Frankenthal
Theaterkreis Bobenheim-Roxheim: Ingeborg Brand zieht sich als „gute Seele“ zurück
Schon als Kind schlug Ingeborg Brands Herz für das Amateurtheater. Mit 75 Jahren hat sie ihre aktive Arbeit im Theaterkreis Bobenheim-Roxheim beendet – im Zuschauerraum wird sie als Ehrenmitglied trotzdem zu sehen sein, und auch ihre Nähmaschine rattert weiter.
„Irgendwann ist Schluss!“ Das sagt Ingeborg Brand nicht auf der Bühne, sondern in ihrem Bobenheimer Domizil. Unter ihre jahrzehntelange Arbeit für den Theaterkreis Bobenheim-Roxheim hat die 75-Jährige nun einen Punkt gesetzt. Doch die vielen Kostüme in ihrer Werkstatt verraten, dass Brand an der Nähmaschine weiter arbeitet.
Vier Inszenierungen stellt der Verein pro Jahr auf die Bühne. Die Kostüme hat Brand hauptsächlich selbst entworfen und hergestellt. Ein riesiger Fundus ist entstanden, seit die Mitbegründerin des Theaterkreises in den 90er-Jahren das erste Mal ihre alte Pfaff rattern ließ. Zwei Inszenierungen waren besonders anstrengend, erinnert sie sich: „Beim ,Freiheitsbaum’ 1992 mussten Kostüme für 120 Akteure her. Und für die aufwendige ,Passion’ vor 19 Jahren war die Näharbeit der reine Wahnsinn. Ich habe Tage und Nächte durchgearbeitet.“
Zum Geburtstag Nähmaschine vom Theaterverein
Kisten mit Kordeln, Zierbändern und Federn stapeln sich in Brands Werkstatt, außerdem Schnittmuster, Stoffberge und schadhafte Tüllkleider. Neben der unentbehrlichen Schneiderbüste blickt ein Kamelkopf aus einem ehemaligen Kinderstück auf die vollautomatische Brother, die der Verein seiner hauseigenen Schneiderin zum 70. Geburtstag geschenkt hat. „Die hatten dabei natürlich den Hintergedanken, dass ich damit die Kostüme noch schneller und besser nähe“, sagt Brand lächelnd.
„Ich hab mich durch die Jahrhunderte genäht“, erzählt die gelernte Schneiderin, die für historische Stücke ebenso die Nähnadel schwang wie für moderne Inszenierungen. Da Brand gelegentlich Theaterkleider aus reiner Freude am Nähen produzierte, war ab und an ein Schwung an passenden Kostümen da, ehe der Verein ein neues Stück in Angriff nahm. „So war das bei Molières Komödie ,Der Geizige’ in diesem Sommer. Eine Reihe von Kleidern aus der Renaissance hing schon im Schrank, bevor die Proben überhaupt begonnen hatten.“ Nun hofft die Bobenheimerin, dass sie von einem Vereinsmitglied an der Nähmaschine abgelöst wird. „Nach über 80 Inszenierungen sind so viele Kostüme da, dass man viele Modelle nur noch an die aktuellen Stücke anpassen muss.“
Abschied auf Raten
Brands Abschied ist ein Abschied auf Raten: 2012 stand sie bei „Don Quijote“ zum letzten Mal auf der Bühne. Derzeit übergibt sie ihrem Nachfolger Joachim Jähme das Amt der Kassenleitung, und ihre Abschiedsvorstellung als Regisseurin hat sie im Juni auf der Freilichtbühne im Busch gegeben. Das Kinderstück „Doktor Dolittle und seine Tiere“ aufzuführen, war schon immer ihr Traum gewesen. „Vor 20 Jahren habe ich das Kinderbuch von Hugh Lofting gelesen. Es hat mich unheimlich fasziniert. Und im Frühjahr bin ich endlich auf eine geeignete Bühnenfassung gestoßen.“
Die Bühnenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen habe ihr immer viel Freude bereitet, berichtet die Seniorin. „Aber was mit den Jahren immer schwieriger wurde, das waren die Handys, mit denen sich die Kids ablenken ließen.“ Bei den Proben zu „Doktor Dolittle“ machte sie es wie die meisten Lehrer: Die Handys wurden für die Probenstunden einkassiert. „Dann waren die Schauspieler ganz bei der Sache.“
Als Kind Aufführungen mit Kartoffelpuppen
Die Wurzeln ihrer Theaterleidenschaft finden sich in Brands Kindheit. Die kleine Ingeborg spielte gern mit Kasperlepuppen, doch die waren rar in der Nachkriegszeit. „Also habe ich Stöcke genommen und Kartoffelknollen als Köpfe aufgesteckt, die mit der Zeit immer schrumpeliger wurden“, erinnert sie sich. Im Hof baute sie eine kleine Bühne und gab für einen Pfennig Eintritt eigene Vorstellungen. Später formte sie die Köpfe aus Pappmaché. Mit zwölf Jahren schenkten ihr die Eltern zu Weihnachten ein komplettes mobiles Kasperletheater, und Ingeborg gab ihre ersten Gastspiele im Kindergarten.
Die Kostüme für die Handpuppen nähte sie schon als Teenager selbst und stellte damit bereits die Weichen für ihren späteren Ausbildungsberuf als Schneiderin. Als Brand den Beruf wechselte und ins Bankgewerbe einstieg, nähte sie daheim weiter. Mitte der 70er-Jahre betreute sie den Kommunionsunterricht für ihre Kinder Jochen und Cornelia und bekam vom damaligen Pfarrer Josef Humm den Auftrag, mit der Gruppe zu basteln. „Das war mir zu langweilig, und so habe ich mit den Kleinen ,Rumpelstilzchen’ aufgeführt.“
„Ich war fast immer für Theaterkreis da“
Als sich in den 90er-Jahren der Theaterkreis formierte, war Brand sofort dabei. „Bis ich meinen Vollzeitjob bei der Bank mit 60 Jahren an den Nagel hängte, war die Arbeit auf und hinter der Bühne mein Vollzeit-Hobby“, blickt sie mit Wehmut auf die turbulenten Zeiten zurück. „Danach war ich fast immer für den Theaterkreis da.“ Jetzt ist die rüstige Rentnerin mit dem feschen Kurzhaarschnitt Ehrenmitglied des Vereins und sitzt bei den Premieren auf der Freilichtbühne und im Hoftheater Hasch-Masch im Publikum. Vielleicht wird demnächst auf der Bühne ein Darsteller im Kostüm der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ erscheinen. Das schwarze Kleid mit den schillernden Federn hat Brand vom Nationaltheater Mannheim geliehen. Nun hängt das prunkvolle Kostüm in ihrem Flur, und Brand freut sich schon darauf, es zu kopieren.