Frankenthal Turnhalle, Theater, Treffpunkt

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Fast 50 Jahre lang Kristallisationspunkt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt, dann fast dem Abriss preisgegeben und in letzter Minute unter Denkmalschutz gestellt – die einstige „gute Stube“ Frankenthals hat in ihrer Geschichte nicht nur ein Schaulaufen prominenter Persönlichkeiten und rauschende Ballnächte erlebt, das Gebäude am Foltzring musste auch eine ganze Reihe von Tiefschlägen einstecken. Der letzte und vermutlich endgültige: Vom derzeitigen Eigentümer Edeka beauftragte Gutachter haben das Feierabendhaus als extrem einsturzgefährdet eingestuft. Weil tragende Teile der Stahlbetonkonstruktion angegriffen sind, will das Unternehmen auch aus Kostengründen lieber neu bauen, als das historische Gebäude zu sanieren. Der Hintergrund: Das Feierabendhaus sollte in den neuen Markt des Unternehmens am Foltzring integriert werden. Dass das Feierabendhaus architektonisch eher einfach gestrickt ist, hängt mit seinem ursprünglichen Verwendungszweck zusammen. Es wurde vom Architekten Fritz Larouette 1909 als Turnhalle geplant – zu einem Zeitpunkt, als die Turnergesellschaft „Gut Heil“ gerade mal 800 Mark in der Vereinskasse hatte. Bei der Einweihung des neuen Domizils zwei Jahre später war der Schuldenstand auf 85.000 Mark angewachsen. Die durch die Explosion in der BASF am 21. September 1921 ausgelöste Druckwelle richtete an dem Gebäude beträchtliche Schäden an. Als in den späten 30er-Jahren den zwangsfusionierten Vereinen die Jahnturnhalle zur Verfügung stand, wurde das Gebäude kurzerhand von der Stadt „vereinnahmt“. 10.000 Mark machte der Rat für den Umbau in ein Konzert- und Theaterhaus mit 830 Sitzplätzen locker und genehmigte zudem die Gründung der Frankenthaler Feierabendhausgesellschaft. Mit der Planung wurde Oberbaurat Gotthold, mit der Bauleitung Inspektor Rudolf Schlatter betraut. Nach einjähriger Bauzeit war das Werk vollendet und der Zweite Weltkrieg neun Wochen alt, als das Feierabendhaus am 7. November 1939 mit Festakt und der Mozart-Oper „Die Hochzeit des Figaro“ durch die Pfalzoper Kaiserslautern eingeweiht wurde. Zitat aus der Nationalsozialistischen Zeitung „Rheinfront“: „Mit der Errichtung eines Feierabendhauses wurde ein Kulturzentrum geschaffen, das seine Kräfte über das unermüdliche Pochen und Hämmern der Arbeit hinweg in die Herzen ausstrahlen wird.“ Am 16. September 1940 war das Feierabendhaus Schauplatz einer peinlichen NSDAP-Kundgebung mit dem vermeintlichen Ritterkreuzträger Adam Drayß, der dem staunenden Publikum über seine Kriegserlebnisse berichtete und schon bald als großer Schwindler entlarvt wurde. Die düpierten NS-Funktionäre beeilten sich, sämtliche auf Drayß’ Ruhmestaten hinweisenden Spuren (Ehrenbürgerschaft, Eintragung ins Goldene Buch) zu beseitigen. Wegen Hochstapelei wurde der von Gauleiter Josef Bürckel noch als Held gepriesene Drayß später zu zehn Jahren Festungshaft verurteilt. Nach dem Krieg lag der Kulturbetrieb in Frankenthal danieder. Das Feierabendhaus wurde nach und nach für Wahlveranstaltungen der Parteien und legendäre Maskenbälle genutzt. Über die Leinwand flimmerten Kinofilme aus der Vorkriegsproduktion. Und im Frühjahr 1950 wich das Schwurgericht für die Verhandlung mehrerer Mordfälle in die unteren Räumen aus, da das Gerichtsgebäude stark beschädigt war. Zu einer Trauerfeier für Landrat Ernst Roth kamen 1951 der SPD-Bundesvorsitzende Kurt Schumacher und Annemarie Renger, spätere Präsidentin des Deutschen Bundestages, ins Feierabendhaus. Behutsam wurde die Kulturszene wieder aufgebaut. Was in der Schauspieler- und Musikerzunft Rang und Namen hatte, gab sich im Feierabendhaus ein Stelldichein: die Sopranistin Erika Köth, die Mimen Hildegard Knef, O.W. Fischer, Bernhard Wicki, Hans-Joachim Kulenkampff, Lieselotte Pulver, Uschi Glas, Ralf Wolter, Beppo Brehm und Luis Trenker. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Über Jahrzehnte war das Feierabendhaus auch Tummelplatz der Fasnachter. Unvergessen bleiben die opulenten Bühnendekorationen des Präsidenten des Frankenthaler Carnevalvereins, Arno Baumann. Kultstatus genossen der von Sanitätsrat Fritz Schweickert ins Leben gerufene „Alte-Leute-Nachmittag“ des Roten Kreuzes und die exklusiven Wohltätigkeitsbälle. Das letzte Stündchen des Hauses als Veranstaltungsort schlug am 29. Juni 1985 mit dem Abi-Ball des Karolinen-Gymnasiums. Wegen einer Reihe bau- und brandschutztechnischer damaligen Mängel war das Gebäude nach der Versammlungsstättenverordnung nicht länger tragbar.

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