Bobenheim-Roxheim
Theaterkreis feiert am 30. Juni Premiere mit dem Stück „Die blaue Maus“ auf der Freilichtbühne
Eine skurrile Zeitreise war die Kostümprobe für Beobachter: Rein ins Freilichttheater zwischen Frankenthal und Worms spazierten die zwölf Akteure in Zivil. Um kurz darauf auf der Bühne in der Kleiderordnung vor rund 100 Jahren aufzutauchen: Bauschige, verspielte Kleider für die Damen. Steifer Kragen, Gehrock und Hut für die Herren. Vanessa Friedrich und Isabell Röhrl sind beeindruckt, als sie sich mit Damenmode der Belle Epoque in Schale werfen: „Das macht was mit einem“, meint Friedrich. Röhrl ergänzt, dass sie sich durch das mit Spitzen besetzte hellblaue Kleid viel besser in ihre Rolle als Nichte Anni hineinversetzen könne.
Die beiden Teenager spielen im Theaterkreis Bobenheim-Roxheim erstmals nicht in der Jugendgruppe, wo sie in den vergangenen Aufführungen stets die Ältesten waren. Jetzt sind sie im Erwachsenentheater mit von der Partie. „Hier wird ernsthafter geprobt. Und hier sind wir die Jüngsten“, zieht Friedrich den Vergleich. Beide Oberstufenschülerinnen haben noch ein bis zwei Jahre Zeit bis zum Schulabschluss. Und müssen nicht für wichtige Prüfungen büffeln. Genug Muße also, um ihre Texte zu lernen.
Regisseur Gerwin Schmitt ist als Lehrer für Deutsch und Religion an der Frankenthaler Schiller-Realschule beruflich mehr eingespannt. Zur ersten Kostümprobe kommt er von der Notenkonferenz der Sechstklässler und ist gespannt, wie er sein Ensemble heute benoten wird. Im Februar hatte es mit Leseproben begonnen. Damals noch in den vier Wänden vom Hoftheater Hasch-Masch. Im verregneten April ging es auf die Freilichtbühne. Jetzt ist das Wetter heiß und trocken, jeder Akteur hat ausreichend Getränke im Gepäck.
Lob für die Textsicherheit
Wie ein Trainer vor dem Wettkampf bespricht Schmitt, wann die Laiendarsteller zu Generalprobe und Premiere erscheinen müssen und wer sie schminken wird. Heute ist aber noch kein Make-up nötig. Dann setzt er sich auf die Zuschauerbank und verfolgt gespannt eine Szene aus dem ersten Teil: Hausherr Martin Werner hat sich als Strohwitwer eine Auszeit vom Dasein des braven Ehemanns gegönnt – und hat im exklusiven Nachtclub „Blaue Maus“ mit Damen und Cocktails wild gefeiert. Er hat einen Filmriss und muss von seinem Freund Gustl Laufer erfahren, welche Exzesse er dort erlebt hat. Werners Gattin Brigitte kehrt unerwartet zurück. Und nun entspinnt sich ein Lügengebilde, in dem nicht nur der treulose Pantoffelheld seine Haut zu retten versucht.
Schmitt schreibt eifrig mit, mischt sich aber nicht ein. Nach der Probe wird der Regisseur die Textsicherheit loben und die Choreographie stellenweise bemängeln – Auf- und Abgänge der Darsteller sitzen noch nicht perfekt. Genau dafür ist die heiße Phase vor der Premiere da.
Schwank aus dem Jahr 1897
Das Stück wurde von Schmitt selbst ausgesucht. Es ist ein Schwank von Carl Laufs und Curt Kraatz aus dem Jahr 1897 unter dem Titel „Logenbrüder“, der von Hugo Wiener für das Theater als „Die blaue Maus“ bearbeitet wurde und als eine der witzigsten Komödien der Jahrhundertwende gilt. Die Handlung hat Schmitt von Wien nach Frankfurt verlegt, wobei sie bis hinein in die Pfalz ihre Handlungsstränge ausbreitet. Es ist eine Verwechslungskomödie mit unerwarteten Wendungen.
Die Inszenierung ist historisch und liefert einen augenzwinkernden Einblick in Zeiten, die noch peinlich auf die Trennung der Geschlechter Wert legten. Daher spielt sich ein Großteil der Männerrunden rechts auf der Bühne ab – im Herrenzimmer mit der obligatorischen Bibliothek. Imposante 14 Buchregale türmen sich hier an der Wand. Die Tausende Wälzer sind jedoch nur Illusion: Es ist eine täuschend echte Wand-Tapete mit Buchrücken. Wer sie von Nahem betrachtet, entdeckt ausschließlich französische Titel, da die Tapete aus Frankreich stammt.
Literatur von 1912 aufgetrieben
Links auf der Bühne ist das Revier der weiblichen Gesellschaft – im Zentrum steht ein ausuferndes Sofa, auf dem die Damen eifrig die aktuellen Modetrends studieren. Dafür wurde eigens originale Literatur aufgetrieben: Eine Publikation namens „Mode und Haus“ aus dem Jahre 1912, die den neusten Modeschrei aus Paris reklamiert. Mit komplexen Schnittmusterbögen zum Nähen von Kleidern, die laut der Zeitschrift „ein sommerliches Cachet von glücklichstem Effekt“ versprechen.
Zwischen den Kulissen sieht man Bäume und Sträucher. „Wir wollen dem Publikum keine perfekte Illusion wie im Kino bieten“, sagt Schmitt. Es solle den Charme einer Freilichtbühne mit viel Natur erleben. Und da ist noch der nostalgische Charme längst vergangener Zeiten: Im Stück wird telegrafiert. Die Telefonate werden noch durch das „Fräulein vom Amt“ vermittelt. Und wer nach Informationen sucht, schlägt im dicken Lexikon nach. Nur in einem Punkt darf die Inszenierung modern sein: Die Akteure werden zu den Aufführungen Funk-Mikros tragen. Doch während der Proben gibt es die drahtlosen Mikrofone noch nicht. Und so hat die Kostümprobe den Reiz längst vergangener Zeiten – mit Vogelgezwitscher und dem Brummen der alten Motorflugzeuge, die den Flugplatz Worms ansteuern.
Info
Die Premiere findet am Freitag, 30. Juni, 20 Uhr, statt. Weitere Aufführungen sind freitags, 7., 14. und 21. Juli sowie samstags, 8., 15. und 22 Juli, jeweils um 20 Uhr. Eine Stunde vor Spielbeginn ist Einlass. Karten sind im Internet unter theaterkreis1975.de, bei Dominik Freer, Danziger Str. 1, oder an der Abendkasse erhältlich.