FRANKENTHAL
„Testlauf“ mit neuen Unterrichtsformen am Pfalzinstitut
Seit April ist Ina Knittel Rektorin der Schule am PIH, die sie bereits seit März 2019 kommissarisch geleitet hat. Die 52-Jährige, die in Otterstadt wohnt und zwei Kinder hat, kennt ihren Arbeitsplatz schon lange; seit 1997 ist sie als Förderschullehrerin in Frankenthal tätig. Hier übernahm sie im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Aufgaben, die auch mit Leitungsverantwortung verbunden waren. Sie schätzt die Arbeitsbedingungen, die der Bezirksverband Pfalz als Träger geschaffen hat: „Personell und sachlich sind wir sehr gut ausgestattet“, sagt Knittel im RHEINPFALZ-Gespräch.
Gerade die technische Einrichtung sei „top und auf dem neuesten Stand“, hält Knittel fest. „Viele Klassen haben Smartboards“, also Tafeln mit elektronischer Anzeige. Der Digitalpakt eröffne Möglichkeiten, bei der Ausstattung noch zuzulegen. Ziel sei es, „für alle Schüler mobile Endgeräte“ zu beschaffen. „Dafür schreiben wir Konzepte“, berichtet Knittel. Bis 2021 wolle man die einreichen. Ein weiteres Ziel sei ein flächendeckendes WLAN-Netz. „Da sind wir auf gutem Weg“, sagt die Rektorin, „aber das ist in dem alten Gemäuer nicht so ganz einfach“.
Erfahrungen sammeln
„Corona“ habe einen wichtigen Anstoß geliefert, diese Themen mit noch mehr Energie anzugehen, erklärt Knittel – und ist damit beim Thema, das sie und alle Kolleginnen und Kollegen in diesen Tagen besonders beschäftigt und fordert. Die Entwicklung der Konzepte für den schrittweisen Neustart des Schulbetriebs nach der mehrwöchigen Zwangspause sei auch im PIH mit einem hohen Organisationsaufwand verbunden. Manches, wie die Aufteilung von Klassen auf zwei Räume, damit Sicherheitsabstände eingehalten werden, oder der Wechsel von Bildung in der Schule und zu Hause im Wochenrhythmus, der mit vier Klassen praktiziert werden soll, sei „als Testlauf“ zu sehen. Man müsse Erfahrung sammeln und dann über das weitere Vorgehen entscheiden, sagt die Rektorin.
Schon jetzt aber hat sich bei Knittel der Eindruck verstärkt, dass das Verlagern von Bildungsaufgaben nach Hause belastend für alle Beteiligten wirken kann – und dass die Gefahr besteht, dass manche Kinder umso stärker benachteiligt werden könnten, je länger solche Lösungen genutzt werden müssen. Zum Beispiel auch deshalb, weil Internet-Kommunikation dabei eine entscheidende Rolle spielt. „Einige Familien haben keine Computer“, berichtet Knittel. So riskiere man, dass manche Kinder, die ohnehin Probleme hätten, noch weiter ins Hintertreffen gerieten. Schon aus diesem Grund hofft die Rektorin sehr, „dass diese Corona-Pandemie möglichst bald ein Ende findet“.
Dass es eine sehr erfüllende Aufgabe sein kann, Kindern und Jugendlichen mit beeinträchtigtem Gehör zu helfen, sich zu bilden und beruflich zu orientieren – das erlebte die junge Ina Knittel schon in der eigenen Familie. Aufgewachsen ist sie in Wildeshausen, einer Stadt mit rund 20.000 Einwohnern zwischen Oldenburg und Bremen. „Mein Großvater war Hörgeschädigten-Lehrer“, erzählt sie, wenn sie nach Anregungen für die eigene Berufswahl gefragt wird. Und: Dieser Großvater sei mit einem Kollegen in Frankenthal befreundet gewesen.
