Ludwigshafen
So hip kann Volkstanz sein: „Carcaça“ wird vom Publikum im Pfalzbau gefeiert
Was für eine wilde Mannschaft! Als wären sie aus einem Nachtclub oder Sportstudio in Lissabon ins Theater gebeamt worden: eine athletische Frau im schwarzen Ringeranzug und grünem Lidschatten, ein Mann mit feuerroten Lippen und so kurzem Croptop, dass die Nippel zu sehen sind. Die meisten mit angesagten Frisuren, Dreadlocks oder Afros im grellen Discolicht. Sie erden sich breitbeinig und kicken mit den Füßen vor und zurück zum durchdringenden Trommelschlag der Live-Percussion von João und den antreibenden Techno-und Dub-Beats von Luís Pestana. Sie galoppieren kräftezehrend auf der Stelle mit schwingenden Armen und entschlossenem Blick wie angreifende Helden im Zeichentrickfilm – die Füße dabei prekär auf die Außenkanten gekippt. Einzelne posieren aufreizend und heben einen Arm über alle hinweg nach dem Motto „Hier bin ich“.
Es ist eine rasante Mischung aus Tänzen wie Krump oder Locking, die in afroamerikanischen Communities auf den Straßen von Los Angeles entstanden sind, und Stilen wie Whacking oder Voguing aus der homosexuellen Szene, mit der sich Einzelne dramatisch auf dem Laufsteg im Club inszenieren. Bei allen geht es darum, sich zu behaupten, Emotionen abzureagieren und die Energien gegenseitig aufzuladen. Wenn man als Minderheit ignoriert und nicht mit einem „Give me five“-Handschlag begrüßt wird, dann klatscht man seine Hand eben laut auf den eigenen Körper – ein Element aus dem Locking-Stil, den der Choreograf Marco da Silva Ferreira hier selbst inmitten der Truppe performt.
Vom Schwimmer zum Tänzer
Viele Streetstyle-Tänze hat Marco da Silva Ferreira zwischen 2002 und 2010 autodidaktisch aufgesogen, nachdem er seine Karriere als Schwimmer nach einem Burnout beendet hatte. Wettkämpfe sind ihm seither zuwider, obwohl er als Gewinner eines portugiesischen TV-Tanzformats bekannt geworden ist. Entscheidender ist, dass er von Hofesh Shechter engagiert wurde und dabei von dem Meister der Gruppendynamik gelernt hat, wie man die Energien eines Ensembles zusammenbraut und wahrhaftig um sein Leben tanzt.
Mit genau diesem Gespür gewinnt der Portugiese das Ludwigshafener Publikum zu Beginn von „Carcaça“ und bringt sie am Ende dazu, im Stehen zu jubeln. Sein bisher „reifstes“ Stück, nennt es der 38-Jährige zu Recht. Es ist sowohl dramaturgisch ausgereift als auch in seiner Tiefgründigkeit und Differenziertheit.
Anbändeln auf dem Fest
Der Choreograf verschiebt geschickt die Grenzen von Geschlechtern und die Bedeutungen von Tanzschritten. Was eben noch eine bunte Party-Horde war, formiert sich im nächsten Moment und absolviert aufrecht so etwas wie den Grundschritt aus dem irischen Volkstanz, auf einem Bein hüpfend und mit einer Fußspitze vorne aufsteppend – es könnte aber auch portugiesische Folklore sein. Zumal sich die Tänzerinnen und Tänzer zu Paaren zusammentun und anlächeln, als würde man in früheren Zeiten auf einem Fest anbändeln. Auch diese Funktion erfüllt das Tanzen damals und heute: um Kontakte zu knüpfen, die große Liebe zu finden und sich einer kollektiven Identität zu versichern. „Das sind wir!“
Das Erbe der Diktatur
Marco da Silva Ferreira bedauert in einem Interview, dass er übers Internet viel über afroamerikanische Tänze gelernt hat, aber wenig über Tänze seiner Heimat weiß. Das Verhältnis vieler Portugiesen zu ihrem folkloristischen Erbe ist gestört, seit es in der 40 Jahre währenden Salazar-Diktatur vereinnahmt und verklärt worden ist. So wie Volkstümelei in Deutschland durch den Nationalsozialismus verleidet wurde. In „Carcaça“, was so viel wie „Gerippe“ heißt, gräbt der 38-Jährige also die Knochen einer vergangenen Zeit aus und packt ordentlich Muskeln und frische Haut drauf, indem er alte und neue Tänze aus Europa und den USA zu einem berauschenden Gebräu verschmilzt. Die Nelkenrevolution, die 1974 die Diktatur in Portugal unblutig beendete, reicht Marco da Silva Ferreira offenbar jedoch nicht. Er ruft lauthals nach mehr Gerechtigkeit zwischen den Klassen und nutzt dabei ein Sportshirt und eine Armprothese.
Gefesselt vom Sportshirt
„Ohne Manieren“ singt eine Frau in einem eingespielten Arbeiterlied. „Denn Manieren sind wie Handschuhe, die Diebe tragen.“ Sie bezichtigt das Bürgertum der Ausbeutung und fordert ihre Gleichgesinnten auf, „gemeinsam einen Schritt nach vorne zu wagen“. Dazu posiert die Gruppe mit hochgereckten Armen. Es erinnert an die Haltung in Folkloretänzen, aber weil die Arme überstreckt, mit einem roten Sportshirt überspannt und gefesselt sind, wirkt es wie Menschen vorm Erschießungskommando. Später wird das Shirt wie eine wehrhafte Peitsche geschleudert und eine siegreiche Fahne geschwungen. Wieder so eine Ermächtigung in der Umdeutung.
Am überraschendsten gelingt das einem Tänzer, dem ein Unterarm fehlt, was sich erst bemerkbar macht, als er mit seiner Prothese laut aufstampft und sie wie ein Gewehr aufs (bürgerliche) Publikum richtet. Er nimmt sie ab und führt damit „trompetend“ den Abmarsch der Kämpfer für Gerechtigkeit an. Die Vision, die das Ensemble mit Licht an die Wand schreibt „Alle Mauern fallen“, ist in diesem Stück also bereits Realität: Alle Denkblockaden und Grenzen hat Marco da Silva Ferreira verschoben oder eingerissen. Es ist ein wahrhaft inklusives Stück, dass die Diversität und Internationalität feiert, und dabei mehr als hip ist.