Frankenthal
Theater Alte Werkstatt: Erste Vorführung vor 30 Jahren
Vor allem Kralik und Hörner spürten in der August-Bebel-Straße die abenteuerlichen Bedingungen in der alten Werkstatt. Und das sogar wortwörtlich am eigenen Leib. Die Räume waren in einem schlechten Zustand. An manchen Stellen löste sich der Mörtel und es regnete rein. An manchen Wänden waren die Löcher ausreichend groß, dass man nach draußen schauen konnte – oder nach drinnen, je nach Standpunkt. „Man hat damals schon an die Belüftung gedacht“, lachen Kralik und Hörner. Die Werkstattanlage lag brach, dementsprechend sah es dort aus. Paul Brands, der Urvater des TAW, kannte den Besitzer des Gebäudes und sah darin vor allem eines: eine Chance. „Für ihn war das ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging“, betont Hörner. Doch ohne das viele Geld, das Brands aus seiner eigenen Tasche investierte, wäre das alles nicht möglich gewesen, ist sich das Trio sicher.
Seine Bekanntheit half dem damaligen Leiter, der Deutschlehrer am Albert-Einstein-Gymnasium war und dort auch eine Theater-AG führte, schnell Unterstützer und Förderer zu gewinnen, berichten Hörner und Kralik. Drei bis vier Monate dauerten die Vorbereitungen für die erste Aufführung. „35 Grad und das ohne Klimaanlage: Die Leute haben sich verzweifelt Luft zugefächert, aber die Vorstellung war ausverkauft“, erzählt Hörner, der damals als Regieassistent arbeitete. Über 100 Zuschauer bestaunten das „Sextett“. Für das Stück war Brands ein regelrechter Clou für ein neues Theater gelungen: Er hatte dem saarländischen Landestheater ein Schiff als Bühnenbild abgekauft.
Schnell in Frankenthal etabliert
Brands habe viele Menschen begeistert, erzählt Kralik, der bei der dritten Aufführung erstmals selbst auf der TAW-Bühne stand. „Und er dachte an neue Möglichkeiten. Wir waren damals eines der ersten Theater, das Musik und Kultur zusammenbrachte.“ Es habe in Frankenthal nichts Vergleichbares gegeben, und durch die Theateraffinität des städtischen Kulturbüros habe sich die Einrichtung schnell etabliert. Der damalige Leiter habe sich auch nicht gescheut, mit seinem TAW auf Tournee zu gehen. So erinnern sich Kralik und Hörner an einen Auftritt in Philippsburg. „Der Aufwand für solche Gastspiele war aber einfach zu groß, der Transport der Utensilien zu schwierig“, findet Kralik.
1997 stieß Jürgen Hellmann dazu. Frisch von der Schauspielschule, hatte er beim „Sultan von Westrich“ mit Christine Wiebauer und Werner Metzler seine TAW-Premiere. Und das gleich beim Open-Air in der Erkenbertruine. „Paul Brands rief mich damals an und fragte, ob ich mitmachen möchte. Es hat so viel Spaß gemacht, ich war natürlich sofort dabei“, berichtet Hellmann. Dass er einmal Leiter des Theaters werde, habe er sich damals überhaupt nicht vorstellen können.
Nach acht Jahren umgezogen
Bereits 1999 folgte der Umzug in das Einkaufszentrum in der Wormser Straße 109. „In kurzer Zeit wurde etwas erreicht, was die Leute toll finden. Es war wichtig, dass das TAW in Frankenthal bleibt“, findet Hellmann. Anfang der 2000er-Jahre erlangte das Theater überregionale Bedeutung, als der SWR die im TAW produzierten Mundartaufführungen aufzeichnete und ausstrahlte. Seit 1996 wurde auch in Zusammenarbeit mit der Stadt Frankenthal ein Preis für Mundarttheater vergeben.
Eine Zäsur stellte das Jahr 2010 dar: Nach knapp 20 Jahren hörte Paul Brands als Leiter auf. Nach internen, zum Teil auch vor dem Gericht ausgetragenen Streitereien, übernahm die Schauspielerin Marion Kramper-Erb die Leitung. Vier Jahre später ging das TAW-Zepter an Jürgen Hellmann, Johanna Regenauer und Tobias Kraus. Heute leitet Hellmann das Theater alleine.
Finanzielle Sorgen immer mit an Bord
Ein steter Begleiter in den vergangenen 30 Jahren war die Existenzsicherung der Einrichtung. „Es ging immer darum zu überleben. Das hat mich sehr geprägt, und ich wollte von diesen Gedanken wegkommen“, erklärt Hellmann. Vor allem die Pandemie stellte alle Beteiligten vor eine harte Probe. 70 Prozent der Einnahmen kommen von den Zuschauern – 2019 kamen ungefähr 20.000 zu den über 250 Vorführungen. Die restlichen Einnahmen stammen von Subventionen oder Spenden.
Umso wichtiger ist es laut Hellmann, neue Formate zu entdecken und vor allem auszuprobieren. Das sichere auch langfristig das Überleben des Theaters. „Man darf nicht immer das Gleiche anbieten. Das heißt nicht, dass jede Aufführung anders sein muss, aber wir müssen spannend bleiben, neue Leute ansprechen“, beschreibt der TAW-Leiter, wie die weitere Strategie aussehen soll. Manchmal führe das auch zu einer Gratwanderung. „Einerseits soll es sich wirtschaftlich rechnen, andererseits will man als Künstler nicht nur ein Produkt abliefern. Etwas noch nie gemacht zu haben und auszuprobieren, kreativ zu sein: Darum geht es ja auch“, betont Hellmann.
Klar ist nur die Unklarheit
Eine Erfahrung, die sowohl er als auch Kralik und Hörner gemacht haben, lautet: Vorhersagen sind mit Vorsicht zu genießen. „Man kann im Vorfeld noch so sehr von einem Stück überzeugt sein: Am Ende weiß man nie so genau, wie es beim Publikum ankommt. Und dann gibt es die Aufführungen, bei denen man überhaupt nicht damit rechnet, die aber total gefeiert werden“, berichtet das Trio. Manchmal sei die Grundidee gar nicht das Problem, sondern der Veranstaltungsort. Das zeige sich unter anderem in Großkarlbach, denn das Open-Air werde super angenommen.
Insofern ist die aktuelle TAW-Komödie „Do sinn Sie do richtisch“ in der Erkenbert-Ruine, bei der Uwe Hörner die Regie führt und Siegfried Kralik auf der Bühne steht, nur die logische Konsequenz dieser Strategie. Doch wo sieht Hellmann das TAW in zehn Jahren? Die Antwort darauf fällt Hellmann nicht schwer: „Wir sind dann nicht mehr hier im Einkaufszentrum, arbeiten in einer kreativen Werkstatt mit anderen Institutionen zusammen, haben vielleicht mehr Gastspiele und treten an neuen Orten auf.“