Konrektorin ab 2008
Knittel studierte Erziehungswissenschaft, Gehörlosenpädagogik und Lernbehindertenpädagogik an der Uni Hamburg, wechselte nach Heidelberg und bestand 1997 am Staatlichen Seminar für Schulpädagogik die zweite Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen. Im selben Jahr begann sie in Frankenthal. Vielfältig war das pädagogische Angebot des Pfalzinstituts schon damals. Die medizinischen und technischen Möglichkeiten, Hörgeschädigte zu unterstützen, hätten sich seitdem aber noch deutlich verbessert, sagt sie im Rückblick auf diese Anfangszeit. 2008 übernahm Knittel die Stelle einer Konrektorin; Leitungsfunktion hatte sie unter anderem für die Abteilungen mit dem Förderschwerpunkt Lernen und Ganzheitliche Entwicklung.
Das Pfalzinstitut mit seinen Bildungsangeboten heute – das sind „112 Lehrer und pädagogische Fachkräfte“ im allgemeinbildenden Bereich, erläutert Knittel. „Dazu kommen ungefähr 20 Lehrkräfte in der Berufsbildenden Schule.“ Letztere wird von 108 Schülern besucht. 337 sind es in den allgemeinen Schulsparten. Dazu kommen noch 380 Hörgeschädigte in anderen Regelschulen der Region, die von PIH-Fachleuten betreut und beraten werden.
Das Besondere am Pfalzinstitut ist, dass hier überwiegend Kinder und Jugendliche mit Höreinschränkungen und solche, die diese Probleme nicht haben, zusammen betreut und unterrichtet werden. Das gilt für die Integrative Kindertagesstätte mit um die 70 Kindern ab zwei Jahren ebenso wie für die sogenannte Primarstufe der allgemeinbildenden Schule (Klassenjahrgänge eins bis vier) und die Sekundarstufe, die mit der Berufsreife (Klasse neun) oder dem Realschulabschluss (Klasse zehn) beendet werden kann.
Wege zum Abitur
Mit Spannung beobachten Knittel und ihre Kollegen die Fortschritte, die der Erweiterungsbau macht, der gemeinsam mit dem benachbarten Karolinen-Gymnasium genutzt werden soll. Dieses Gemeinschaftsprojekt des Bezirksverbands und der Stadt wird nicht nur die Ausstattung des PIH mit Fachräumen verbessern. Es wird vor allem ermöglichen, dass hörgeschädigte Schüler hier auch Abitur machen können. Das ist derzeit nur nach erfolgreichem Abschluss der Klassenstufe zehn und dem Wechsel vom PIH an ein Gymnasium oder eine Gesamtschule möglich. 2021 soll das neue Gebäude in Betrieb genommen werden. Schon vorher soll das Pfalzinstitut nach Angaben des Bezirksverbands eine neue Führungsstruktur bekommen: mit Verantwortlichen für die Teilbereiche Förderschule, Berufsbildende Schule, Internat, Integrative Kita und Verwaltung. Den Vorsitz des so gebildeten Direktoriums soll dann Förderschulrektorin Knittel übernehmen.
Zur Sache: Differenzen „unüberwindlich“
Dass die Schulleitung am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation (PIH) nach längerer Vakanz im April dieses Jahres mit Ina Knittel neu besetzt worden ist, sei die Folge „unüberwindlicher Differenzen“ mit deren Vorgängern an der Spitze der Bildungseinrichtung. So begründet der Bezirksverband Pfalz in einem Schreiben an die Mitarbeiter des PIH den nun vollzogenen Wechsel. Es gehe dabei um die „Frage der Zusammenarbeit innerhalb der Schule“, aber auch um das Verhältnis zu „den Repräsentanten und Gremien“ des Bezirksverbands, heißt es in dem der RHEINPFALZ vorliegenden Brief. Darin bedauert Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder (CDU) „diese Entwicklung ausdrücklich“, betont allerdings, dass sie zur „Wiederherstellung des Schulfriedens wohl unvermeidlich“ gewesen sei.