Frankenthal
Theater Alte Werkstatt: Proben für Weihnachtsstück laufen weiter
Für das neue Kinderstück musste Oliver Dietrich tief in die Trickkiste greifen. Der gebürtige Mannheimer hat ein Händchen für fantasievolle Kostüme. Nun sollte er die Löffelohren einer Elfe so gestalten, dass sie bei jeder Bewegung von Schauspielerin Osina Jung wippen. „Oli hat ein echt organisches Wackeln hingekriegt, völlig technikfrei mit Metallspiralen“ grinst Jung und stülpt sich das rote Samtkäppchen mit Lauschern über. Damit die Nase des Rentiers Rudolph, das Dietrich selbst verkörpert, quasi auf Knopfdruck leuchtet wie eine reife Tomate, steckt unter der Clownsnase eine LED-Leuchte, die Dietrich per Fernbedienung betätigt. Elfe und Rentier retten gemeinsam mit Wackelohren und Leuchtnase schließlich das Weihnachtsfest.
Proben, als wäre demnächst Premiere
Für ein ganz anderes Problem hat niemand im TAW eine Patentlösung: Die Nachricht, dass der Theaterbetrieb ab 2. November mindestens für vier Wochen eingestellt werden muss. Am 14. November hätte „Rudolph mit der roten Nase“ Premiere gehabt. In der Hoffnung, dass im Dezember der Spielbetrieb wieder anläuft, wolle das Ensemble so proben, als wäre demnächst die Premiere. Nach Neujahr ist das Weihnachtsstück nicht mehr aktuell. Es ist nicht die erste Änderung durch die Corona-Pandemie: Eigentlich war für die Herbstsaison „Aladin und die Wunderlampe“ in großer Besetzung und mit opulentem Bühnenbild geplant. Mit der Geschichte vom drolligen Rentier Rudolph hatte Regisseurin Maria Breuer auf die Kontaktbeschränkungen reagiert: „Ein Zweimannstück mit reduzierten Requisiten, mit dem wir auch in Kitas und Schulen gastieren können.“
„Jetzt sind wir das Bühnenbild“, meint Jung als Elfe Jule und lässt die langen Ohren schwingen wie Funkantennen am Auto. Unter dem Wams mit Pluderhose trägt sie geringelte Stümpfe. Als moderne Elfe liebt sie Ausdrücke wie „chill mal!“ und „voll krass“. Für seine Rolle als Rentier Rudolph trägt Dietrich über dem zotteligen Fellkostüm eine bayerische Jodlerhose. Den Kopf ziert eine rote Bommelmütze, aus der niedliche Hörnchen sprießen. „Die Kostüme sind eines der wichtigsten Elemente im Kindertheater“, erklärt er. „Tierfiguren sollten nicht täuschend echt dargestellt werden und menschliche Züge tragen, damit sich die Kinder mit ihnen identifizieren können – das ist immer eine Gratwanderung.“
„Froh, etwas tun zu können“
Breuer ordnet die Requisiten auf der Bühne an: In der Mitte der Schlitten, darum herum liegen täuschend echte Schneebälle aus Kunstwolle. Nach der Hiobsbotschaft ist den Akteuren anzumerken, dass sie nicht aus dem Stand in die humorvolle Kindergeschichte eintauchen können. „Doch wir sind froh, dass wir überhaupt etwas tun können“, sagt Dietrich und bricht das Eis mit einer zünftigen Schneeballschlacht. Sie ist das Herzstück der fünften Szene, in der Jule und Rudolph Freunde werden. Als ein Schneeball in den Zuschauerraum trudelt, mahnt Breuer: „Passt auf, dass der Schnee auf der Bühne bleibt. Erstens wegen der Kontaktbeschränkungen. Zweitens werden sonst die Kinder zu sehr vom Geschehen abgelenkt.“ Was den Akteuren am meisten an der Inszenierung gefällt? „Dass jeder etwas Besonderes hat, mit dem er zum Helden werden kann. Und dass es langweilig ist, normal zu sein“, meint Jung. Wobei: Ein wenig Normalität wäre den Theaterleuten aktuell vielleicht doch ganz lieb.
Zum Stück: Berühmtes Rentier
Wie die weltberühmte Weihnachtsgeschichte über das kleine Rentier Rudolph entstand, ist weitgehend unbekannt: 1939 gab die Kaufhauskette Montgomery Ward aus Chicago für eine Anzeigenkampagne ein eigenes Malbuch mit Versen heraus, das vom rotnasigen Rentier Rudolph handelte. Das Malbuch des Autoren Robert Lewis May wurde zum Bestseller, auf dessen Grundlage der Komponist Johnny Marks 1949 den Song „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ schrieb, der bis heute eines der populärsten Weihnachtslieder ist. Die Geschichte von Rudolph wurde mehrfach verfilmt. Maria Breuer schrieb für das TAW eine eigene Fassung: „Rudolph mit der roten Nase“. Wegen der aktuellen Corona-Regeln müssen die Theater bis voraussichtlich Ende November schließen. Daher wird das Weihnachtsstück erst im Dezember laufen, falls die Hygienebestimmungen es zulassen. Infos zu Spielterminen gibt es voraussichtlich Ende November im Theater Alter Werkstatt, Wormser Straße 109, Telefon 06233 354826, sowie auf der Homepage unter tawfrankenthal.net.