgt in der Statistik mit 22,4 Prozent der Block jener polizeiintern nach ihrer Kennziffer als „49er“ bezeichneten Ereignisse. Hinter diesen „sonstigen Ursachen“ verbirgt sich Vanessa Reinhard zufolge auch alles, was mit Ablenkung zu tun hat: Verkehrsteilnehmer, die mit Navi, Radio oder Smartphone hantieren.
Unter den sogenannten Risikogruppen machen Reinhard besonders die Senioren Sorgen. An einem Viertel aller Unfälle ist den Zahlen zufolge die Generation 65 plus beteiligt – besonders häufig bei „klassischen Parkremplern vor dem Supermarkt“, aber auch bei einigen Kollisionen mit Verletzten. Die Kommissarin würde daran gerne etwas ändern, sie räumt allerdings ein: „Wir versuchen viel, aber das ist nicht ganz einfach.“ Die Resonanz auf Veranstaltungen sei schwach gewesen, es gebe wohl Vorbehalte – möglicherweise auch aus Furcht, den dringend benötigten Führerschein verlieren zu können.
Schulwege intensiv kontrolliert
Leichter tut sich die Polizei Reinhards Eindruck nach bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Dennoch gibt es bei den Jungen den einzigen echten statistischen Ausreißer 2019: Die Anzahl verletzter Kinder ist von 25 auf 40 gestiegen – und sie waren häufiger in Unfälle verwickelt als im Vorjahr. Einen Schwerpunkt gebe es nicht, trotzdem habe die Inspektion ihre Kontrollen der Schulwege noch einmal intensiviert. Im Fokus haben die Beamten dabei unter anderem die Situation rund um die Friedrich-Schiller-Realschule. „Solange sich in der Mörscher Straße baulich nichts ändert, sind unsere Möglichkeiten dort sehr eingeschränkt“, sagt Reinhard.
Dass sie sich um die Verkehrssicherheit der Kinder aber perspektivisch ernsthaft Gedanken macht, begründet die Kommissarin mit einer anderen Zahl außerhalb der Unfallstatistik: Von 805 Grundschülern im Dienstbezirk der Inspektion hätten nur 539 die obligatorische Fahrradprüfung bestanden. Reinhard: „Das ist erschreckend.“ Gerade bei Kindern mit ausländischen Wurzeln stehe oft kein eigenes Rad zum Üben zur Verfügung.
Pedelecs kaum auffällig
Die Radler – in den zurückliegenden Jahren oft die Risikogruppe Nummer eins – ist nach Beobachtung Vanessa Reinhards auf ähnlichem Niveau am Unfallgeschehen beteiligt wie in den Vorjahren. Allerdings ist die Anzahl von 122 Unfällen mit Fahrradfahrern das kleinere Problem: „In zwei Drittel der Fälle wird dem Radler die Haupt- oder zumindest eine Teilschuld zugesprochen“, erläutert die Kommissarin. Dass Nutzer von Pedelecs, Rädern mit Elektrohilfsmotor, trotz der steigenden Anzahl auf den Straßen weiter vergleichsweise wenig in Unfälle verwickelt sind, wundert sie. „Entweder gibt es eine gewisse Dunkelziffer oder die Fahrer sind wegen ihres höheren Tempos tatsächlich vorausschauender unterwegs“, überlegt Reinhard.
Bei einem weiteren Hauptthema der vergangenen Zeit – den Unfallfluchten – sieht sie Licht und Schatten: Deren Gesamtanzahl ist zwar von 626 auf 647 leicht nach oben geklettert. Gleichzeitig konnten Reinhard und ihre Kollegen aber 44,2 Prozent dieser Fälle aufklären. Diese Aufklärungsquote zu steigern, gelinge nur mit Hinweisen von Zeugen. „Da muss ich wirklich an alle appellieren, die so etwas beobachten. Denken Sie nicht: Das geht mich nix an!“ Erschreckend ist für die Expertin, dass Verursacher bei 31 Unfällen vom Ort des Geschehens geflüchtet sind, obwohl Menschen sich verletzt hatten.
Zur Sache: Schwerpunkt Stadt
2133 mal hat es im vergangenen Jahr im Dienstgebiet der Polizeiinspektion Frankenthal gekracht – sechs Mal weniger als 2018. 302 Menschen verunglückten dabei, 221 Männer und Frauen wurden leicht, 39 schwer verletzt. Die Hoffnung, dass Frankenthal ein Jahr ohne Verkehrstoten erleben würden, hat sich laut Polizei erneut nicht erfüllt. Im Februar war ein 30 Jahre alter Ludwigshafener mit seinem Wagen von der B 9 auf die Straße am Kanal gestürzt und gestorben. Er saß ohne Gurt und betrunken am Steuer. Die damalige Unfallstelle sei inzwischen zusätzlich abgesichert worden, sagt Vanessa Reinhard. Die räumliche Verteilung des Unfallgeschehens: Die Stadt Frankenthal ist mit 1735 Unfällen natürlich der Schwerpunkt, 241 Mal kollidierten Fahrzeuge in Bobenheim-Roxheim, 251 Mal war das in der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim der Fall. Alkohol und Drogenkonsum spielte nach Angaben der Beamten in nur zehn Fällen eine Rolle. Jeder zehnte Unfall passiert wegen Missachtung von Vorfahrtsregeln. In sieben Prozent ist überhöhtes Tempo die Ursache.