Frankenthal / Bobenheim-Roxheim
Startschuss für neues Kieswerk
Zahnpasta, LCD-Fernseher, Dämmmaterial und Wasserfilter: Kaum ein Alltagsprodukt komme ohne Kies und Sand aus. Der Pro-Kopfverbrauch pro Stunde liege bei einem Kilo, erklärt Philipp Rosenberg, Geschäftsführer des Industrieverbands Steine und Erden in Neustadt. Entsprechend wichtig sei es, neue Förderstätten zu erschließen. Das Problem: „Alle setzen voraus, dass die Rohstoffe vorhanden sind, aber die Akzeptanz für deren Gewinnung sinkt“, sagt Rosenberg. Das geplante Werk in Bobenheim-Roxheim, das über Frankenthaler Gemarkungsgebiet erschlossen wird, sei aktuell das größte Projekt in der Kiesgewinnung in Süddeutschland, unterstreicht Hans-Peter Böhn. „Überall sonst gibt es Probleme beim Neuaufschluss von Abbaustätten“, sagt der Willersinn-Geschäftsführer, der seit 2006 an der Idee des neuen Kieswerks arbeitet. Auch in Bobenheim-Roxheim habe es im Vorfeld zahlreiche Hürden, etwa bei der Planung der Zufahrt, in der Abstimmung mit Eigentümern der landwirtschaftlichen Flächen und in Fragen des Naturschutzes gegeben. Dass das Planfeststellungsverfahren nach langer Vorbereitung am Ende in nur einem Jahr über die Bühne gegangen ist, bezeichnet nicht nur Manfred Schanzenbächer von der Aufsichtsbehörde SGD Süd als ungewöhnlich.
Dabei sind die Dimensionen des Vorhabens durchaus beeindruckend. Etwa 81 Hektar groß ist das Gelände des Werks, in dem ab Anfang 2023 bis zu einer Tiefe von etwa 15 Metern Sand und Kies abgebaut werden sollen. Das bisherige Werk am Silbersee soll noch weitere drei bis vier Jahre in Betrieb bleiben und wird dann stillgelegt. Erschlossen wird das neue Betriebsgelände durch eine drei Kilometer lange Zufahrt, die von der Einmündung der K1 südlich der Petersau über Frankenthaler Gemarkung parallel zur B9 zur Bonnau führt. Seit Anfang der Woche rollen hier bereits die Bagger. Bis Ende des Jahres soll der Weg fertig sein, kündigt Christoph Kopper, Geschäftsführer des Werk-Betreibers Willersinn Minerals, an.
Anlage „hochwassersicher“ auf Erdplateau
Bis Sommer 2022 soll dann im Bereich des Deichs Bonnau der Aufbau einer Warft folgen, also eines etwa fünf Hektar großen Erdplateaus, auf der die neue Anlage zur Kiesgewinnung stehen wird. Etwa drei Meter hoch werde das bisherige Areal aufgeschüttet, bis auf die Höhe des Rheinhauptdeichs – und damit hochwassersicher, wie Kopper betont, der auch Geschäftsführer beim Homburger Baustoffproduzenten Alois Omlor GmbH ist – einem von zwei Anteilseignern der Willersinn Minerals.
Per Saugbagger wird das Sand-Kies-Gemisch aus dem Boden geholt und per Druckleitung an Land befördert, wo die beiden Rohstoffe getrennt und für ihre Weiterverarbeitung, etwa in der Betonindustrie, aufbereitet werden. Zu den Kunden des Kieswerks zählen laut Willersinn Minerals Unternehmen im Rhein-Neckar-Raum und in der Pfalz entlang der Autobahn A6 bis Kaiserslautern und Landstuhl. Über eine neue Schiffsbeladeanlage am Rhein, die Anfang 2024 in Betrieb gehen soll, wolle man künftig auch längere Strecken, etwa nach Stuttgart und Heilbronn bedienen. In dieser Region sitzt mit dem Mineralstofflieferanten Mertzmix der zweite Partner bei Willersinn Minerals, der bereits Erfahrung mit Schiffsumschlagplätzen mitbringt. Ziel sei es langfristig, etwa die Hälfte der Ware über die Straße und die andere Hälfte auf dem Wasserweg zu Kunden zu bringen, sagt Mertzmix-Geschäftsführer Benedikt Fahrland. Während ein Lastwagen etwa 100 Tonnen Sand und Kies transportiere, fasse ein Schiff bis zu 3500 Tonnen.
Gutachter: Umwelt profitiert langfristig
Mit größerem Widerstand von Naturschützern gegen das Projekt rechnen die Verantwortlichen in der Bauphase nicht. Alle großen Verbände seien in dem Planungsverfahren beteiligt gewesen. Zudem profitiere die Tier- und Pflanzenwelt auf lange Sicht, erläutert Frieder Däublin, Mitarbeiter des Ingenieurbüros für Umweltplanung Spang, Fischer und Natzschka in Wiesloch, der das Umweltverträglichkeitsgutachten für das Kieswerk Bonnau erstellt hat. Zumal das genutzte Gebiet bislang Ackerland war. „In ehemaligen Abbaugeländen herrscht eine wesentlich höhere Biodiversität“, sagt Däublin. Noch während der Auskiesung, die in drei Abschnitten von Norden nach Süden erfolgen soll, beginne die Rekultivierung. Rund um den künftigen Baggersee entstehe eine Auwaldlandschaft.
Aus Sicht der Stadt Frankenthal ist das geplante Kieswerk ein wichtiges Projekt, das den Standort sichere und Arbeitsplätze für die gesamte Region bringe, sagt Bürgermeister Bernd Knöppel (CDU). Neben dem Ziel, das Unternehmen am Ort zu halten, sei es für die Gemeinde Bobenheim-Roxheim auch wichtig gewesen, dass hier in der Folge ein attraktives Naturschutz- und Seengebiet entstehe. Das müsse allerdings für die Menschen erlebbar sein, sagt der Erste Beigeordnete Frank Peter (CDU).