Frankenthal
Stadtklinik-Chefarzt: Tägliche Begegnung mit Corona belastet und macht Angst
Herbst- oder Winterblues wird häufig als Umschreibung für die gedrückte Stimmung während der dunklen Jahreszeit verwendet. Gibt es auch einen „Corona-Blues“?
Ich glaube, Sie haben hier den passenden Ausdruck für eine neue Alltagsbedrücktheit gefunden! Die tägliche Begegnung mit diesem Thema, egal ob auf der Arbeit, im Fernsehen, in der Zeitung, in der Familie, die tagtäglichen persönlichen Einschränkungen führen zur Belastung – niemand kann sich davon frei machen.
Dieses Virus hat sich vor jetzt fast einem Dreivierteljahr in unser aller Leben geschlichen. Hat Sars-Cov-2 auch die Seele vieler infiziert?
Nun, da gibt es auf der einen Seite die Gruppe derer, die eine Covid-19-Infektion hatten und nun unter den Folgen leiden. Während psychische Folgen nach langer Beatmung nicht überraschen, fallen doch jetzt vermehrt Berichte von Patienten auf, die nach eigentlich harmlosen oder asymptomatischen Verläufen über hartnäckige Erschöpfungs- und Schwächezustände klagen. Das wird noch ein interessantes Forschungsfeld für die Psychosomatiker geben! Auf der anderen Seite gibt es die Mehrheit der „Nicht-Infizierten“ – und hier breitet sich gefühlt Angst und mit dieser Angst auch vermehrt Gereiztheit in der Bevölkerung aus. Als Arzt erlebe ich hier manchmal ein Schwanken zwischen bemerkenswerter Leugnung bis Querulanz und neureligiösen Hygienismus gepaart mit einem rigroros-rechthaberischen Auftreten. Beide Extrempole schaden dem gesellschaftlichen Zusammenleben und der Seele. Etwas mehr Gelassenheit und Humor würde uns allen nicht schaden. Ich sage immer wieder: Corona ist nicht Ebola und auch keine fliegende Infektion wie Windpocken. Maskentragen ist lästig aber auch kein Verlust von Grundrechten!
Welche Folgen der Pandemie sind in Ihrem Fachbereich schon jetzt auszumachen – etwa bei Suchterkrankungen oder Depressionen?
Am Anfang der Pandemie zum ersten Lockdown im März haben wir, wie alle anderen Psychiatrischen Kliniken auch, das Phänomen erlebt, dass bis auf die allerschwerst Kranken unsere Patienten aus Angst vor Corona-Ansteckung wegblieben. Sie kamen dann aber allmählich, aber in Folge mit vor allem dekompensierten Depressionen im Sommer zurück. Es sind besonders ältere Patienten, die unter der Einsamkeit leiden. Es fehlen die Kontakte – zum Beispiel durch die Vereine, Selbsthilfegruppen, durch Freunde, die Besuche in Heimen. Und was jetzt die Älteren trifft, wird bald auch die Jüngeren erreichen: das fehlende Fitnessstudio, die Freunde im Stammlokal. Wir vergessen, wie wichtig die vielen informellen Kontakte des Alltags für unsere Seele sind, die durch die Kontakteinschränkungen zunehmend verlorengehen.
Im Zusammenhang mit Corona werden viele, teils sehr schräge Theorien verbreitet. Sind seelisch kranke Menschen für derlei Dinge empfänglicher oder anfälliger?
Im Gegenteil! Die Mehrheit unserer psychischen Erkrankungen ist durch Angst und Depression geprägt. Diese Mitmenschen neigen zur Vorsicht, sind in ihrem Leben häufig enttäuscht worden und glauben deshalb nicht jeden Mist.
Im Frühjahr war die erste Phase mit Kontakteinschränkungen bei viel Sonne und gutem Wetter ganz gut zu ertragen. Jetzt fallen die dunkle Jahreszeit und der zweite sogenannte Lockdown zusammen. Wie beurteilen Sie diese Gemengelage?
Es war uns allen klar, dass mit der Wintersaison vergleichbar mit der Influenza eine zweite Corona-Welle kommen wird. Und wie schon im Frühjahr kann niemand sagen, wie sich die Zahlen entwickeln werden. Unsere Klinik hat sich, was beispielsweise die Beatmungskapazitäten und die Schutzausrüstungen betrifft, gut vorbereitet. Und wir stehen in enger Kooperation mit anderen Einrichtungen und Partnern. Wir konnten auch im ersten Lockdown unsere Psychiatrische Institutsambulanz aufrechterhalten. Wir hoffen, auch jetzt die Tagesklinik mit einem auf zehn Patienten halbierten Therapieangebot unter strengen Hygieneregeln über die Winterzeit durchzubringen. Den anderen rheinland-pfälzischen Tageskliniken scheint dies mit ähnlichen Konzepten auch zu gelingen. Aber wir können den hohen Bedarf natürlich damit bei Weitem nicht decken.
Wenn jemand bei Verwandten oder Freunden Verhaltensänderungen wahrnimmt oder Stimmungsschwankungen: Wann sollten die Alarmglocken läuten? Was kann derjenige tun?
Rückzugstendenzen, Äußerung von lebensmüden Gedanken, der Hoffnungslosigkeit, Verlust an Interessen, riskantes Verhalten können solche Alarmsignale sein. Es gibt eigentlich eine Vielzahl an Hilfen: das Krisentelefon für Menschen mit psychischen Problemen in Coronazeiten unserer Klinik unter 06233 316717 oder das Krisentelefon für psychisch Kranke unserer Region unter der 0800 2203300. Eine akute Suizidgefahr, wie zum Beispiel in Form von Androhungen, Vorbereitungen oder gar Versuchen, sollte zu sofortigem Handeln führen – wie zum Beispiel den Notarzt über die 19222 zu rufen. Unser ärztlicher Bereitschaftsdienst nimmt sich rund um die Uhr die Zeit, um dann nach einem ausführlichen Gespräch in der Klinik zu entscheiden, ob wirklich eine stationäre Aufnahme erforderlich ist – häufig sind dann doch nur ein Kriseninterventionsgespräch und die Einleitung einer ambulanten Behandlung in unserer Psychiatrischen Institutsambulanz notwendig. Interview: Jörg Schmihing