Frankenthal Triviale Aufklärung

„Haben Sie einen blöden Partner, kann das Schmerzen verursachen“, dozierte Streeck im Gleis 4.
»Haben Sie einen blöden Partner, kann das Schmerzen verursachen«, dozierte Streeck im Gleis 4.

Medizinische Leiden, die, wie beispielsweise ein Bandscheibenvorfall, mit starken Schmerzen verbunden sind, eignen sich nur bedingt für ein humoristisches Unterhaltungsprogramm. So wurde auch der Auftritt von Jesko Streeck am Donnerstagabend im Kulturzentrum Gleis 4 weniger zu einem Lacherfolg als vielmehr zu einer Aufklärungskampagne über komplexe gesundheitliche Zusammenhänge.

Der Physiotherapeut aus Bobenheim-Roxheim konfrontierte die rund 80 Besucher zunächst mit Röntgen- und MRT-Aufnahmen von Anomalien der Wirbelsäule, um daraus dann die von Ärzten häufig bemühten Floskeln abzuleiten: „Da stimmt etwas nicht“ oder „Sie sind verspannt“. Für das medizinische Dramatisieren des Krankheitsbildes hatte Streeck eine einleuchtende Erklärung parat: „Mit Angst lässt sich viel Geld verdienen.“ Wer eine Diagnose erhalten habe, sollte sie bloß nicht googeln, riet er. Dem 40-Jährigen, der hin und wieder mit seinem Alter kokettierte, und seinen Vortrag mit Anekdoten aus dem persönlichen Erlebnisbereich – etwa der Daumenverletzung bei einer russischen Silvesterparty – anreicherte, gelangen mitunter recht griffige Formulierungen. So bezeichnete er die Arthrose als „die grauen Haare der Gelenke“. Weniger prickelnd war dagegen seine Erkenntnis, dass Schmerzen immer vom Gehirn kämen. Und dann war da noch sein Credo, wonach er in seiner Praxis alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleich behandle – „außer Kassenpatienten“. Streeck räumte mit weit verbreiteten Mythen auf: Eine Bandscheibe könne überhaupt nicht herausspringen und schon gar keinen Nerv abdrücken, dozierte er. Dann schob er den praktischen Rat nach, dass es nicht unbedingt sinnvoll sei, den Rücken zu schonen und sich nicht zu bücken. Und noch einer Legendenbildung beugte er vor: „Wenn Wärme hilft, liegt keine Entzündung vor.“ Streeck bezeichnete es als völlig normal, dass die Beine des Menschen unterschiedlich lang seien. „Eine Synchronität können Sie vergessen.“ Anschaulich und informativ erläuterte Streeck die Funktionen des vegetativen Nervensystems, festgemacht an dem Überlebenskampf zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Spaßbefreit geriet die Vorstellung des „Bio-Psycho-Sozial-Modells“, das in der trivialen Quintessenz gipfelte: „Haben sie einen blöden Partner, kann das Schmerzen verursachen.“ Dafür genügten manchen Besuchern bereits die Videoclips mit Demonstrationen chiropraktischer Griffe – die zu allem Überfluss mit „We Will Rock You“ unterlegt wurden. Das überspannte den Bogen der Satire. Auch wenn der Physiotherapeut sich nach der Pause steigerte: An seiner Vortrags- und Atemtechnik sollte er arbeiten und auf die häufig unvermittelten Lacher vor der Pointe verzichten. So viel innere Unruhe korrespondierte auch nicht mit der für Comedyauftritte untypischen Stille im Publikum. Da lag Streecks nächste Frage fast auf der Hand: „Wer nimmt sich heute noch Zeit für sich selbst?“ Besonders wichtig sei es deshalb, sich für eine gute Durchblutung viel zu bewegen. Wirklich neu sind diese Erkenntnisse beileibe nicht.

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